Dienstag, 12. September 2017

pädagogisch sabotiert

Wer meinen Blog bis hierhin verfolgt hat, dem ist auch mein Sohn als Grundschüler bekannt. Damit ist es jetzt allerdings vorbei. Mit dem heutigen ersten Schultag (in Bayern) ist er Gymnasiast. Und das hat unter anderem auch für Sie als geneigtem Leser dieses Blogs Konsequenzen, nämlich thematische.

Der erste Schultag an einer so genannt weiterführenden Schule findet natürlich mit dem dazugehörigen Tammtamm statt. Eine Vollversammlung aufgeregter Fünftklässler in elterlicher Begleitung, begrüßt vom Schulleiter nebst ausgewähltem Lehrpersonal, Eine spannende Angelegenheit für alle Beteiligten.

Nachdem die Kinder ihren Klassenlehrern zugewiesen wurden, wird mitsamt Eltern zum ersten Mal das Klassenzimmer gestürmt und besichtigt. Und der leitende Pädagoge hält eine zehnminütige Begrüßungsrede, die sich gewaschen hat und die man im Grunde kaum glauben möchte:

„Ihr seid Meister geworden und seid jetzt hier in der Champions League“, erklärt der Klassenlehrer. Und weiter sinngemäß: „Und worum geht es da? Man will den Pokal gewinnen. Das ist hier am Gymnasium das Abitur. Aber bis dahin müsst ihr in jedem Jahr immer wieder Meister werden! Okay, der zweite Platz reicht auch“.

Na, das ist mal eine Einstimmung. Natürlich könnte so ein Lehrer auch erzählen, was es so alles Spannendes in den nächsten Jahren zu lernen gibt, und wieviel Freude das machen kann und wird. Aber nein. Bei freier Wahl der Mittel baut die leitende Lehrkraft offenbar lieber einen Anfangsdruck auf und sabotiert damit sämtliche elterliche Maßnahmen, dem Kind statt solchem Druck die Lernfreude zu erhalten.

Damit geht diese künstliche Druckausübung auf die Kinder also fröhlich weiter. Es begann bereits im Kindergarten („Was auf der Schule alles verlangt wird!“, hieß es) und setzte sich auf der Grundschule fort („Wenn ihr auf’s Gymnasium wollt, dann müsst ihr…“). Setzt man einmal wohlwollend voraus, dass Erzieherinnen und Lehrer das nicht aus Spaß machen, fragt man sich: warum dann?

Und so entpuppt sich das allgemeine Gerede über „Bildung“, das Lästern über so genannte „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder bedingungslos auf’s Gymnasium peitschen, während es doch viel(-)mehr um die Freude am Lernen gehen würde, als bloßes Geschwafel. Die knallharte Praxis bekommen die Kinder zu spüren, unter anderem doch tatsächlich durch ihre Lehrer.

Dienstag, 4. Juli 2017

luftig ausgewichen

Im Grunde möchte ich nicht glauben, dass das wahr ist: Diese pseudowissenschaftliche Sendereihe „Quarks&Co.“ im WDR-Fernsehen erklärte doch nun tatsächlich, wie man als Fahrradfahrer der städtischen Luftverpestung entkommen kann.

Es gibt einige Themen, bei denen ich mich grundsätzlich auf den Arm genommen fühle – ganz egal, um was es dann im Detail geht. Eines davon ist das Thema „Gesundheit“. Und manchmal wundere ich mich, warum das Ganze von den meisten Menschen tatsächlich ernst genommen wird.

Das beginnt schon in Kindergärten und Grundschulen, wenn den Kindern regelmäßig ein „Tag des gesunden Frühstücks“ aufgezwungen wird. Wahrscheinlich deshalb, weil man alles rund um die Gesundheit, inklusive Fitness und Ernährung, mittlerweile als Teil der Bildung verstehen will. Na: schön wär’s.

Es ist schon fast ein Fall für das Kabarett, wenn „Quarks&Co.“ bei der Thematik „Wie gefährlich ist unsere Luft?“ Fahrradfahrern eine spezielle Strategie empfiehlt, um möglichst wenig Schadstoffe einzuatmen. Das gilt dann wohl auch für’s Joggen. Irgendwie dumm, wo „viel Bewegung“ an sich doch so gesund ist.

