Montag, 1. April 2013

Dauergrün statt rot vor Wut


Na, endlich. Darauf hat die Welt gewartet: Nie wieder lästiges Warten bei Ampelrot! In das Auto einsteigen und bei „grüner Welle“ direkt zum Ziel. Modernste Technikvernetzung soll nun den Autofahrertraum vom Dauergrün auf ganzer Strecke wahr werden lassen. Allerdings spielen auch Umweltaspekte eine gewichtige Rolle.

Mindestens 7 Minuten vor dem geplanten Fahrtantritt legt der Autofahrer sein Fahrtziel und die Route mit einer Handy-App fest, die – vernetzt mit den Navigationssystemen anderer Autofahrer, sowie mit regionalen Verkehrsleitsystemen – die Ampelschaltung so reguliert, dass man bei Dauergrün zum Ziel gelangt.

Ein Team von Stauforschern an der Universität Duisburg-Essen um Prof. Dr. Kowalski, Dr. rer. nat. Koslowski und Peter Prczebylski hat in fast 20 Jahren Zusammenarbeit mit BMW das „Green Wave Driving System“ (GWDS) entwickelt und jetzt vorgestellt. Der BMW-Sprecher A. Prilwitz erklärte heute: „Das System funktioniert momentan bei maximal 6,8 Ampeln, die auf der Fahrtstrecke liegen und 57,2 anderen Verkehrsteilnehmern im Radius von 4,9 Kilometern um das eigene Fahrzeug“.

Freilich geht es bei dieser Innovation nicht nur um das Autofahrerglück, sondern auch um die Umwelt. Das GWDS trägt letztlich zu Treibstoff- und damit Ressourcenersparnis bei, vermindert die Schadstoffbelastung in der Atemluft und Lärmbelästigung bei Bürgern, die an Ampelkreuzungen wohnen. In der Testphase steht das System zunächst für Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Ambulanz, sowie für Taxifahrer und Pizzaboten zur Verfügung.

Samstag, 16. Februar 2013

SKANDAL! Pferde in der Tiefkühlabteilung


Na, endlich. Da sind wir (bis jetzt) in diesem Winter der schon gewohnten Pandemiepanik irgendeiner gemeingefährlichen exotischen Grippe entronnen und mussten uns mit einer lächerlichen Plagiatsaffäre der Bildungsministerin begnügen. Doch nun haben wir endlich einen handfesten Skandal mit dem man uns ausgiebig beschäftigen kann: Pferdefleisch in Lasagne. Köstlich.

Alles begann mit der Nachricht, dass auf zwei Schlachthöfen in England Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne verarbeitet wurde. Prompt weitete sich dieser Skandal auf andere Länder aus, unfassbarerweise sogar bis in das so penibel kontrollwütige Deutschland. Es lebe die Globalisierung.
Doch: Was genau ist eigentlich das Problem? Angeblich schmeckt Pferdefleisch nicht nur prima, sondern ist sogar richtig gesund. Also: Was ist das Problem?

Natürlich: Pferde genießen in unserem Kulturkreis einen etwas anderen Status gegenüber beispielsweise Rindern, Schweinen und Hühnern. Pferde können eine echte Wertanlage sein, sind zum Dressur- und Springreiten nahezu unverzichtbar und in Form von Ponys gerade für Kinder besonders goldig. Aber sonst? Was ist das Problem? Oder darf man Fleisch erst ruhigen Gewissens verspeisen, nachdem man den dazugehörigen Tieren durch Massenproduktion ihren Status als Mitgeschöpf geraubt hat?

