Dienstag, 21. Februar 2006

Verwechseltes

Ich sage immer: Wenn es möglich ist, die Aufmerksamkeit von Menschen auf irgendetwas Bestimmtes zu lenken, dann ist es auch möglich, die Aufmerksamkeit der Menschen von etwas abzulenken. Und ich kann mich des Eindrucks inzwischen nicht mehr erwehren, dass Letzteres zurzeit stattfindet.

Wenn ich mir so ansehe, was in den letzten paar Wochen und Monaten die Nachrichtenlage dominiert, dann finde ich unter anderem diverse Schlagzeilen über den Iran und einen "Atomstreit" (wobei mir bisher unbekannt war, dass sich auch Atome streiten).
Ich finde weitere Schlagzeilen über einen so genannten "Gammelfleisch-Skandal", der offenbar keiner mehr zu sein scheint, und über einen Streit über irgendeine Karikatur, die bestimmte Leute urkomisch und andere Leute beleidigend finden.
Weitere Schlagzeilen betreffen eine Grippewelle, die sich allmählich unter den gefiederten Lebewesen ausbreitet und unter bestimmten Umständen auch Menschen zum Husten bringen könnte, soweit ich das in hektisch-dramatischen Berichterstattungen verstanden habe. Einige Tage lang beherrschte auch die Wetterlage in Bayern sehr auffällig das Nachrichtengeschehen. Es ging dabei um leise rieselnden Schnee, der Menschen und Dächern zu schaffen machte. Das Ganze dürfte spätestens dann wieder zum Thema werden, sobald der Schnee seinen Aggregatzustand ändert und sich in Form von "reißenden Fluten" in Bewegung setzen wird.
Nicht zuletzt ist auch der innerdeutsche Einsatz der Bundeswehr als eine Art "Ersatzpolizei" erstaunlich oft in den Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate zu finden. Und das, obwohl nicht nur erstens das Grundgesetz dagegen spricht, sondern zweitens auch die Mehrheit des Bundestages. Ich glaube, so etwas nennt man "Geisterdebatte".

Bei all dem frage ich mich: Was ist eigentlich mit dem Wechsel, den die deutsche Bevölkerung am 18. September letzten Jahres gewählt hat? "Wechsel wählen" hieß der Aufruf der CDU, der zu einem messbarem Erfolg führte. Inzwischen beschleicht mich das Gefühl, dass hier entweder etwas ver-wechselt wurde oder sich einige Menschen ver-wählt haben.
Zugegeben: Man hat uns schließlich nicht gesagt, worauf sich dieser Wechsel bezieht. Wenn damit lediglich ein Austausch von Personen gemeint war, dann trifft die "Politik der neuen Ehrlichkeit" natürlich durchaus zu, die uns Angela Merkel vor den Wahlen in Aussicht gestellt hat.Anders gesagt: Wo ist die Ausholbewegung zum entscheidenden Schlag gegen die Massenarbeitslosigkeit? Wann werden denn nun die Konzepte aus der Schublade geholt, die die neue Regierungspartei (und sicher natürlich auch die alte) vor der Wahl so mühsam ausgearbeitet hatten? Oder hatte man womöglich keine? Weder hier noch dort?

Es scheint so. Vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass zurzeit in Deutschland Plakate mit dem Hinweis auf eine gewisse "Agenda 2010" geklebt werden. Alte Plakate der rot-grünen Vorgänger-Regierung also - weil es noch keine neuen gibt, wie das Bundespresseamt verlauten ließ. Aha. Nun gut. Warten wir einmal ab. Wir haben ja Zeit. Ich gebe offen zu, dass ich Angela vermisst habe, als die Menschen in Bayern im Schnee versunken sind. Das liegt jedoch wahrscheinlich eher daran, dass sich Vorgänger Schröder bei derartigen Ereignissen schlagartig die Stiefel schnürte und als "Krisenmanager" auftauchte. Angela ist eben nicht Gerhard. Die einen werden sagen "Gott sei Dank", die anderen werden sagen "Leider". Vielleicht können sich alle jedoch darauf einigen, dass "der Wechsel" angeblich wegen etwas anderem zustande kam. Und dass es allmählich Zeit wird, dann doch einmal etwas in Bewegung zu setzen. Ich bin jedenfalls gespannt, wann zum ersten Mal so etwas wie ein "Konzept" in den Schlagzeilen auftauchen wird. Hauptsache natürlich: Keine unnötige Hektik. Bis es so weit ist, lassen wir uns eben mit ein paar anderen Themen bei Laune halten. Die "Vogelgrippe" bietet da sicher noch reichlich Nachrichten-Potenzial. Wenn das langweilig geworden ist, beginnt praktischerweise die Fußball-WM, anschließend wird die parlamentarische "Sommerpause" wie immer mit irgendwelchen Atem beraubenden Themen gefüllt, und schon haben wir wieder Weihnachten. Wie doch die Zeit vergeht...

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