Dienstag, 7. Oktober 2014

räumlich verliehen

Der Neuroforscher John O'Keefe vom University College London und das Forscherpaar May-Britt und Edvard Moser aus Trondheim haben jetzt den Nobelpreis für Medizin bekommen, für die Entdeckung so genannter „Orts“- und „Gitterzellen“ in unserem Gehirn. Aber sehen wir uns das doch einmal jenseits der fulminanten medialen Berichterstattung an... 

Demnach speichern wir also im Hippocampus und im entorhinalen Cortex unseres Gehirns mittels Ortszellen („Place Cells“) und Gitterzellen („Grid Cells“) permanent „innere Landkarten“ unserer Umgebung ab. Die Nobelpreis-Stiftung erklärt die Entdeckung als „inneres GPS“, das Mensch und Tier ermögliche, sich im Raum zu orientieren.

Das ist aus ganz anderen als neurologischen Gründen irgendetwas zwischen sehr erstaunlich und äußerst wundersam. Ein kleiner seitlicher Blick, zum Beispiel auf die Physik, wo sich immerhin Genies wie Da Vinci, Newton und Einstein mit dem Phänomen des Raumes beschäftigt haben, informiert uns nämlich über das wissenschaftliche Rätselraten, was (ein) „Raum“ überhaupt ist.

So meint etwa Leonard Susskind von der Stanford University, Physiker und – immerhin – Mitbegründer der Stringtheorie: „Warum gibt es überhaupt Raum anstatt keinen-Raum? Warum ist er dreidimensional? Warum ist er groß? Wie kommt es, dass er nicht klein ist? Über diese Fragen herrscht keine Einigkeit.“.
Alex Filippenko, Astrophysiker an der Berkeley University in Kalifornien wiederum meint: „Was ist Raum? Wir wissen es bis heute nicht“. Und der Physiker S. James Gates jr.: „Der Raum ist eines der größten Rätsel in der Physik“.

Sieh an. Doch ganz elegant an der Rätselhaftigkeit und physikalischen Unkenntnis vorbei haben drei Neuroforscher Gehirnzellen entdeckt, die unsere räumliche Orientierung ermöglichen. Erstaunlich. Das Ganze ist gar kein physikalisches Phänomen, sondern ein medizinisches. Wer hätte das gedacht. Vielleicht sollten die Koryphäen der Physik einmal bei den Dreien anrufen. Oder man verleiht den Neuroforschern gleich auch noch den Nobelpreis für Physik mit dazu.

Und wie war das eigentlich noch mit Filippo Brunelleschi, dem Architekten aus Florenz, der um das Jahr 1410 herum im Zuge seiner Entwürfe und Bauskizzen die Raumperspektive erfand, also die räumliche Darstellung: Linien, die in der Realität parallel nebeneinander liegen, für unser Auge jedoch auf einen Fluchtpunkt zulaufen. So, wie etwa eine Straße zum Horizont hin immer schmaler und die am Straßenrand stehenden Bäume immer kleiner zu werden scheinen.

Brunelleschi legte damit nicht nur den Grundstein für die Renaissance-Bauten und -Malerei, sondern er schuf eine bis dahin unbekannte, neue Art zu sehen, also: Sinneseindrücke zu verarbeiten. Das Sehen an sich hat jeder von uns ab dem Säuglingsalter gelernt. Das „räumliche Sehen“ erlernen Kinder etwas langsamer, bis sie circa 10 Jahre alt sind. Ein Lernerfolg, der letztlich auf Filippo Brunelleschi zurückgeht – jenseits irgendwelcher „Place Cells“ und „Grid Cells“ im Gehirn.

Und dann wäre da noch das „binokulare Sehen“: Das rein physiologische Sehen mit beiden Augen, mit der so genannten „Fusion“, nämlich dem Verschmelzen der beiden getrennt von linkem und rechtem Auge wahrgenommenen „Bilder“ zu einem einzigen. Menschen, bei denen diese Fusion nicht funktioniert („Stereoblindness“), haben auch kein räumliches Sehvermögen. Da werden die „Orts“- und „Gitterzellen“ im Gehirn wahrscheinlich aus Langeweile verstecken spielen.

Doch wer will sich schon solche Randgedanken machen? Das liegt nicht im Trend. Im Trend liegt die Gehirnforschung. Die vielen bunten Bilder von Hirnscans lenken so schön von dem ab, was da alles interpretiert und erklärt wird. Das findet wohl auch das Nobelpreis-Komitée.

Donnerstag, 4. September 2014

unweigerlich zukünftig.