Das ist jedoch längst nicht alles. Neben unser aller Atemluft sind da noch etliche andere Schadstoffe etwa im Leitungswasser, mit dem gekocht, geduscht und Zähne geputzt wird, weitere Giftstoffe in Hygiene- und Kosmetikprodukten ganz generell und in jedem Plastikprodukt, sowie potenziell gefährliche Zusätze in Lebensmitteln.

Natürlich wird in Deutschland alles genauso penibel auf Schadstoffe geprüft, wie es absolut unvermeidbar ist, etliche in sich aufzunehmen. Das Zauberwort, mit dem wir beruhigt werden, lautet: „Grenzwerte“. Doch niemand weiß, wie sich der Cocktail der Stoffe auswirkt, der sich über Jahre im Körper anreichert.

…aber Kindern will man erzählen, wie immerns wichtig ein „gesundes Frühstück“ ist, und als Erwachsener soll man bloß nicht rauchen und „gesundheitsbewusst“ leben. Achja… und natürlich beim Fahrradfahren und Joggen strategisch der verpesteten Großstadtluft ausweichen.

Mittwoch, 28. Juni 2017

ahnungslos gesichert

Kaum hat Donald Trump möglicherweise den „Weltklimavertrag“ aufgekündigt, ist prompt auch der Klimawandel wieder ein Thema. So „unwissenschaftlich“, wie Trump den Treibhauseffekt leugnet, stellt er angeblich eine „globale Gefahr“ dar. Die Frage ist nur, für was oder wen eigentlich.

Wer etwas „unwissenschaftlich“ betrachtet, stellt also eine Gefahr dar, für sich selbst und für andere. Aber wie ist denn das, wenn man sich (zum Beispiel) dem Klimawandel tatsächlich wissenschaftlich widmet? Man möchte fast sagen: „lieber nicht“. Und das gleich aus mehreren Gründen.

Denn wenn man das tut, wird einem schnell klar, dass auch in der Thematik des Klimawandels kaum etwas von dem „gesicherten Wissen“ existiert, das die Wissenschaft exklusiv für sich beansprucht. Es wird vielmehr wild spekuliert und vermutet, doch das immerhin auf Experten-Niveau.

Und die Medien machen freundlich mit. In den „Tagesthemen“ am 01.06.2017 wurde als direkter Seitenhieb auf Donald Trump erklärt: „97% der Wissenschaftler sind sicher, dass der Klimawandel größtenteils menschengemacht ist. Bei den restlichen 3% wurden methodische Fehler nachgewiesen“. So, so.




Demnach hat man also alle, sämtliche, man hat 100% der Wissenschaftler auf diesem Planeten danach befragt. Ernährungs- und Politikwissenschaftler offenbar eingeschlossen. Interessant. Und davon sind sich 97% „sicher“. Na, dann. Wenn sich jemand sicher ist… Martin Schulz ist sich auch sicher, Bundeskanzler zu werden.

Und außerdem hat man schließlich „den restlichen 3% methodische Fehler nachgewiesen“. Wer das nachgewiesen hat, darf man leider nicht erfahren. Wahrscheinlich die 97% der Experten, die sich sicher sind – und bei denen man jeden methodischen Fehler gänzlich ausschließen kann.

Wussten Sie eigentlich, dass der Klimawandel – und zwar: laut Klimaforschern! – satte 14 Jahre lang „eine Pause gemacht“ hat? Bei dem ganzen Getöse um den Klimawandel wird das allenfalls in einer Randmeldung versteckt. Und die Klimaforscher standen vor einem Rätsel – übrigens auch die, die sich sicher sind.

Nach über 100 vergeblichen Erklärungsansätzen von -zig Klimaforschern verkündeten sie jetzt, das Rätsel endlich gelöst zu haben: Man hat diese kleine Pause kurzerhand lapidar für „bedeutungslos“ erklärt. Und damit hat es sich. Kurz gesagt: „Basta!“. Na, wenn man sich doch schließlich sicher ist…..

Freitag, 2. Juni 2017

klimatisch unterkühlt

Dieser neue US-Präsident schreckt vor nichts zurück. Nun hat er doch tatsächlich den „Weltklimavertrag“ aufgekündigt. Oder auch nicht, sondern erst später, im Jahr 2020, vielleicht. Jedenfalls ist die ganze Welt entsetzt, führende Politiker sind außer sich. Fragt sich nur, warum genau.

