Freitag, 24. August 2012

Bürger unter öffentlicher Anklage


Stellen Sie sich vor, jemand gesteht offen, dass er raucht und sich ungesund ernährt, dass ihm die Umwelt, der Klimawandel und Tierversuche völlig egal sind, und dass er Kinder nicht ausstehen kann. Grundrecht auf freie Meinungsäußerung hin oder her: So etwas kann sich heute niemand mehr erlauben, ohne schlagartig geächtet zu werden.

Die Akzeptanz und das Überleben in einer sozialen Gemeinschaft stehen heute zunehmend unter potenziellem Rechtfertigungszwang.
Wenn man etwa gute Freunde zum Essen in die eigenen vier Wände einlädt, dürfen keinesfalls argentinische Steaks serviert werden, denn das wäre schließlich biologisch und ökologisch kritikwürdig. Anders gesagt: Um geschmacklich zu beeindrucken, darf man zwar argentinische Steaks auftischen, muss allerdings erklärerisch die Herkunft auf den Hofladen des örtlichen Bauernhofes verlegen, von wo man das Fleisch selbst abgeholt hat, und zwar selbstverständlich mit dem Fahrrad.

In Reihen- und Einfamilienhausgegenden wiederum sind inzwischen immer mehr Häuschen mit Photovoltaikanlagen ausgestattet. Da geraten langsam die paar Hausbesitzer in Erklärungsnot, die noch immer keine Solarzellen auf dem Dach verteilt haben. Erst recht solche, auf deren Auto der Aufkleber „Atomkraft? Nein Danke!“ prangt. Wie kann man nur gegen Atomstrom wettern, aber gleichzeitig mit seiner Heizanlage die Klimakatastrophe befeuern? Unmöglich.

Und wie ist das mit der konventionellen Post? Das Versenden von Grußkarten aller Art, völlig überflüssiger Ansichtskarten, Geburtstagskarten, Feiertagsgrüße? In Zeiten digitaler Datenübertragung von eMail, SMS und in „Sozialen Netzwerken“ eine völlig überflüssige mehrfache Umweltbelastung durch den Transport, Ressourcenverbrauch und Müllproduktion. Wie will man das noch ernsthaft rechtfertigen?

Erst recht: Wasserspender, zum Beispiel in Arztpraxen und Drogeriemärkten seit einiger Zeit quasi Standardausstattung. Muss diese Verschwendung, dieser Schein von Überfluss wirklich sein? In ein paar Jahren werden schließlich um Trinkwasser Kriege geführt werden, dazu auch hier die Umweltbelastung durch die Nachfüll-Logistik mitsamt dem anfallenden Müll. Andererseits: Wer die Wasserspender deshalb boykottiert, mitvernichtet dadurch u.a. zahlreiche Arbeitsplätze, die daran hängen.

Von der Kleidung am Leib bis zum Kaffee, den man trinkt, muss alles biologischen, ökologischen, sozial-ethischen Maßstäben standhalten. Nein, wirklich: Es ist knifflig geworden, sich korrekt zu verhalten, und notfalls dafür auch die akzeptable Rechtfertigung parat zu haben.
Erst recht in einer Zeit, die ein kluger Mann als „Show der öffentlichen Anklage“ bezeichnete. Denn schließlich, ob man will oder nicht, präsentiert man öffentlich sein korrektes und inkorrektes Verhalten, etwa durch den Umweltzonenaufkleber („Feinstaubplakette“) an der Windschutzscheibe, und durch die mit „Bio“ und „Öko“ etikettierten Waren, die man – sichtbar für alle anderen – auf das Kassenband im Supermarkt legt.

Dienstag, 8. Mai 2012

In eigener Sache: 2012 ... 10 Jahre ...


Und noch ein jubilarischer Geburtstag: Dieser Blog wird heute 10 Jahre alt. Insbesondere jüngere Menschen mögen sich dessen vielleicht nicht wirklich bewusst sein, doch das Internet vor 10 Jahren war im Vergleich zu heute noch so etwas wie in der „Steinzeit“ und ein Blog (damals noch deutlich umständlicher „Weblog“ genannt) eine echte Selten- und Besonderheit.

Ein „Weblog“. Ein „Logbuch im Web“. So hieß das früher einmal. Und wie üblich, dominierten damals auch die Vorbehalte und die amüsierten Schmunzler, was das eigentlich soll. Es gab inzwischen Websites, zumeist von Firmen, zunehmend auch private, auf denen präsentiert wurde, wer man ist und was man so macht. Unternehmen präsentierten sich und ihr Angebot, Privatleute ihre Familie und/oder Hobbys, alles hin und wieder bei Bedarf aktualisiert. Und das war’s.