Ich halte es für möglich, dass uns unsere Kinder später einmal fragen werden: „Warum habt ihr das nicht verhindert?“. Und man wird schulterzuckend dastehen und hilflos antworten: „Na, wie denn?“. Oder man bereitet sich jetzt schon darauf vor, für diesen Moment eine halbwegs plausible Antwort parat zu haben. Eines kann man jedenfalls gewiss nicht: sich aus allem heraushalten.

Das, wovon hier die Rede ist, ist (u.a.) die unaufhaltsam zwanghafte Vertechnisierung mit ihren Folgen. Man darf das übrigens ohne weiteres auch „gesellschaftliche Neurose“ nennen: Der technische, digitale Fortschritt, der irgendwann mit und durch die Firma „Apple“ aus der bloßen Zweckmäßigkeit herausgeholt und in die Welt der Mode gepfropft wurde. Seit „Apple“ ist Technik „trendy“ und „sexy“. Auf solch eine Idee muss man auch erst einmal kommen.

Gut. Ich bin Jahrgang 1970. Das begründet zwar nichts, doch sicherlich dürfte das eine Rolle spielen. In meiner Teenagerzeit besaßen ein paar männliche Mitschüler einen Heimcomputer, die meisten einen „C64“, manche sogar einen mit Floppydisc. Andere hatten einen „Schneider CPC“, der standardmäßig eine Datasette eingebaut hatte. Manch einer hatte dazu noch einen Akustikkoppler, über den man Daten zu einem BTX-System senden konnte. Die High-Tech-Computerwelt im Kinderzimmer. Wahnsinn.

Einerseits vermittelt das ein wenig Genugtuung gegenüber der jüngeren Generation, die bei solchen Begriffen, C64, Floppydisc, Datasette, BTX, usw. mindestens ebenso stutzt, wie ich, wenn mir heute Schlagworte des Digitalisierungszeitalters um die Ohren geworfen oder auf die Augen gedrückt werden.

So, wie kürzlich, als jemand auf „Facebook“ kommentierte, er habe „ProSieben entliket“, weil „die den ganzen Tag schon HIMYM-Stuff posten“, da liefe man Gefahr, dass „hier was gespoilert wird“.  Zunächst dachte ich: Das war’s. Diesen Rückstand hole ich in meinem Alter nicht mehr auf.

Allerdings dachte ich das schon öfter. Spontan fällt mir da „Starbucks“ ein, wo jemand vor mir einen Frappuccino Karamell bestellte, und zwar „bitte A, V, J und M“ (ohne Gewähr). Natürlich. Und das scheint deutlich normaler zu sein als der simple Kaffee, den ich haben wollte. So normal, wie sprechende Backautomaten in Supermärkten, die freundlich aus dem Lautsprecher säuseln, dass das gewünschte Produkt gerade frisch aufgebacken wird, was ungefähr drei Minuten dauert.

Nein, ich hege keine generelle Verweigerungshaltung gegenüber dem technischen Fortschritt oder sonstigen Veränderungen. Wahrscheinlich stelle ich (mir) einfach nur zu oft die Frage „Was soll das eigentlich?“.

So, wie damals, als verkündet wurde, „Apple“ (s.o.) habe jetzt die größte Innovation seit Jemals geleistet, und Mobiltelefon und Computer miteinander verschmolzen, nämlich zum „Smartphone“. Tja. Und was soll das? Doch inzwischen: Wo man auch ist, im Kaufhaus, in der U-Bahn, am Flughafen, auf Veranstaltungen… jeder zweite, den man sieht, wirft gerade einen Blick auf sein Mobilgerät. Da fragt man sich, ob man heute den Mitmenschen mehr mitzuteilen hat als früher oder wichtigeres, oder nur deswegen, weil es inzwischen möglich ist.

Nein, ich verweigere mich nicht. Ich bin völlig up-to-date. Ich weiß zum Beispiel, dass die ersten „SmartWatches“ erhältlich sind, mit denen man quasi locker aus dem Handgelenk heraus kommunizieren kann. Ich weiß, dass es die ersten Brillen gibt, die enorm wichtige Informationen aus dem Internet auf die Gläser projizieren – an ebensolchen Kontaktlinsen wird sicher längst gearbeitet. Und ich weiß, dass in ein paar Jahren Drohnen zur Paketauslieferung eingesetzt werden sollen.

Das Straßenbild wird in Zukunft also geprägt sein von Menschen, die ständig ihren Handrücken vor das Gesicht halten oder hinter ihren Brillengläsern wild mit den Pupillen zucken, alle in leicht geduckter Haltung, in Deckung von der nächsten Drohne, und um nicht von einem abgeworfenen Paket getroffen zu werden. Und das Ganze wird man für cool halten, für trendy und völlig normal. Es ist unausweichlich. Wer will das schon aufhalten? Vor allem: mit welchen Argumenten?

Donnerstag, 28. August 2014

vorsorglich kriminell.