Es war schon recht erstaunlich, welches Trara schon weit im Vorfeld darum gemacht wurde, als Donald Trump eine Erklärung zum Klimaschutzabkommen von Paris ankündigte. Als es endlich soweit war, übertrugen TV-Nachrichtensender sogar live aus Washington.

Ein derartiges Getöse wurde nicht einmal gemacht, als Trump „Obamacare“ in wesentlichen Teilen per Dekret einstampfte. Rund 20 Millionen Menschen, die jetzt ohne Krankenversicherung dastehen… okay. Aber wenn Trump den Klimawandel bezweifelt, dann herrscht weltweites Entsetzen.

Dass exact am gleichen Tag verkündet wurde, China dürfe bis zum Jahr 2030(!) die CO2-Emissionen ungebremst auf den Höhepunkt treiben, hat dagegen zu überhaupt keinerlei Reaktionen geführt, weder weltweit, noch ansonsten. Das wird im globalen Emissionshandel einfach irgendwie verrechnet und die Sache ist erledigt.

Bei dem Trara um Trumps Erklärung geht es nicht um Klimaschutz, sondern es geht – wie immer – um Geld. So verlautete prompt, die USA verschaffen sich nun „Wettbewerbsvorteile“, indem sie ihrer Wirtschaft das Einhalten teurer Klimaschutzvorgaben ersparen, das müsse saftige Strafzölle zu Folge haben.

Und auch hierbei lohnt sich wieder ein Seitenblick auf (siehe oben) China. Die Chinesen pochen immer noch auf ihren Status als „Entwicklungsland“, um nicht für Klimaschäden mitzahlen zu müssen und schiebt alle Verantwortung auf die alten Industriestaaten.

Gleichzeitig investiert China jährlich um die 10 Miiliarden Euro überall in Afrika, dem vom Klimawandel am stärksten betroffenen Kontinent. China fördert quer durch Afrika Großprojekte aller Art, in Infrastruktur, Strom- und Wasserversorgung und erhält im Gegenzug Rohstoffe und – vor alem – Einfluss.

An den Pranger aber stellt man Donald Trump, weil der US-Präsident sich gerade wunderbar dazu eignet. Die Chinesen will man schließlich nicht gegen sich haben; dazu sind sie als Handelspartner zu wichtig. Schließlich geht es (siehe oben) allenfalls nebenbei ums Klima. Es geht um Geld.

Mittwoch, 31. Mai 2017

schulzig verwählt

Der vorübergehende Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, hat jetzt endlich seine drei Kernthemen verraten, mit denen er Angela Merkel bis zur Bundestagswahl an die Wand argumentieren will: Gerechtigkeit, Zukunft und Europa. Alle Achtung. Da geht er aber auf’s Ganze, der Herr Schulz.

Zum Beispiel das Thema „Gerechtigkeit“. Allerdings herrscht verbreitet die Einsicht, dass darunter jeder etwas anderes versteht. Doch Martin Schulz macht endlich damit Schluss. Er wird uns demnächst sagen, was wir alle gleichermaßen als gerecht verstehen.

Und das Thema „Zukunft“. Kurz gesagt: Ein thematischer Volltreffer. Die Zukunft geht uns schließlich alle an – spätestens morgen. Und das Thema „Europa“. Natürlich: Wie oft werden wir nachts schweißgebadet wach, weil uns die Probleme in Europa bis in den Tiefschlaf verfolgen.

Dummerweise jedoch beschäftigt die Deutschen – jedenfalls laut Meinungsumfragen – etwas ganz anderes: „Sicherheit“. Nicht einmal aus Angst vor Terroranschlägen, sondern wegen der Menge an Wohnungseinbrüchen. Die gab es zwar schon immer, doch irgendwie ist dieses Phänomen gerade enorm angesagt.

Einerseits könnte man daraus schließen, wie weit unsere Politiker in ihrem „Raumschiff Berlin“ von den Alltagssorgen der Menschen entfernt sind, Da wird von Europa geredet, während sich die Bürger nicht einmal mehr in ihren eigenen vier Wänden sicher fühlen.