Was ist das Problem? Ist das Problem der Etikettenschwindel? Rinderhack möge bitte aus Rindfleisch bestehen, nicht aus Pferd? Etwa so, wie dem Verbraucher Formfleisch als Schinken untergejubelt wird und Analogkäse, der mit Käse nicht viel zu tun hat?
Was ist das Problem? Ist das Problem der Kontrollverlust? Rindfleisch wird lückenlos deklariert, von der Geburt des Rindes über die Aufzucht bis zur Schlachtung. Das will die EU schon länger auf anderes Fleisch ausweiten, nun vielleicht auch auf Pferde, damit wir alle beruhigt sind. Und bis jemand auf die Idee kommt, in Lasagne auch einmal nach Känguruh- oder Kamelfleisch zu suchen.
Was ist das Problem? Etwa, dass über Pferdefleisch auch Spuren von Phenylbutazon in die Nahrungskette gelangt sein sollen, ein Schmerzmittel, das Pferden gern verabreicht wird? So ähnlich, wie sich Spuren von Schlafmitteln, Psychopharmaka und Anti-Baby-Pillen (u.v.a.) in unser aller Trinkwasser befinden, mit dem wir tagtäglich unsere Mahlzeiten kochen?

Je nach dem, was nun das Problem ist, ist Verbraucherministerin Ilse Aiger dazu berufen, sich darum zu kümmern. Die Frau Aigner, die vor einem Jahr die Diskussion hochelegant auf das Mindesthaltbarkeitsdatum lenkte, als es eigentlich darum ging, dass in Deutschland 500.000 Kinder Hunger leiden. Die Frau Aigner, die kürzlich Bauernproteste gegen EU-Subventionskürzungen von 3,5 Milliarden Euro mit dem Hinweis entschärfte, die Bauern hätten doch nun schließlich Planungssicherheit.
Das wird noch spannend. Vielleicht diskutieren wir bald darüber, ob Lasagne mit Phenylbutazon-Zusatz nur mit Beipackzettel in Apotheken verkauft werden sollte und wie kompetent man in Apotheken beraten wird.

Samstag, 2. Februar 2013

Diagnose ADHS: „Gestört“ sind nicht die Kinder


Innerhalb von 5 Jahren (2006-2011) ist angeblich die Menge der Kinder und Jugendlichen mit diagnostizierter Aufmerksamkeitsstörung „ADHS“ um 42 Prozent gestiegen. Wenn das so weiter geht, gehören Kinder ohne ADHS bald zu den Außenseitern. Man unterschlägt dabei, dass nicht nur die Kinder als „psychisch gestört“ stigmatisiert werden, sondern gleichzeitig immer auch die Eltern – mehrfach – mitbetroffen sind.

Wann ist eine Aufmerksamkeit eigentlich gestört? Was man versucht zu pathologisieren, sind natürlich nicht die permanent „von außen einwirkenden“ Aufmerksamkeitsstörungen, etwa durch Radio, Werbung, Telefonklingeln, etc, sondern ist eine etwaige persönliche „Störung der Aufmerksamkeitsfähigkeit“. 
Man sollte das tatsächlich so genau nehmen. Im ersten Fall nämlich lässt sich die jeweilige Störung problemlos identifizieren, in letzterem Fall soll sie zwar äußerlich erahnbar, jedoch ursächlich irgendwo „im“ Menschen, im Kopf oder sonstwo versteckt liegen. 

Bei dieser Sichtweise lässt sich daraus kurzerhand eine Krankheit machen, die man „ADHS“ getauft hat, erklärt medizinisches Fachpersonal für zuständig, entwickelt technische und methodische Verfahren zur Diagnose, sowie Therapien und Psychopharmaka zur Behandlung.
Bei dieser Sichtweise eine scheinbar zwangsläufige, weil scheinbar logische Folge- und Ablaufkette von Konsequenzen.

Einmal abgesehen davon, dass man u.a. in Italien eine andere Sichtweise hat: Dort gibt es ADHS (noch) nicht, weil man Defizite in der kindlichen Aufmerksamkeit schlicht und einfach nicht als Krankheit betrachtet, also auch nicht medizinisch, sondern als Herausforderung an Eltern und Lehrer, also pädagogisch.
Und einmal abgesehen davon, dass kritische Ärzte ADHS als „Modediagnose“ bezeichnen, dass also nicht etwa die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen explodiert, sondern lediglich die Zahl der Diagnosen; was zwei Paar Schuhe sind.