Kürzlich wurde in einer „3sat“-Dokumentation spekuliert, ob man Kriminelle anhand ihres Gehirns identifizieren könnte. Experimente würden das nahelegen. Erst recht, seit eine Hirnforscherin bei Tierversuchen an Mäusen ein Gen entdeckt hätte, das irgendeine Verhaltensweise steuern würde, je nach dem, ob dieses Gen „an-“ oder „abgeschaltet“ sei. Faszinierend.

Die erste wichtige Frage jedoch, die hier nicht gestellt wird, gilt der fachberuflichen Zuständigkeit. Nämlich wenn eine Hirnforscherin im Labor Genforschung betreibt, wofür doch eigentlich Genforscher zuständig sind. Es sei denn, die Frau ist Genforscherin und wird (auch) als Hirnforscherin bezeichnet, weil ihre Forschungen an Genmaterial neue Erkenntnisse über Gehirnfunktionen liefern sollen. Oder wie?

Diese Kompetenzfrage bleibt ohnehin auffällig oft unbeantwortet. Wie es heißt, sind über die Hälfte der Hirnforscher eigentlich Psychologen oder Psychiater von Beruf, was niemand sonderlich zu hinterfragen scheint, weder kritisch noch überhaupt. Dabei ist das ungefähr so, als ob man einem Stauforscher die TÜV-Abnahme von Automobilen überträgt.

Eine andere durchgehend ungestellte Frage betrifft den Zweck des Ganzen. Nein, natürlich werden kostspielige Forschungen irgendwo zwischen Denken und Verhalten, Gehirn und Genen nicht von Konzernen finanziert, die erheblich gern alles über das Kaufverhalten der Menschen wüssten. Auf gar keinen Fall. Und falls doch, erklärt man uns das ein wenig anders.

Es geht nämlich vor allem darum, in Zukunft irgendwann eine „kriminelle Veranlagung“ in Menschen erkennen zu können, irgendwo in deren Gehirn oder Genen, um sie rechtzeitig therapieren oder aussortieren zu können, bevor sie straffällig werden. Es geht – wie immer – um das Gute. Natürlich. Und ganz nebenbei auch um ein wenig Marketing für die Wissenschaft.

Dabei kann man sich das ganze spekulative Herumforschen prima sparen und ersatzweise ein Buch lesen und einen Spielfilm ansehen. Das Buch: „Unheil. Warum jeder zum Mörder werden kann“, geschrieben vom ehemaligen Chefermittler der Münchener Mordkommission Josef Wilfing. Der Film: „Falling Down“, Untertitel „Ein ganz normaler Tag“ mit Michael Douglas in der Hauptrolle.

Dazu vielleicht noch ein wenig Hintergrund aus der Biologie, nämlich die „Reiz-Summen-Regel“, wonach bestimmte Reaktionen und Handlungen erst dann erfolgen, wenn eine (angesammelte) Reizqualität einen bestimmten Schwellwert überschreitet. Anders gesagt: Man kann einiges „schlucken“ – doch irgendwann reagiert man darauf irgendwie. Keiner weiß wann. Keiner weiß wie. „Ein kleiner Funke reicht“.

Und weil das Ganze nun so ziemlich gar nichts mit einer organischen „Veranlagung“ in Gehirn oder Genen zu tun hat, hilft es auch nichts, Menschen aufgrund eines Hirnscans im CT oder einer DNA-Analyse vorsorglich wegzusperren – oder Forscher in ihre Laboratorien.

Montag, 25. August 2014

beruflich desorientiert.

„Wir leben in einer Zeit unverantworteten Geschwätzes“ stellte Rupert Lay bereits vor einigen Jahren fest. Verschiedene Anzeichen dafür findet man nahezu überall. Bei Weitem nicht nur in der Politik. Längst auch im Alltag, wenn eine frühere Putzfrau, die heute Reinigungskraft heißt, die Absage einer Gehaltserhöhung gern hinnimmt, wenn man sie ab sofort Hygienebeauftragte nennt. Dabei ist das noch harmlos.

Kürzlich fiel mir der Katalog einer Volkshochschule in die Hände. Unter etlichen anderen werden darin zwei recht ähnliche Kurse angeboten, der eine von einem „ausgebildeten Schneeschuhführer“ (was es nicht alles gibt), der andere von einem „gepr. Snow Shoe Instructor“ (was es nicht alles gibt).

Prompt stellten mir meine Synapsen einige Erinnerungen zur Verfügung. Eine davon lieferte mir einen meiner Seminarteilnehmer, der mir vor ein paar Jahren in einem Pausen-Smalltalk erklärte, er sei „Call Center Agent im Inbound-Bereich eines Frontoffice, im First-Level-Support“. Sieh an. Eine solche Arbeitsplatzbeschreibung ist inzwischen so erstaunlich normal verbreitet, dass es nicht-normal wirkt, wenn sich darüber jemand wundert oder gar amüsiert.

Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx hat das in seinem Buch „Wie wir leben werden“ trefflich so beschrieben, dass es ohnehin keine lebenslangen Arbeitsplätze mehr geben würde, und man sich in Zukunft statt dessen einfach einen eigenen Beruf erfindet, damit sei man auf der sicheren Seite.

Früher jedenfalls gab es die ernsthaft-humorigen Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt, Werner Schneider, u.a., daneben ein paar Satiriker wie Loriot, Ephraim Kishon, und am Rande die reinen Spaßmacher wie Otto Waalkes, die blödeln durften, wie sie wollten. Plötzlich tauchten dann überall so genannte „Comedians“ auf, die eine Mixtur aus dem Ganzen darstellen sollen und irgendetwas machen, was man vorher nicht zuordnen konnte.

Seit ein paar Jahren darf man wiederum hin und wieder die Tätigkeitsbezeichnung „Blogger“ lesen. Menschen, die auf einer eigenen Internetseite unkontrolliert persönliche Kommentare veröffentlichen. Das qualitative Niveau ist Nebensache, auf ein massentaugliches Thema kommt es an; dann kann man über eingebaute Werbebanner damit irgendwie Geld verdienen, und ist „Blogger“ von Beruf.

Oder auch: „YouTuber“, wenn man dasselbe, ebenso massentauglich, am besten in Form von „Comedy“, mit kurzen Heimvideos betreibt: Auf die Klick-Zahlen kommt es an, das produziert potenzielles Einkommen über Werbe-Einblendungen, und man ist „YouTuber“ von Beruf.

Wenn einem für beides partout das Talent fehlt, kann man sich in einem gewissen Altersspektrum auch ersatzweise einmal jährlich „casten“ lassen, in TV-Shows für zukünftige Superstars, Topmodels, Millionärsbräute und „It-Girls“. Dafür reicht es sogar, einigermaßen trällern bzw. auf einem Laufsteg zehn Meter unfallfrei geradeaus gehen zu können oder einfach nur einen guten Eindruck zu machen.

Alternativ oder ergänzend kann man auch professionell – also: hauptberuflich – Computerspiele spielen, wobei übrigens auch blutrünstige Ballerspiele im „Profi-Gaming“ als „Sport“ gelten. Man reist durch das Land oder auch über Kontinente, tritt bei Turnieren an, sammelt Preisgelder ein, mitunter bis zum Großverdiener, und man ist „eSportler“ von Beruf.

Das ist die Welt, in der die Jugend heute aufwachsen darf. Und parallel zu dem Ganzen erklärt man den Eltern, dass sie ihre Kinder für unsere Wissensgesellschaft und Bildungsrepublik fit zu machen haben. Viel Glück dabei.

Freitag, 15. August 2014

verwirrend unlogisch.

Nein, wirklich: Wenn es um die Logik geht, wird es knifflig. Nicht unbedingt wegen der Logik an sich, die eigentlich schon kompliziert genug ist, je nach dem, wie stark man sich damit beschäftigt. Sondern eher wegen dem, was tief und fest in unser aller Köpfen feststeckt, wenn es um Logik geht. Da ist es fast schon konsequent logisch, dass sich kaum jemand ernsthaft damit beschäftigen will.

Getreu dem Spruch „Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel“, stutze ich jedesmal, wenn aus dem Radio eine bestimmte Stelle eines aktuellen Liedes zu hören ist: „Ich mach` die Augen zu und dann … seh` ich, was die Logik nicht begreifen kann“. Tja. Das wäre mal interessant zu wissen: Was sieht man in einem solchen Fall, wenn man sieht, was die Logik nicht begreift?

„Die Logik“ begreift eben gar nichts. Ebenso wenig, wie „die Lyrik“ stellvertretend für den Musiker einen Songtext schreibt oder „die Addition“ eine Summe ausrechnet. Die Logik ist ein gedankliches Hilfsmittel, das manchmal mehr und manchmal weniger geeignet ist, um etwas zu begreifen. Das hängt jedoch in erster Linie vom Anwender persönlich ab.

Ich erinnere mich dabei grob an ein TV-Gespräch, das kürzlich auf einem deklarierten „Bildungskanal“ ausgestrahlt wurde. Als Gesprächsgast eine Paar- und Familientherapeutin, mittendrin gefragt vom Moderator: „Sie machen also systemische Beratung. Das ist, glaube ich, nicht ganz einfach zu erklären. Ich hab`s zweimal versucht nachzulesen, ich hab`s, ehrlich gesagt, nicht verstanden“.
Die Antwort der Therapeutin: „…ähm, ich beschränke mich darauf, …ich erkläre es einfach so, …ich arbeite mit Beziehungsproblemen. Also, zu mir kommen Leute, die in irgend einer Art und Weise Beziehungsprobleme haben“. Das klingt nicht gerade nach geballter Kompetenz.