Andererseits nicht auszudenken, dieses Thema würde die Bundestagswahl und die Kanzlerschaft entscheiden. Man müsste sich dann fragen, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist, deren größtes Problem die Angst vor Wohnungseinbrüchen ist.

Mittwoch, 10. Mai 2017

problematisch gebildet

Das haben wir nun davon. Da penetriert man uns seit etlichen Jahren mit der Phrase von „mehr Bildung“ und startet „Bildungsoffensiven“ für eine „Bildungsrepublik“. Doch wenn das dann scheinbar erfolgreich war, ist das keineswegs großartig, sondern nur ein neues Problem.

Man macht Eltern heute spätestens ab dem Kindergarten völlig verrückt, sich vorsorglich zur Einschulung verstärkt Sorgen um ihre Kinder zu machen. Und wehe, wenn nicht. Eltern, die das unverantwortlich lockerer sehen und sich partout keine Probleme einreden lassen wollen, wird schnell die Hölle heiß gemacht.

Schließlich geht es um Bildung. Und damit ist nicht zu Spaßen. Lernfreude hin oder her, das muss ernstgenommen werden. Es steht immerhin die ganze Zukunft des Kindes auf dem Spiel. Es gibt tatsächlich Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen, die Kindern mit der Berufskarriere eines Müllmanns oder einer Putzfrau drohen.

Auf diese Weise getrimmt, haben Eltern in den letzten Jahren verstärkt darauf hingewirkt, dass ihr Nachwuchs nicht nur auf das Gymnasium geht, sondern dort auch das Abitur macht. Und so sind wir nun bei einer Rekordzahl von Abiturienten gelandet. Das wird jedoch keineswegs bejubelt.

Im Gegenteil klagt man jetzt über eine „Abiturientenschwemme“. In einer Reportage des WDR-Fernsehens wurde Eltern pauschal vorgeworfen, ihre Kinder unnötig zum Abitur zu treiben. Wo doch für so viele Berufe der Real- oder Hauptschulabschluss völlig ausreichen würde.

Im direkten Anschluss an diese Sendung folgte eine zweite Reportage, in der eine Krankenschwester erklärte, wie wahnsinnig die Digitalsierung in den Krankenhäusern in den letzten paar Jahren zugenommen und durchgehend mit Computern aller Art zu arbeiten hätte. 
Anschließend wurde ausführlich erläutert, wie enorm sich der Beruf des Technischen Zeichners verändert hat. Und das noch ganz abgesehen von früheren Kfz-Mechanikern, die heute -Mechatroniker genannt werden.

Aber nein: Diese Abiturientenschwemme ist ein Problem! Von einer „Entwertung des Abiturs“ ist jetzt die Rede. Man freut sich also nicht über eine „besser gebildete“ Generation, sondern unterstellt, dass heute wohl jeder Depp fähig ist, Abitur zu machen. 

Konsequenz: Man will prompt „das Abitur erschweren und die Messlatte höher legen“. So kann man in ein paar Jahren wieder jammern, dass die Zahl der Abiturienten eingebrochen ist, unsere Kinder offenbar zu dumm sind, die Zukunft Deutschlands in Gefahr ist, dass wir unbedingt mehr Bildung brauchen und alles wieder von vorn.

Samstag, 22. April 2017

wissenschaftlich stillgestanden

„Stillgestanden! Im Gleichschritt: Marsch!“. Was man auf Anbieb eigentlich nur mit Soldatentum in Verbindung bringen würde, haben nun Wissenschaftler für sich entdeckt. Wissenschaftler wagen sich aus ihren sterilen Laboren ans Tageslicht, um zu marschieren.

Der neue US-Präsident Donald J. Trump hat verschiedene „unwissenschaftliche“ Ansichten. Unter anderem bestreitet er sogar den Klimawandel. Unter anderem will Trump deshalb aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigen. Und das als „mächtigster Mann der Welt“. Unfassbar.

Kürzlich wurden von Trumps Pressesprecher sogar glatte Lügen verbreitet. Sein Beraterstab bezeichnete das rhetorisch grandios als ein „Angebot alternativer Fakten“. Doch darüber kann nicht jeder einfach lachen. Am wenigsten offenbar die Gilde humorloser Wissenschaftler.