Doch es gäbe da auch noch eine völlig andere Möglichkeit: Was als ein „Defizit“ in der Konzentrationsfähigkeit missverstanden wird, ist eventuell vielmehr eine Auswirkung des „Telematischen Zeitalters“. 
Der Medienforscher Vilém Flusser prophezeite, dass wir uns aus der alten Schriftkultur des Buchdruck-Zeitalters heraus-entwickeln, mitten hinein in eine „telematische Gesellschaft“, geprägt von Computerisierung, Medialisierung und Digitalisierung. Die Dominanz von „Technobildern“ (Piktogramme, Icons, etc) würde das Alphabet als vorherrschenden Kommunikationscode ablösen. Damit würde sich so einiges verändern, was nur in einer von Schrift und Text dominierten Welt als „selbstverständlich“ gilt.

Angenommen, Flusser hatte recht. Dann wäre u.a. das, was man als (psychische/soziale) Defizite und als pathologische Symptome (u.a. als „ADHS“) deuten will, nichts weiter als ein eklatantes Fehlverständnis. Die Unfähigkeit zu erkennen, dass Kinder nicht nur biologische Nachkömmlinge sind, sondern in einer anderen Welt aufwachsen, von der sie anders geprägt werden, als jede frühere Generation. Eventuell völlig anders, als das, was die alten Maßstäbe und Kriterien hergeben, und die alten Experten alter Prägung verstehen können.


Dienstag, 29. Januar 2013

Alle frei und gleich in den Fortschritt


US-Präsident Obama hat vor einer Woche seine zweite Amtszeit angetreten, traditionsgemäß am 21. Januar, dem „Inauguration Day“. Ein begrifflich grober Lapsus der US-Amerikaner, die ansonsten verkäuferisch so enorm talentiert sind. Vielleicht ist auch nur die zeitgemäße und werblich cleverere Kurzform „iDay“ längst von „Apple“ patentiert. Am präsidialen Verkaufserfolg ändert das allerdings nichts.

Eines muss man den US-Amerikanern lassen: Wenn sie etwas nahezu perfekt beherrschen, dann ist es die Inszenierung. Erst recht natürlich, wenn es um die Stellenbesetzung des „Mächtigsten Mannes der Welt“ geht. Die Vorstellung, das würde hierzulande ähnlich inszeniert, geschweige denn medial in alle Welt live übertragen, ist dabei erstaunlich absurd.

Perfekte Inszenierung. Wie eine TV-Dokumentation anlässlich des „Inauguration Day“ verriet, sorgt ein Stab von zwei bis drei Dutzend PR-Beratern dafür, dass der US-Präsident imagemäßig optimal auftritt – oder dafür, dass es wenigstens so scheint als ob.
Nach diversen Fettnapftritten früherer Präsidenten sei es in unserer heutigen Medienlandschaft völlig undenkbar, dass Barack Obama öffentlich auch nur ein einziges Wort spontan äußern würde. Völlig undenkbar. Tatsächlich sei restlos alles, jedes Wort und jede Geste vorher detailliert besprochen und abgeprüft. Restlos alles.
Mit dieser Information möge man sich nun die Tränen in Erinnerung rufen, die sich der US-Präsident im Dezember während seiner Rede nach dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown aus dem Auge wischte.

Zurück zum „Inauguration Day“: Der alte und neue US-Präsident, laut Medien nicht nur amtlich, sondern auch persönlich. Aus dem „Messias“ sei quasi ein „Obama 2.0“ geworden. Kein wolkiges Pathos-Gerede mehr, sondern konkrete Ansagen würde er nun liefern. Hieß es.
Und wie konkret ist es, wenn ein US-Präsident „das amerikanische Versprechen von Freiheit und Gleichheit“ nicht nur einfach nebenbei anspricht, sondern gar „beschwört“?