Systemische Beratung also. Man kann das auch anders erfragen: Warum pappen Hersteller eigentlich „Bio-“ und „Öko“- und Qualitäts- und Garantie-Siegel auf die Verpackungen? Weil es sich damit besser verkaufen lässt. So ungefähr ist das auch mit dem Großteil der systemischen Beratung. Und da kommt so manch ein Berater auch schon mal leicht ins Stottern.

Systemisch meint Effekte von Gegen- und Wechselwirkungen und Rückkopplungen. Und das sind natürlich Hauptmerkmale generell in der Kommunikation, nicht zuletzt bei Verständigungsproblemen, nicht nur bei Paaren und in Familie und Erziehung, sondern überall zwischen Menschen. So einfach kann man erklären, was systemisch ist. Erheblich schwieriger ist etwas ganz anderes…

Wo etwas systemisch verläuft, gegen- und wechselwirkend, da wirken eben keine klaren Ursachen, die wir so gerne hätten, um „zu wissen, woran es liegt“, um so auch „die Ursache beheben“ zu können. Nur wenig bis gar nichts verläuft hierbei nach einer „Wenn->Dann“-Logik. Systemisch meint also (unter anderem) unlogisch. Eine systemische Beratung ist damit quasi „angewandte Unlogik“: sie kann weder aus irgendeiner (Problem-) Analyse bestehen, noch kann sie Ursachen aufdecken und beheben wollen, es kann hier auch nicht ein bestimmtes Ziel verfolgt und damit auch nicht erreicht werden. Überall dort, wo das dennoch erzählt wird, ist „systemisch“ nichts weiter als ein aufgepapptes Etikett zum besseren Verkauf.

Doch bei allem, was wir in unseren Köpfen haben, fragt man sich, wie um alles in der Welt auf diese Weise, systemisch, überhaupt irgendein Problem gelöst werden kann… unlogisch, ohne Analyse, ohne Ursachenforschung, ohne Zielsetzung(?). Genau das ist das eigentliche Problem: Das, was wir in den Köpfen haben, und wie das eigentlich da rein gekommen ist. Nicht nur: Wie Lösungen möglich sind. Sondern: Was überhaupt ein Problem ist.

Donnerstag, 31. Juli 2014

anatomisch gedacht.

In unmittelbarer Nähe unseres Fernsehapparates hatte ich kürzlich eine DVD zwischengelagert, auf der sich eine Dokumentation über das menschliche Gehirn befindet. Die Aufbewahrungshülle ist dem entsprechend optisch gestaltet. Unser Sohn, gerade erst sieben Jahre alt geworden, warf einen Blick darauf und stellte ganz gelassen fest: „Ah, ein Gehirn“. 

Nun richten wir uns grundsätzlich nach dem Motto „Lasst Kinder wieder Kinder sein“. Wenn der Schlingel (andauernd) wissbegierig neugierige Fragen stellt und/oder es sich (ständig) situationsgemäß ergibt, wird das selbstredend genutzt, doch wir verzichten als Eltern auf mutwillige Bildungsmaßnahmen. Aktive Noteingriffe nehmen wir nur dann vor, wenn (erstaunlich oft) eine schulische oder anderweitige Fehlbildung stattfindet.

So kam die Feststellung unseres Sohnes „Ah, ein Gehirn“ für mich doch recht überraschend. Meine Rückfrage, woher er weiß, wie ein Gehirn aussieht, verpuffte in einem gleichgültig kurzen Schulterzucken, als würde man das eben wissen, natürlich, als Erstklässler. Im Lehrplan der ersten Klasse steht das jedenfalls nicht. Vermutlich hat der Junge in meinen Arbeitsunterlagen herumgewühlt. Oder er hat das im Kinderfernsehen aufgeschappt, wo verschiedene Jungmoderatoren (so genannte „Checker“) Wissenshäppchen präsentieren, mit solch bildungsträchtigen Titeln wie „Wissen macht Ah!“ oder „Woozle Goozle“.

Doch so schnell gibt man gegenüber seinem minderjährigen Nachwuchs natürlich nicht auf und hakt noch einmal nach: „Und weißt du denn auch, was das Gehirn so macht?“. Sicher kennen Sie das: In exact dem selben Moment, in dem man etwas sagt und einem die Worte über die Lippen gleiten, weiß man, dass man gerade einen Fehler macht; in diesem Fall einen rhetorischen. Prompt bekam ich die erfolgreich suggerierte Antwort: „Na, das Gehirn denkt“.