So, wie früher etwa die Ökobewegung gegen Atomkraft demonstrierte, riefen nun Wissenschaftler auf zum „March for Science“, „marschieren für die Wissenschaft“, nämlich für „die deutliche Unterscheidung von gesichertem Wissen und persönlicher Meinung“.

Eine solche „deutliche Unterscheidung“ wäre mal toll, gerade wenn es um so manchen Unfug geht, der von Wissenschaftlern verbreitet wird. Etwa von einem Stephen Hawking, der kürzlich erklärt hat, dass die Menschheit in spätestens 100 Jahren von diesem Planeten verschwunden sein wird.

Man beachte: der Mann ist Astrophysiker(!) – übrigens ebenso, wie im deutschen Sprachraum ein Ranga Yogeshwar oder Harald Lesch. Es scheint, als ob Astrophysiker eine besondere Neigung dazu haben, sich zu allen möglichen Themen zu äußern, für die sie wissenschaftlich völlig inkompetent sind.

Selbstredend dürfen auch Wissenschaftler zu allem eine Meinung haben. Doch gerade deshalb wäre ein Stempel auf der Stirn zur „deutlichen Unterscheidung von gesichertem Wissen und persönlicher Meinung“ angebracht. Doch im Gegenteil bkommen diese Pseudo-Experten den Zusatztitel „Wissenschaftsjournalist“ und deckt damit kurzerhand beide Bereiche ab.

Freitag, 24. März 2017

nützlich aufgehangen

Im Idealfall hat eine Diskussion oder ein Text einen thematischen Aufhänger; also irgendeinen Punkt, an dem das Ganze thematisch aufgehangen wird. Manchmal wird dabei auch leicht geschummelt, wenn der Aufhänger nur eine Lockfunktion hat. Und manchmal kann das erheblich zynisch werden.

Es ist hilfreich, wenn man weiß, wovon man redet. Beim Thema „Terrorismus“ ist das allerdings eher selten der Fall. Das ist einerseits eine Frage der Definition und Interpretation, andererseits ist es mitunter pure zynische Absicht. Mit gezielter Unklarheit lassen sich Menschen sehr gut verunsichern.

Exemplarisch begutachtet werden konnte das nun wieder bei dem Terroranschlag von London, der medial nicht durchgehend ein Terroranschlag war, sondern oder auch ein „Attentat“, ein „Anschlag“ (ohne „Terror“-) oder ein „Angriff“ oder „Terror-Akt“. Nur eines ist ebenso durchgehend völlig ausgeschlossen: ein Amoklauf.

Der Unterschied ist mindestens schon einmal, dass der proklamierte „Kampf gegen den Terror“ bei Amokläufen nicht zieht. Amokläufer laufen eben Amok, sie schnappen über und drehen durch – wofür es etliche psychische Gründe geben kann, nur keinen religiösen und keinen ideologischen.

Deshalb spricht weder medial noch politisch jemand von einem Amoklauf. Dieser Aufhänger wäre einfach ungeeignet. Medien brauchen das Terrorgetöse für Auflagen und Einschaltquoten. Die Politik braucht es, um den gesellschaftlichen Widerstand zu reduzieren, etwa wenn es um neue Überwachungsmaßnahmen geht.

Und dazu sprach der Bürgermeister von London, Sadiq Khan: Our response to this attack on our city, this attack on our way of life, this attack on our shared values, shows the world what it means to be a Londoner.” Also „ein Angriff auf unseren Lebensstil und unsere Werte” Das würde bei einem Amoklauf etwas seltsam klingen. Das klingt nur bei einem Terroranschlag richtig großartig.

Und so plappern es Menschen ziemlich gedankenlos nach. Unter dem Eindruck eines solchen Bedrohungsszenarios stellt niemand mehr die Frage, ob an unserem Lebensstil und unseren Werten vielleicht tatsächlich einiges haken könnte… ob das wirklich so toll ist, den Klimawandel mitzuverursachen, die Regenwälder abzuholzen, unser Konsumzeugs in „Billiglohnländern“ fertigen zu lassen, jedes Jahr Millionen von Schweinen und Rindern im Akkord am Fließband abzuschlachten, usw, usw.