Dann kam diese neue technische Innovation des „Weblog“ bzw eben „Blog“ und es war noch keinem wirklich klar, worin der Nutzen und/oder Bedarf bestehen sollte, dass einzelne Menschen die globale digitale Weltgemeinde, über was auch immer, auf dem Laufenden halten; wöchentlich oder sogar täglich. Ein informationelles Dauerfeuer wie heute in „Facebook“ oder per „Twitter“ hätte damals jede Vorstellungskraft gesprengt.

So ändern sich die Zeiten. Und es provoziert die Frage, was heute wohl – noch – unsere Vorstellungskraft überfordert. 

Mittwoch, 4. Januar 2012

In eigener Sache: 2012 ... 20 Jahre


Willkommen im Jahr 2012. Was immer daraus werden wird, eines steht fest: wir alle werden im Laufe des Jahres älter, um mindestens ein Jahr. Es wird ein Jahr voller prominenter Geburtstage. Und ich darf mich in aller Bescheidenheit einreihen…



Der Hamburger Sportverein wird in diesem Jahr 125 Jahre alt, die „Milka“-Schokolade wird 111, „Haribo“ wird 90 Jahre alt und die „BILD“-Zeitung 60. Ein paar Zwanziger sind auch dabei: Das „Disneyland“ in Paris wird 20, der Fernsehsender „Kabel1“ und die SMS, die Kurznachricht per Mobiltelefon, werden 20 Jahre alt.

Am 4. Januar 1992 habe ich mich per Gewerbeschein selbstständig gemacht und dadurch meine damalige kleine Werbeagentur in Duisburg-Meiderich offiziell eröffnet. Damit bin ich nun seit 20 Jahren „im Geschäft“, wie man das rein ökonomisch bezeichnet. 20 Jahre, in denen sich Gewaltiges entwickelt hat, in denen ich über meinen Beruf und mein Wirken mehrere hundert Menschen kennenlernen durfte und fast allen weiterhelfen konnte, einigen davon sogar entscheidend.

Und selbst? Vom anfänglichen Werbeagenten ist – rein fachlich – nicht mehr viel übrig geblieben, außer jede Menge Erfahrungen, die man am Anfang zwangsläufig macht. Ein späterer Schwenk zur Kundenorientierung, das Ganze unterbrochen durch eine relativ kurze, aber heftige Lebenskrise, für die ich im Nachhinein erheblich dankbar bin (auch hier: Erfahrungen von unschätzbarem Wert), dann in das tieftste Bayern ausgewandert, und seit dem – rein fachlich – immer tiefer in das Gebiet der Kommunikation, des Denkens und Verhaltens vorgedrungen, schließlich dadurch auch zum Buch-Autor geworden.

Das Erstaunliche daran: Es hat sich – ganz einfach – so ergeben. Seit damals, bis heute. Im Grunde allesamt reine Zufälle im wortwörtlichen Sinne. Es ist mir zugefallen. Umso gespannter bin ich darauf, was mir sonst noch zufallen wird, und lasse die Freunde meines Wirkens gern daran teilhaben.

Freitag, 23. Dezember 2011

wechselnd umgedacht.


In Vorbesinnung auf Weihnachten und im Angesicht des unvermeidlichen Jahreswechsels heute einmal etwas weniger Aktuelles. Oder im Gegenteil: etwas von dauerhafter Aktualität. Je nach gewünschter Betrachtungsweise bei freier Wahl des persönlichen Standpunktes. Schließlich hängt genau davon auch ansonsten alles mögliche ab. Auch das, was man unter einem „Umdenken“ versteht.

Kürzlich wurde das offizielle „Wort des Jahres“ gekürt: „Stresstest“. Ich selbst dagegen halte ein anderes für geeigneter: „Umdenken“. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, jemals öfter auf dieses Wort gestoßen zu sein als in diesem Jahr (was vielleicht auch zwangsläufig beruflich bedingt sein kann).

Noch nicht einmal vor drei Jahren war das der Fall, als ein gewisser Barack Obama mit „Yes, We Can“ und dem Schlagwort „Change“ weltweit die Politik- und Medienszene aufmischte. Heute muss man jedenfalls in Erwägung ziehen, dass dieses „Change“ auf gut Deutsch weniger als epochale „Veränderung“ gemeint war, sondern als vergleichsweise simpler „Wechsel“ von einer US-Regierung zu einer anderen. Womöglich ist es auch so, dass jemand mit tatsächlich visionären Ideen und Absichten von „den Realitäten“ eingeholt und abgewürgt wurde, prompt als er im Chefsessel saß.

Immerhin ermöglicht das eine recht elegante Überleitung zum „Umdenken“, nämlich im offenkundig-scheinbaren Gegensatz zu dem, was man für „realistisch“ und „realisierbar“ hält. Anders gesagt: Nicht alles, was denkbar ist, ist auch realistischerweise realisierbar. Und umgekehrt.
Darauf kam nicht zuletzt auch Kanzlerin Merkel höchstpersönlich im März dieses Jahres zu sprechen, wonach uns die Atomkatastrophe in Fukushima zumindest lehrt, dass „etwas, was nach allen wissenschaftlichen Maßstäben für unmöglich gehalten wurde, doch möglich werden kann“, so die studierte Physikerin.