Dennoch überkam mich erneut leichte Verwunderung. Immerhin bin ich erziehungsberechtigt. Und ich habe trotzdem keine Ahnung, woher der Bursche solche Informationen hat, noch dazu ungeprüft und unbewiesen. Und noch einmal nachgehakt: „Aha, das Gehirn denkt, sagst Du. Und deine Leber, dein Magen? Denken die auch?“ – „Nein, natürlich nicht“.

Tja. So etwas könnte der Beginn einer spannenden Diskussion irgendwo zwischen Neurowissenschaft und Erkenntnistheorie sein. Doch mit seiner geballten elterlichen Autorität, die man sich gern einbildet, steht man der Informationspolitik öffentlich-rechtlicher Institutionen von Schule und Fernsehen ziemlich machtlos gegenüber. Was ein Siebenjähriger aus diesen Quellen glaubt zu wissen, das glaubt er zu wissen.

So ergibt sich und verbreitet sich das, was man u.a. „Allgemeinbildung“ nennt: Der Mensch hat fünf Sinne, die Schwerkraft lässt Gegenstände nach unten fallen, und das Gehirn denkt. Natürlich. Das weiß schließlich jeder, seit der Schulzeit. Und weil das so ist, weil das „jeder weiß“, ist dagegen kaum anzukommen.

Das Gehirn denkt. Natürlich. Ungefähr so, wie Licht brennt. Licht kann sogar nicht nur brennen, man kann es zudem noch ein- und ausschalten. Und auch die Sonne geht allabendlich unter – mit dem Nebeneffekt, dass ein Sonnenuntergang romantisch ist, ein etwaiger Weltuntergang dagegen Angst und Schrecken auslöst.

Das Gehirn denkt. Der Künstler Joseph Beuys dagegen meinte: „Ich denke mit dem Knie“. Und der bekannt intelligente Entertainer Jürgen von der Lippe stellte fest: „Das Gehirn ist das einzige Organ, das über sich selbst nachdenken kann“. Das könnte man tun: darüber nachdenken. Sollte man auch. Notfalls mit dem Knie.

Montag, 21. Juli 2014

quälend vernünftig.


Ich favorisiere 3sat, arte und Phoenix, wenn es um herkömmliches Fernsehen geht. Kanäle mit einem gewissen Anspruch jenseits des Mainstreams. Zwischendurch zeigt sich jedoch, dass das weder eine Garantie noch Gewähr für irgendetwas beinhaltet. Auch auf diesen Kanälen wird zuweilen Erschreckendes versendet, nur eben auf anderem Niveau.

Wie so oft zappt man am späten Abend verzweifelt durch das Angebot Dutzender TV-Sender, auf der Suche nach etwas halbwegs erträglichem. Auf „Phoenix“ scheint man ansatzweise fündig zu werden: „Tausendsassa Tier“, eine zunächst harmlos anmutende Dokumentation über Fledermäuse. Na, warum nicht. Aber, dann…

Man darf von einem gewissen Lazzaro Spallanzani erfahren. Einem italienischen Priester, Philosophen und Naturforscher in Personalunion, der sich im 18. Jahrhundert als Erster dem Mysterium widmete, wie sich Fledermäuse im Dunkeln orientieren. Ab dem Jahr 1793 experimentierte der Geistliche drei Jahre lang mit den Tierchen und dokumentierte seine Forschungen in seinem Tagebuch.

Soweit noch harmlos. Doch dann, plötzlich und unerwartet: „Spallanzani traute den Erläuterungen der Bibel nicht und gab der Wissenschaft und der Vernunft den Vorrang“. Achwas. Er gab der Vernunft den Vorrang. Sieh an. Vorrang vor dem, was in der Bibel geschrieben steht. Upps. Was soll das denn werden?

Der gute Mann, seines Zeichens Priester, traute also den Erläuterungen der Bibel nicht. Aha. Welchen Erläuterungen, bitte? Dass Gott nur ein paar Tage brauchte, um die Erde zu erschaffen? Dass er Eva kurzerhand elegant aus Adams Rippe schnitt? Dass sich der Mensch nach zehn Geboten richten möge? Oder gibt es in der Bibel etwa Erläuterungen speziell über Fledermäuse? Welche Erläuterungen?