Und dann sind da noch unsere Werte, die wir verteidigen wollen. Wie hieß es im „heute journal“ des ZDF: „Der IS schafft es, auf die Frustrationen der materiellen Welt mit Idealen und Träumen zu reagieren” Und was ist mit den Idealen und Träumen des Kapitalismus, die Familie mit zwei Kindern, Häuschen mit Garten und Hund?

Wie jeder Ökonom bestätigen wird, ist unsere Ideologie die Anhäufung materieller Werte, unsere Religion ist der Glaube an das Geld. Und wer meint, dass im Gegensatz zum radikalen Islamismus durch den Kapitalismus wenigstens keine Menschen getötet werden, der muss schon maximal verblendet (worden) sein.

Und: Nein! Das, was Islamisten wollen, ist eben nicht, unseren Lebensstil und unsere achso tollen Werte anzugreifen. Das ist nur der Slogan, mit dem man uns verkauft, was wir sonst nicht haben wollen würden.

Dienstag, 21. März 2017

edel aufgeklärt

Zum Glück gibt es im Fernsehen nicht nur puren Unsinn zu ertragen, sondern auch höchst wichtige Aufklärung, die uns alle angeht. Umso erfreulicher, wenn sich das ZDF einem Thema angenommen hat, das noch nie jemals ordentlich dokumentiert wurde: „No-Name oder Marke?“ über vermeintliche Luxusnahrung bei Discountern.

Wenn sich ein moderierender „Starkoch“ zu cleveren Marketingmaßnahmen von Handelskonzernen äußert, dann ist das ungefähr so, wie einen Bademeister zum Klimawandel zu befragen. Da ist es schon beruhigend zu wissen, dass dahinter eine knallhart recherchierende Redaktion steht, die die wirklich wichtigen Probleme dieser Welt wochenlang durchanalysiert.

In „ZDFzeit“ durfte der ahnungslose Zuschauer erfahren, dass Handelskonzerne in ihren Discountern eine völlig neue Idee praktizieren: „Edles No-Name zum kleinen Preis“ und „Feinkost für den kleinen Geldbeutel“, wie es heißt. Käse-Spezialitäten, Champagner, Sushi, Lachs, sogar Burgunderschnecken.

Das wurde schließlich auch Zeit, dass der edle Speis und Trank nicht mehr länger den oberen Zehntausend vorbehalten bleibt, sondern auch Otto Normalkonsument am echten Luxus teilhaben darf. Mit allen Mitteln des modernen Investigativ-Journalismus hat das ZDF jedoch aufgedeckt: Das stimmt gar nicht! Ist das zu fassen.

Jedenfalls in den meisten Fällen ist der Luxus doch glatt gelogen und nur reines Marketing. Und der moderierende Starkoch stellt unmissverständlich klar: „Also, dass Produkte mit blumigen Beschreibungen auf ‚edel‘ getrimmt werden, das ist zwar legal, aber ich muss sagen: Mich ärgert das“. Das musste endlich mal gesagt werden.

Zur Abrundung wird der zuschauende Konsument auch über „Fairness“ aufgeklärt, was vor 20 Jahren im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln noch sehr merkwürdig geklungen hätte. Die Reporter fragen: „Wie steht es da um das Tierwohl?“, denn „die Aufzuchtbedingungen sind meist problematisch“.

In diesem Moment im Bild zu sehen: Eine Packung Burgunderschnecken von Edeka. Leider darf der Zuschauer dennoch nicht erfahren, ob die Aufzucht dieser Schnecken tatsächlich artgerecht stattfindet. Um deren Tierwohl darf man dagegen sicher unbesorgt sein. Im Gegensatz zu Hirschen für’s Gulasch haben Schnecken schließlich ihr eigenes Haus.

Dienstag, 14. Februar 2017

gefährlich alarmiert

Wenn eine Kinderärztin gleichzeitig auch Psychotherapeutin ist, dann muss man damit rechnen, dass eine Mittelohrentzündung durchaus psychische Ursachen haben kann. So ungefähr muss man es jedenfalls bewerten, wenn eine solche Frau im Fernsehen befragt wird und auch noch Antworten gibt.

In Duisburg herrschte kürzlich Alarmstimmung an einem Gymnasium: Eine Schülerin soll auf ihren Tisch die Ankündigung eines Amoklaufes gekritzelt haben. Das ist im Grunde widersinnig, weil man nicht wissen kann, ob und wenn wann man Amok laufen wird. Das hindert heutzutage aber natürlich niemanden daran, von „geplanten Amokläufen“ zu sprechen. Das klingt so schön gefährlich und dramatisch.