„Freiheit“ heißt dann vielleicht konkret: „Du bist frei! Also ruf´nicht nach dem Staat. Wenn du dich bedroht fühlst, hast du die Freiheit, dir Waffen zu kaufen. Wenn du krank bist, hast du jede Freiheit, dich behandeln zu lassen. Wenn du keinen Job und kein Geld hast, hast du ein Problem. Es ist dein Problem. Kümmere dich selbst darum. Du bist schließlich frei!“.
„Gleichheit“ wiederum heißt vielleicht konkret, frei nach Henry Ford: „Sie können einen Ford in jeder Farbe haben, die Sie wollen – solange es schwarz ist“. Nur, wenn alle gleich sind, wenn alle das gleiche wollen, können wir auch alles an alle verkaufen, Coca-Cola, McDonald´s, Levis, Disney und Hollywood, das Tellerwäscher-Ideal, die Wegwerf-Mentalität und den „American Way Of Live“.

Insgesamt ist das jedenfalls ein echter Verkaufsschlager, in alle Welt exportiert, es lebe die Globalisierung. Hier und da hapert es an der Freiheit, woanders noch an der Gleichheit, manchmal fehlt es auch nur ein bisschen an der Inszenierung. Doch jeder kleine Fortschritt in diese Richtung wird als Fortschritt gefordert, gefördert und gefeiert.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Dschungelcamp macht PISA-Studien überflüssig


Dieser Blogeintrag hat das Potenzial, den Unmut von rund 39% der werten Leser zu erregen – jedenfalls, sofern sie sich innerhalb der „werberelevanten Zielgruppe“ im Alter zwischen 14 und 49 aufhalten und kürzlich zu der Rekordeinschaltquote des RTL-„Dschungelcamp“ beigetragen haben.

Wenn eine Partei an einem Wahltag 39% der Stimmen holt, dann gilt das in der Regel als „klarer Wählerauftrag“ zur verantwortlichen Regierungsbildung. Bei dieser Analogie kann es einem die Nackenhaare sträuben, wenn das RTL-„Dschungelcamp“ ebenso viele Zuschauer hat. Und der Großteil davon ist tatsächlich wahlberechtigt.

Zugegeben: Dieser Gedankengang wird nicht für jeden auf Anhieb nachvollziehbar sein, vielleicht sogar nur für relativ wenige. Wenn man etwas für viele und für die Masse machen will, muss es schon simpler sein. So wird das Simple zum Maßstab für Erfolg. Das kennt man in Vollendung bereits aus der Werbung. Und die wurde schließlich längst zum Kulturgut erhoben.

Wer nach dem Maßstab des Simplen und der Masse so richtig erfolgreich sein will, der wird am besten Unterhalter. Ganz simpel eine Masse von Menschen zu unterhalten, damit kann man spielend Millionen verdienen. Von Mario Barth über Thomas Gottschalk und Verona Pooth bis zu Günter Jauch. Wen es nicht ganz so ins Rampenlicht zieht, der macht sich in der Unterhaltungsindustrie selbstständig, produziert Computerspiele oder entwickelt TV-„Formate“ wie etwa das „Dschungelcamp“. Simpel. Massenkompatibel. Erfolgreich.

Im Grunde könnte man sich damit jede weitere PISA-Studie sparen (oder zumindest das Etikett auf dieser Mogelpackung, es ginge dabei um „Bildung“). Ein intellektuelles Gegenstück zum „Dschungelcamp“ wären wohl paar Denker, die befristet in ein Studio gesperrt werden, um über tiefsinnige Fragen unserer Zeit zu plaudern, etwa das „Nachtstudio“ im ZDF, das kürzlich aus dem Programm gestrichen wurde. Womöglich, um mit dem eingesparten Geld das Honorar für Cindy aus Marzahn als neue Assistentin bei „Wetten, dass…?“ zahlen zu können.