Der Wissenschaft gab Spallanzani also der Vorrang. Und der Vernunft. Das heißt also: Was in der Bibel geschrieben steht, ist unvernünftig. Und vernünftig(er) ist demnach irgendetwas anderes. Wissenschaft zum Beispiel. Eine solche Feststellung ist mindestens waghalsig. Und warum das so ist, zeigte sich dann auch prompt…

Spallanzani bastelte sich eine Kappe aus Haut, die er einer Fledermaus über den Kopf zog, um streng wissenschaftlich zu prüfen, ob sie damit immer noch im Dunkeln unfallfrei flattern kann. Und der Naturforscher notierte: „Sie stürzte zu Boden. Die Hautkappe machte sie vollkommen blind“. Na, prima. Das hat der Mann sehr vernünftig erkannt. Es kommt allerdings noch besser:

„Um absolut sicher zu gehen, dass ich nur den Sehsinn prüfte, ging ich im Ausschlussverfahren vor. Mit kleinen, rot-glühenden Nadeln stach ich ihr die Augen aus. Das Ausbrennen der Augen erzeugte ein knisterndes Geräusch, das mir zeigte, dass die Pupille und der äußere Teil des Auges wirklich verbrannt waren. Doch auch mit ausgestochenen Augen konnte sie immer noch perfekt fliegen, ohne gegen die Wände zu stoßen“.

Natürlich: Wenn man den Erläuterungen der Bibel nicht traut, dann brennt man wehrlosen Tieren schon einmal die Augen aus. In aller Vernünftigkeit und „im Dienst der Wissenschaft“. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter wären wohl ebenso nicht der Rede wert, wenn man das für die Wissenschaft und aus Vernunftgründen getan hätte. Was der Geistliche sonst noch mit seiner Fledermaus anstellte, habe ich dann mit Hilfe der Fernbedienung meiner Kenntnis entzogen. 

Dienstag, 15. Juli 2014

nervlich überstanden

Joachim Löw mit WM-Pokal - Ankunft am Flughafen Berlin


Kaffeesatz, Kristallkugel oder Statistik: Die Wahrheit liegt auf dem Platz, der Ball ist rund, Abseits ist, wenn der Schiri pfeift, und am Ende ist Deutschland dann doch Weltmeister, Orakel hin oder her.

Donnerstag, 12. Juni 2014

meisterlich (v)errechnet

Na, endlich! Es orakelt wieder! Pünktlich zu jeder fußballerischen Großveranstaltung wird vorhergesehen, dass die deutsche Nationalmannschaft wahlweise Europa- oder Weltmeister wird. Nein. Nicht mittels Kristallkugeln, Kaffeesatz oder Tarotkarten. Wer wird an solchen Unsinn glauben. Der Unsinn wird vielmehr hochpräzise mathematisch errechnet.

Im Jahr 2006 fand die arithmetische Prophezeiung noch relativ simpel statt, unter Zuhilfenahme von Variablen vorheriger Weltmeistertitel der Jahre 1954, 1974 und 1990. Es war zu rechnen: 54x74-1990, Ergebnis: 2006, folgerichtig hätte Deutschland Weltmeister werden würden müssen geworden sein. Wie die meisten von uns wissen: Es kam anders. Trotz mathematischer Formel.

Für die folgende WM 2010 in Südafrika begnügte man sich dagegen nicht mit solchen Bierdeckelberechnungen an Stammtischen. Niemand geringerer als der Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan erklärte damals, vor vier Jahren: „Im Durchschnitt hat Deutschland in der Vergangenheit Platz 3,7 belegt, um diesen Wert schwankten die Platzierungen. Dazu kommt, dass wir alle vier, fünf Jahre ein besonders starkes Team hatten. Das kann man mit einer Kosinus-Funktion beschreiben“.

Demnach hätte Deutschland bereits 2006 Weltmeister werden müssen, doch eine Besonderheit der Formel liege – laut Tolan – darin, dass der Finalsieg immer ein WM-Turnier zu früh als Ergebnis hätte. Zwangsläufig müsse Deutschland demzufolge also eben 2010 Weltmeister werden, so Tolan damals. Jedoch erneut: …hätte geworden werden müssen, doch wurde leider doch wieder nicht.

Die mathematische Orakelung hatte damit keineswegs ein Ende. Zwei Jahre später, zur Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine erklärten zwei Experten vor dem Turnier wieder einmal Deutschland zum zwangsläufig neuen Titelträger: Michael Groll von der Deutschen Sporthochschule Köln und Bernd Giezek von der International School of Management in Frankfurt.

Per statistischer Berechnungen der Rangfolge der Teams, bei anschließender Spielsimulation nach Gruppeneinteilung und Spielplan, plus zusätzlicher Sondereffekte wie verschiedener Zufallsfaktoren, sowie diverser Messgrößen wie den Marktwert der Mannschaften, den Koeffizienten in der UEFA-Rangliste und Wettquoten würde Deutschland triumphieren.
Der Faktor „Zufall“ im Fußball besteht übrigens aus den Unterkategorien „Glück“ (Schiedsrichterentscheidungen, Pfostenschüsse, u.ä.) und „Tagesform“, die als Standardabweichung vom geschätzten Qualitätspotenzial gesetzt wird – das haben die Hamburger Wissenschaftler Quitzau und Vöpel in einer Studie im Jahr 2009 ermittelt.