Im Regionalfernsehen des WDR wurde abends eine Kinderärztin und Psychotherapeutin dazu befragt. Beginnend mit der Frage, ob Lehrer denn nicht pädagogisch geschult sein sollten, potenzielle Amokläufer unter ihren Schülern zu erkennen. Doch wahrscheinlich sind Lehrer nicht einmal geschult, Schüler zu erkennen, die potenziell Journalismus studieren und dann solche Fragen stellen werden.

Die psychotherapierende Kinderärztin forderte jedenfalls, es würden an Schulen deutlich mehr Psychologen und Sozialpädagogen gebraucht. Es gäbe zwar schon viele, gebräucht würden aber viel mehr. Prima. Und was genau sollen die alle machen? Sich auf dem Schulhof unauffällig unter die Schüler mischen? Oder von einem Wachtturm aus beobachten?

Natürlich müssten aber auch die Eltern noch ein wenig mehr aufpassen, empfiehlt die Medizinerin. Auf „Anzeichen“ achten sollten die Eltern, etwa ob das Kind irgendwie „isoliert“ sei, ob es gewaltverherrlichende Computerspiele spielt, oder sogar frühere Amokläufer als Vorbild hat. An solchen Stellen ist man froh, dass es echte Experten gibt, die ihr geballtes Fachwissen mit uns teilen.

Erstaunlicherweise kam eine umfassend übergreifende Überwachung der Klassenzimmer und Schulhöfe mit Kameras gar nicht zur Sprache. Zusammen mit Aufnahmen aus anderen Kameras im öffentlichen Raum, mit Smartphone-  und Laptopnutzungsdaten und Zugangskontrollen an Schuleingängen könnte man doch sämtliche Risiken minimieren. Rein sicherheitshalber, versteht sich.

Dienstag, 7. Februar 2017

garantiert unverbindlich

Wir leben in unsicheren Zeiten. Wir müssen das einfach hinnehmen. Was auch sonst. Genau deshalb wabert auch alles und jeder immer schön an der Oberfläche entlang, immer schön unverbindlich, bloß nicht festlegen. Das ist sogar beim Wetterbericht schlimmer geworden.

Es war Anfang Dezember als Sven Plöger freitagabends für Nordrhein-Westfalen ankündigte: „Nun kommt er, der Winter, unausweichlich. Morgen schneit es bei Minusgraden“. Was passierte: 4 Grad plus und Regen.
Und ich weiß noch, wie im Radio für den Folgetag schönstes Sommerwetter versprochen wurde, und es am folgenden Regentag hieß: „Über Nacht ist von Osten her ein Tief aufgetaucht“. Tja. Wer kann sowas ahnen. Tückisch, dieses Wetter.

Wie es immer so schön heißt: „Jede Wettervorhersage über drei Tage hinaus ist Quatsch“. Mitunter liegen diplomierte Meteorologen offenbar auch schon einmal von heute auf morgen, für die Zeitspanne der nächsten 12 Stunden komplett daneben. Wie war das noch Karneval 2016: Die Düsseldorfer sagten ihre Umzüge wegen einer Sturmwarnung sicherheitshalber ab, die Kölner taten das todesmutig nicht und erfreuten sich ihrer Umzüge bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein.
Und da will man uns einen globalen Klimawandel erklären, der nun schon seit Jahrzehnten in den nächsten Jahrzehnten stattfinden wird.

Vielleicht sollte man schon deshalb rein sprachlich wieder zum neutralen „Wetterbericht“ zurückkehren. Wenn man nur berichtet, ist das weit weniger verfänglich und verbindlich als das Wetter „vorhersagen“ zu wollen. Jedenfalls hat sich der zwischenzeitlich verwendete Begriff „Wetterprognose“ irgendwie nicht durchsetzen können.

Wie war das kürzlich: „Der Regen wird seltener und schwächer. Morgen vor allem im Süden Lichtblicke; im Norden und Osten gebietsweise Regen. Später dann vor allem in der Mitte Regen. Die Aussichten: Am Dienstag regnet es gebietsweise, im Norden und Westen teilweise freundliche Abschnitte. Am Mittwoch regnet es verbreitet, am Donnerstag viele Wolken und ab und an Regen“.