Jedenfalls ist schon der offizielle Titel „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!“ geeignet, um sich Fragen zu stellen. Als oberflächlicher Betrachter erschließt sich einem der Sinn nicht ganz, wo es doch für die Teilnehmer im Gegenteil wohl darum geht, möglichst lange in diesem „Camp“ zu verweilen. Dankbar wiederum ist man für den Hinweis, dass es sich hierbei um Stars handeln soll. Vielleicht sind das solche, die ansonsten incognito bleiben wollen und sich gut getarnt zwischen der C- und D-Reihe der „Promis“ verstecken.

Doch bei allem Lästern: Der kurzschlüssige Rückschluss, bei den Zuschauern des „Dschungelcamp“ würde es sich nur um bildungsferne Dumpfbacken handeln, ist ein Trugschluss. Tatsächlich sind hochintelligente Menschen darunter, die auch ein solches „Trash-TV“ schlicht und einfach als unterhaltsam empfinden.
Und das, wohlwissend darum, dass es sich bei solchen Aussendungen um Produkte handelt, die nicht für Menschen produziert werden, die unterhalten werden wollen, sondern auch gerade für die, die das nicht wollen, und eigentlich Besseres zu tun hätten; die nur deshalb überhaupt einschalten, weil es... gezeigt wird. Darüber machen sich TV-Produktionsfirmen und Medienforscher ganz sicher erheblich mehr Gedanken als die Zuschauer. Müsste noch geklärt werden, wer davon strategisch im Vorteil ist.

Freitag, 4. Januar 2013

richtig weniger kann falscher mehr sein


…und umgekehrt. Wenn Sie bis hierhin nur „Bahnhof“ verstehen, liegt das daran, dass das gesamte Thema ohnehin ziemlich paradox sein kann: „weniger ist mehr“, also lieber etwas weniger mehr, dafür eben mehr weniger. Kein Wunder, wenn kaum noch jemand weiß, was richtig und falsch ist, was er tun oder lassen soll.

Ein beispielsweise angesagtes Thema ist seit ein paar Jahren „ethischer Konsum“. Wobei „Ethik“ grundsätzlich gern mit Verzicht gleichgesetzt wird: weniger Stromverbrauch, weniger Auto fahren und weniger CO2-Ausstoß, weniger Müll, weniger Fett im Essen, etc, etc. Dumm nur, dass dieses penetrant penetrierte „Weniger“ im groben Gegensatz zum „Mehr“ steht, das angeblich unseren Wohlstand ausmacht: mehr Konsum, mehr Wirtschaftswachstum, mehr Steuereinnahmen. Also… was nun?

Wie oft wird das Sparen an sich proklamiert: sparen, sparen, sparen. Wir sollen Strom sparen, weniger Wasser verbrauchen, weniger Müll produzieren. Gleichzeitig müssen aber Strom- und Wasserkraftwerke und Müllverbrennungsanlagen ausgelastet sein, damit sie effizient und rentabel laufen, ansonsten wird das alles teurer, weil… gespart wird.

Ähnlich auf kommunaler Ebene: Laut dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) haben viele Kommunen im Sparzwang weniger investiert, z.B. weniger renovierte Schulen, weniger Straßenbau. Die Bürger dagegen erwarten heute immer mehr: bessere Straßen, mehr Lehrer, mehr Polizisten, etc. Jetzt wollen 81% der Städte und Gemeinden ihre Gebühren und Abgaben erhöhen, um wieder mehr investieren zu können. Mit der Gefahr, dass deshalb Firmen und Bürger abwandern und doch wieder weniger in die Gemeindekasse fließt.

Gern wird auch „der Konsum“ als solcher zeitgeistig kritisiert. Wir sollten uns mäßigen, wir sollen „bewusst“ oder auch „strategisch“ konsumieren, in jedem Fall bitte: weniger. Doch wehe, wenn der monatlich ermittelte „Konsumklimaindex“ angeblich zeigt, dass den Konsumenten die „Kauflaune“ abhanden gekommen ist. Prompt droht der Kollaps der Konjunktur, Pleite- und Entlassungswellen und der Einbruch der Steuereinnahmen.