Eine andere Standardabweichung zeigte sich erst gegen Ende der EM 2012, nämlich die standardmäßige Abweichung der Realität von der gesicherten Berechnung: Europameister wurde eben nicht Deutschland, sondern das schier unberechenbare Spanien.

Wie auch vor der WM 2010 in Südafrika hat auch diesmal wieder der Professor an der Technischen Universität Dortmund, Metin Tolan, den Ausgang des Turniers in Brasiliem berechnet: standardmäßig abweichend wird demnach wieder Deutschland Weltmeister!
Grundlage seiner Berechnung ist die Torquote der deutschen Nationalmannschaft, durchschnittlich 3,6 Tore in der WM-Qualifikation, mehr als jedes andere Nationalteam.  Die Torquoten der WM-Teilnehmer ließ Tolan in eine Formel zum radioaktiven Zerfall von Atomen einfließen, und von einer Software über 100.000-mal berechnen.
Ergebnis: Deutschland holt mit 20,33% Wahrscheinlichkeit den Titel, das ist 6,5-mal wahrscheinlicher als bei anderen Nationen. Spanien mit 0,65% und Brasilien mit 9,04% sind dagegen nur völlig überschätzte Außenseiter.

Allmählich wünsche ich mir, dass alternativ doch einmal jemand im Kaffeesatz lesen möge, vielleicht Frau Sommer, passenderweise mit ihrer „Krönung“.

Dienstag, 20. Mai 2014

verhaltensauffällig beobachtet

Als Vater eines Erstklässlers kommt man u.a. in Freizeitparks, Stadtparks und auf Spielplätzen unausweichlich mit anderen Knirpsen ähnlichen Alters in Kontakt. Das kann aus mehreren Gründen erheblich interessant sein, aus elterlichen, pädagogischen, sozialen, manchmal sogar aus beruflichen Gründen.

So, wie kürzlich, als unser Sohn bei einer solchen Gelegenheit von einem Circa-Gleichaltrigen zum Spielen gebeten wurde, mit den Worten: „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben! Ich habe mein Verhalten geändert“. Wow. Das war mal ein Satz! Aus dem Mund eines ungefähr Sechsjährigen! Er hat sein Verhalten geändert. Sieh an. Als Sachverständiger in diesem erweiterten Fachbereich fragt man sich unweigerlich, ob der Kleine annähernd weiß, was er da eigentlich spricht.

Jedenfalls steckt in diesem unscheinbaren Satz mehr Information als wohl die meisten Eltern über ihren Nachwuchs freiwillig preisgeben würden. Der fremde Junge war offenbar eine Zeit lang aggressiv „verhaltensauffällig“ und wurde therapiert; Abschlussdiagnose: „Ihr Junge ist jetzt friedlicher. Er hat sein Verhalten geändert“. Und sehr sicher wurde der Kleine auch von Therapeuten öfter ermahnt: „Du musst dein Verhalten ändern!“. So schlittert eine solche Phrase in den Sprachschatz eines Erstklässlers.

Der arme Junge. In mehrfacher Hinsicht; noch ganz abgesehen von etwaigen Problemen mit Gleichaltrigen, mit Lehrern und Eltern, die ein Nachwuchsrüpel zwangsläufig haben muss. Sondern ihm wurde so auch noch frühzeitig ein Bildungsproblem eingehämmert, das alle anderen Kinder zwar auch noch bekommen werden, allerdings erst deutlich später und erheblich subtiler:

Irgendein Verhalten nämlich, welches auch immer, ist nichts, was ein Mensch per se und an sich „hat“. Ein bestimmtes Verhalten, irgendeines, welches auch immer, ist nichts. was „in der Persönlichkeit“ oder „im Charakter“ eines Menschen verankert wäre. Sondern zunächst einmal ist Verhalten …eine Beobachtung. Und sonst: gar nichts.

Falls Sie jemals allein auf einer einsamen Insel stranden, nach einem Unterschlupf suchen, Beeren sammeln, Sandburgen bauen und Selbstgespräche führen, dann ist nichts davon Ihr „Verhalten“. Sicherlich werden Sie andauernd irgendetwas machen, sich betätigen, tun und lassen, aber: Sie verhalten sich nicht! Nur jemand, der Sie bei all dem beobachtet, kann das, was er da sieht, Ihr Verhalten nennen.

Wenn einem Sechsjährigen erzählt wird „Toll, Du hast Dein Verhalten geändert“, dann hat er also mitnichten gelernt, sich „anders zu verhalten“, denn das ist völlig unmöglich. Er hat allenfalls gelernt, etwas zu tun oder zu lassen, was man jetzt anders an ihm beobachten kann. Und das sind mindestens zwei Paar Schuhe.