Da fragt man sich glatt, was das mit „Vorhersage“ zu tun hat. Wenn man sich bewusst macht, dass dafür ein teuer bezahltes Meteorologen-Team verantwortlich ist, das sich dazu noch auf modernste HighTech, Weltraumsatelliten und Hochleistungscomputer stützt. hat das eigentlich nur noch Unterhaltungswert.

Freitag, 27. Januar 2017

physikalisch beunruhigt

In unserer Zeit sind offenbar Talkrunden im Fernsehen nötig, um die Weltlage schonungslos öffentlich zu klären. Dabei scheint zur Dramaturgie unverzichtbar dazu zu gehören, die Zuschauer in irgendein gedankliches Bedrohungsszenario zu versetzen und am Ende verunsichert darin sitzen zu lassen.

Diese Kurve muss man erst einmal kriegen: Im TV-Talk „Lanz“ im ZDF wurde über Donald Trump im Allgemeinen geplaudert; und mittendrin unversehens auf das sehr spezielle Thema „Big Data“ umgeschwenkt. Immerhin wurde einem dadurch klar, warum eigentlich auch Ranga Yogeshwar in der Runde saß.

Trumps Wahlkampf hätte sich schließlich durch eine enorme Sammlung und Auswertung von Daten aller Art, also „Big Data“, ausgezeichnet – als ob das bei anderen heutigen Wahlkämpfen und anderen Kandidaten wesentlich anders wäre. Doch das war jedenfalls die thematische Kurve, die eigens für Yogeshwar gebogen wurde, um ungebremst hinein zu brettern.

„Jeder von uns bewegt sich in Sozialen Netzwerken, jeder von uns hinterlässt so seine Spuren“, erklärte der TV-Wissenschaftler, etwa durch „Gefällt-mir“-Klicks, „und jedes Mal, wenn man das tut“, so Yogeshwar, „offenbart man ein Stück von sich selbst“ und „wenn man alle diese Daten miteinander verbindet“, entstehe „ein sehr interessantes Profil einer Person“.

„Interessant“. Natürlich. Mindestens so interessant wie der Gedanke, man könne anhand solcher Profile auch die Aliens ausfindig machen, die unerkannt mitten unter uns leben. Ungefähr aus solchen Sphären heraus erklärt Yogeshwar dann: „Man kommt, je mehr Daten man sammelt, zu einem immer genaueren Bild […] Im nächsten Schritt kann ich vorhersagen, was diese Person tut“.

Dummerweise wollte der Experte an dieser Stelle unbedingt eine Parallele zur Erfindung der „Schleyer-Fahndung“ in den 1970er Jahren ziehen. Im Erinnerungsverlust, dass die damalige Aktion vollständig in die Hose ging. Ebenso wie die Terroranschläge in Paris Ende 2015 nicht verhindert werden konnten, „trotz“ Unmengen zuvor gesammelter Daten. Und ganz frisch im Kopf müssten eigentlich noch die beiden Umfragedesaster vor dem „Brexit“ und der US-Wahl sein.

Der Punkt ist: In einer Unmenge von Zahlen und Daten geht man ruckzuck des Überblicks verlustig. Wissenschaftlich nennt man das „Unschärfe“. Und zumindest ein Wissenschaftler wie Ranga Yogeshwar sollte das wissen und die Unschärferelation kennen: „Mehr Information führt nicht zu mehr Klarheit, sondern im Gegenteil zu mehr Unklarheit“.

Alternativ darf man sich auch an Prof. Gerd Gigerenzer orientieren, der sich mit Risikokompetenz beschäftigt: „„Je komplexer die Situation ist, desto einfacher müssen die Vorhersagemethoden sein, weil man sonst irrelevante Informationen heranzieht“. In der Statistik nennt man diese Unschärfe „overfitting“.

Doch solche Relativierungen sind offenbar nicht erwünscht. Bei freier Wahl bevorzugt man doch lieber, den Menschen nur die Hälfte zu erzählen und Horrorszenarien zu creieren – mit tatkräftiger Hilfe eines Physikers, der inzwischen für nahezu sämtliche Themen für kompetent gehalten wird.