Doch zumindest im Falle des Geldes an sich herrscht völlige Klarheit: Im Zweifel ist mehr Geld immer besser als weniger oder gar keins. Mehr Geld bedeutet mehr gefühlte Sicherheit. Oder wie Pablo Picasso meinte: „Ich möchte leben wie ein armer Mann – mit einem Haufen Geld“.

Freitag, 21. Dezember 2012

Alle Jahre wider-sinnig



Weihnachtszeit. Die Zeit der Ruhe und Besinnlichkeit und des Friedens. Sogar im Zweiten Weltkrieg sollen Frontsoldaten am Heiligabend befehlswidrig das Schießen eingestellt haben. Im Kampf um Einschaltquoten herrscht unter Fernsehsendern dagegen alljährlich eine andere Auffassung. 

An den Weihnachtsfeiertagen des letzten Jahres sah das so aus: „Scream 2“ (Horrorschocker), „High Lane“ (Horrorthriller), „P2 - Schreie im Parkhaus“ (Horrorthriller), „Sleepy Hollow“ (Horrormärchen), „Stirb langsam“ (Actionthriller) und „Lara Croft“ (Actionabenteuer).
Doch schließlich siegt für gewöhnlich in Hollywood am Ende immer das Gute, und so lässt sich das wohl auch für das Weihnachtsprogramm rechtfertigen. Vielleicht ist das auch nur einfach typisch für eine Zeit der Friedenstruppen und Präventionskriege, in der für den Frieden erst einmal ein ordentlicher Krieg angezettelt werden muss.

Ähnlich mit der zu Weihnachten proklamierten Ruhe. Wobei die Hektik inzwischen schon Ende August ausgelöst wird, wenn es die ersten weihnachtlich verpackten Lebkuchen, Marzipankugeln und Kalender für das folgende Jahr zu kaufen gibt, bis ab 15. Dezember Luftschlangen, Konfetti und Ausstattungen zum Bleigießen in Verkaufsregalen auf das nahende Silvester aufmerksam machen, und pünktlich an Heiligabend so gut wie keine weihnachtlichen Süßwaren mehr erhältlich sind, dafür ersatzweise Unmengen an Kartoffelchips, scheinbar das Hauptnahrungsmittel zum Jahreswechsel.
Und kaum, dass das neue Jahr begonnen hat, wird man uns auf Karneval, den Valentinstag, Ostern und den Muttertag hinweisen. Ein Event jagt das nächste. Eine andere Bedeutung scheint das Ganze nicht mehr zu haben.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Ausgedrückte Nachrichten


Wenn man sich für die Sprache interessiert, für Begriffsverständnisse, Fehl- und Missverständnisse, für Verständigung und Kommunikation ganz allgemein, dann kann man kaum etwas hören oder lesen, ohne nicht u.a. auf Satzbau, Wortwahl und Formulierung zu achten. Vollautomatisch. Zwangsläufig. Es gilt: „Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel“.

Besonders interessant wird es dabei, wenn es sich etwa a) um Nachrichten in Radio oder Fernsehen handelt, die sich eigentlich der Neutralität verpflichtet sehen sollten, oder um b) Ausstrahlungen von öffentlich-rechtlichen Sendern, die (auch) einen deklarierten Bildungsauftrag haben, beziehungsweise c) beides in ihrer tückischen Kombination.

Jedes Jahr auf’s Neue im Dezember wird uns etwa über die Medien verkündet, wie zufrieden oder unzufrieden angeblich der Einzelhandel mit dem Weihnachtsgeschäft ist. Und jedes Jahr auf’s Neue darf man sich fragen: Warum sollen wir das eigentlich wissen? Worin genau liegt der Nachrichtenwert, dass der Bürger über das Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels informiert sein müsste?

Ebenso gewöhnlich alljährlich erfolgt sodann am zweiten Weihnachtsfeiertag die nachrichtliche Information, dass der Einzelhandel noch einmal einen „Ansturm von Kunden“ erwartet, die Geschenke umtauschen oder Gutscheine einlösen wollen. Gut zu wissen. Es wäre ein Anlass zu extremer Besorgnis, sollte zum Jahresende jemals diese Information ausbleiben.

Nicht weniger fragwürdig, wenn in den Nachrichten verkündet wird, dass sich die Deutsche Bahn AG für den Winterreiseverkehr gut vorbereitet sieht. Aha. Wie überraschend. Aber auch hier: was soll das? Soll uns das etwa nachdenklich darüber machen, dass die Lufthansa nichts dergleichen über die Medien verlauten lässt?

Und wie war das mit der regionalen Meldung über einen Hausbrand, bei dem der Hausbesitzer um sein Leben kam: „Spekulationen, dass es sich um Selbstmord handeln könnte, wollte die Kriminalpolizei nicht bestätigen“. Sieh an. Die Kriminalpolizei will Spekulationen nicht bestätigen. Das ist aber schade. Selbst wenn: warum wird in journalistisch-neutralen Nachrichten vermeldet, warum also sollen wir wissen, dass irgendwelche Gerüchte kursieren?

So gesehen hat es auch sein Gutes, wenn der Otto Normalbürger sich angeblich schon nach zehn Minuten maximal nur noch an die Hälfte der Meldungen einer Nachrichtensendung erinnern kann.

Donnerstag, 22. November 2012

Wissenschaft scheitert an sich selbst


Die Wissenschaft hat gewisse Ansprüche, die sie an sich selbst stellt. Und die Wissenschaft hat (genau deshalb) ganz bestimmte Maßstäbe und Kriterien für Theoriebildung und Beweisführung. Sonst könnte schließlich jeder Dahergelaufene irgendwelchen Unsinn über die Welt, das Leben und die Wahrheit erzählen. Nein: der Unsinn muss schon wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

In einer unnötig ausgedehnten TV-Dokumentation wurde kürzlich wieder einmal über das Phänomen „Zeit“ philosophiert und spekuliert, allerdings auf höchst wissenschaftlichem Niveau. So wurde darin etwa die clevere Frage aufgeworfen: Wenn Zeitreisen irgendwann tatsächlich möglich sein sollten, warum hatten wir dann nicht längst einen Besucher aus der Zukunft hier bei uns? Man neigt prompt zu der Gegenfrage: Wie will man das wissen? Als Besucher aus der Zukunft würde man wohl jedenfalls einen Teufel tun und sich als solcher zu erkennen geben, um den Rest seines Lebens in einer geschlossenen Abteilung zu verbringen.

Eine andere Schicksalsfrage rankte sich um das wissenschaftliche Rätsel, warum die Zeit eigentlich immer nur in eine Richtung läuft? Nämlich: vorwärts, in die Zukunft, und niemals rückwärts? Und das, wo doch sämtliche physikalisch-mathematischen Gesetze zeitunabhängig sind, also auch bei rückwärtslaufender Zeit ebenso gültig wären? Ein auf den Fliesenboden fallender und zerspringender Keramikteller, zum Beispiel, würde sich demnach exact wieder zusammenfügen, wie von Geisterhand.

Ein wissenschaftliches Rätsel, das auch nur für die Wissenschaft eines ist, wenn hier immer noch gnadenlos stur in eine Richtung gedacht wird. Es gibt da schließlich noch die andere Theorie, dass die Zeit eben nicht als linearer Zeitpfeil (vorher->nachher) nur in Richtung Zukunft abläuft, sondern zirkulär, wie vor allem im asiatischen Raum gedacht wird.
Und dann gibt es da noch den feinen Unterschied zwischen Kausalität und Logik, den Unterschied zwischen Wissenschaft und dem Reden über Wissenschaft. So ist das „Wenn->Dann“ der Kausalität tatsächlich zeitabhängig, das rein erklärerische „Wenn->Dann“ der Logik dagegen nicht. Eben deshalb setzt sich ein kausal-bedingt zerstörter Keramikteller nicht wieder zusammen, doch die passende Erklärung dagegen, etwa mittels physikalischer Gesetze, lässt sich problemlos umkehren.

Und so scheitert Wissenschaft an sich selbst. Aber mit solcher Denkarbeit muss man den Zuschauer natürlich nicht belasten. Zur Not beruft sich ein Fernsehsender immer darauf, dass es sich bei solchen Dokumentationen schließlich um Unterhaltung handelt, und nichts als Unterhaltung.

Freitag, 5. Oktober 2012

Mord verursacht Stress


Das Zeitalter der totalen Information ist Schuld daran, dass man sich auf der Suche nach einer halbwegs intelligenten Fernsehsendung heute erst einmal durch zwei Dutzend Kanäle zappen muss, über die vorzugsweise unterhalterischer Problemmüll ausgesendet wird. Dabei hat man fast noch Glück, wenn es sich nur um lästige Spiel- und Quizshows, „Doku Soaps“ und „Reality Dokus“ handelt.

Ansonsten nämlich zappt man sich von einem Kapitalverbrechen ins nächste: „Wir haben keine Fingerabdrücke gefunden“ - „Er hat für die Tatzeit ein Alibi“. „Kein Zweifel: Es war Mord“ - „Wir haben DNA-Spuren am Tatort gefunden“ - „Der Tote wurde mit drei Kugeln erschossen“.
Abgesehen davon, dass man allenfalls einen lebendigen Menschen erschießen kann, aber sicherlich keinen toten, scheint überhaupt nichts anderes mehr produziert zu werden, als Kriminalserien, Mord und Totschlag, von „CSI“ in New York, Miami und sonstwo, über „Navy CIS“ und „Criminal Minds“ bis zu einem dubiosen „Mentalisten“, britischen „Inspector Barneby“ und deutschem „Tatort“. Ich habe mir sagen lassen, es gibt Menschen, die sich das alles tatsächlich ansehen.

Nun leben wir eigentlich in einem Zeitgeist, in dem der Gesundheit und dem Wohlbefinden extrem hohe Bedeutung beigemessen wird. Erwachsene Menschen werden wie Kinder gemaßregelt, indem man ihnen sagt, was sie essen und nicht essen sollen, ab wann sie in der Gefahr schweben, süchtig zu sein nach Internet, Glücksspiel, Tabletten, Alkohol und Zigaretten, etc, etc… nur die geistige Strahlenbelastung durch das ausgestrahlte Fernsehprogramm ist davon ausgenommen.

Und die Stressbelastung durch seriellen Fernsehkonsum? Man könnte vermuten, dass die zahllosen Krimiserien mit ihren Morden am Fließband den Gewohnheitszuschauer abstumpfen lassen: erschossen, erdrosselt, zerstückelt… dutzendfach täglich, was sollte einen da noch in aufgeregte Spannung versetzen können?
Aber falls doch, dann resultiert daraus Stress, mit der Produktion von Adrenalin, Noradrenalin und Hydrocortison, die den Körper auf Hochleistung vorbereiten, auf Kampf oder Flucht. Wenn jedoch weder gekämpft noch geflüchtet, sondern auf der Couch lümmelnd TV-Geflimmer konsumiert wird, dann wird der ganze Hormonfluss auch nicht abgebaut, sondern im Körper abgelagert. Die Folgen: Störung des vegetativen Nervensystems, der Verdauung und des Immunsystems, Stoffwechselstörung, Aggression, Impotenz, Kreislaufprobleme, Ateriosklerose.

Jedoch: Wer will das schon wissen? Ist doch nur Fernsehen, ist doch nur Unterhaltung. Und der erwachsene Zuschauer ist ausnahmsweise mündig genug, um seinen Fernsehkonsum ohne erhobene Zeigefinger und ohne Warnhinweise frei zu gestalten.