Also: Umdenken! Wir müssen umdenken! Doch „um“ was genau? Um die Wissenschaft und all ihre Maßstäbe herum, vielleicht in Richtung dessen, was „trotz dem“ möglich ist? Oder denken wir uns lieber um die Verantwortung herum? Oder um den Verstand? Um Kopf und Kragen? Oder: in dieser Reihenfolge, aber irgendwie anders als bisher, effektiver und effizienter, und dann wird alles besser?

Man könnte auch fragen: Was interessiert uns eigentlich …wirklich? Gibt es ein reales Interesse an etwas wirklich Wichtigem? Oder interessiert uns tatsächlich nur noch, ob wir in der City einen Parkplatz finden, dass wir an der Supermarktkasse nicht lange herumstehen müssen und was heute Abend im Fernsehen läuft?
Ist da irgendwo irgendjemand, der eine Idee hat, wohin es eigentlich gehen soll? Für die Zukunft? Zumindest als grobe Richtungsangabe(?) – sei es auch nur als realistischerweise kaum realisierbare Vorstellung, entgegen einigen geltenden Maßstäben?

Oder wird wirklich gemeint, es wäre eine grandiose Lösung, Automobile nicht mehr mit Benzin, sondern elektrisch fahren zu lassen? Also jeder weiterhin mit seinem eigenen, farbig lackierten Blechhaufen unterwegs, dieselbe Gesundheitsbelastung, Platz-, Geld- und Ressourcenverschwendung, nur eben „umweltfreundlicher“?
Wird wirklich gemeint, eine andere revolutionäre Lösung sei die Energiegewinnung durch Sonne, Wind und Wasser? Ohne dass irgendjemand in Frage stellt, warum und wofür genau eigentlich dermaßen viel Energie gebraucht wird(?), etwa für nächtliche Leuchtreklame, für den Rund-um-die-Uhr-Betrieb von Abfüllanlagen in Brauereien, von Gummibärchen- und Kartoffelchipsherstellung, für den Dauerbetrieb von Schlachthöfen und anderen Fließbandproduktionen, für die endlos langen Tiefkühltheken in den Supermärkten? Oder wofür genau braucht unsere Gesellschaft eine solch enorme Energiemenge?
Wird wirklich gemeint, eine andere Lösung sei es, Politiker und Manager gnadenlos an den Pranger zu stellen, die sich unmoralisch verhalten(?) – während es Otto Normalbürger weiterhin als Kavaliersdelikt betrachten darf, „Tempo-30-Zonen“ zu ignorieren und auf „Eltern-Kind“-Parkplätzen falsch zu parken, weil er es nunmal gerade eilig hat?
Und wird wirklich gemeint, die Welt ließe sich verbessern, indem wir eine „Bildungsoffensive“ nach der anderen starten(?) – während wir gleichzeitig von Politik und Werbung mit Worthülsen und Phrasen überschüttet und mit Fernsehshows zugemüllt werden, die an Niveaulosigkeit und Dümmlichkeit kaum noch zu überbieten sind?
Nur beispielsweise.

Meint man wirklich, das Ganze ist insgesamt grundsätzlich voll in Ordnung, es müsse nur hier und dort noch ein bisschen herumgefeilt werden? Ist das mit „Umdenken“ gemeint? Weit weniger belastend, als sich darüber Gedanken zu machen, ist es dagegen natürlich, einfach beim „Stresstest“ als „Wort des Jahres“ zu bleiben. Denn darum kümmert sich schon irgendwer.

Ich wünsche besinnliche Feiertage und einen gelungenen Rutsch.
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Samstag, 10. Dezember 2011

bildungsfern besprochen.



Vor gut einer Woche konnte man wieder einmal ein kleines Kunststück erleben: Wie man sehr ausführlich über Bildung spricht, ohne über Bildung zu sprechen. Das Ganze war öffentlich (sogar: öffentlich-rechtlich) im Fernsehen zu bestaunen, als in „Günter Jauch“ einem Millionenpublikum ziemlich wirre Ansichten untergejubelt wurden.

In der relativ neuen Sonntagstalkshow unter Leitung des gleichnamigen Moderators hieß es „Generation doof - warum gibt es so viele Bildungsverlierer?“. Wobei gleich dieser Titel immerhin darüber informiert, dass es (ein paar) Sieger und (sehr viele) Verlierer gibt, und „Bildung“ damit wohl keineswegs eine Angelegenheit der ganz persönlichen Entwicklung und Reife eines Menschen ist, sondern einen zwischenmenschlichen Wettkampf darstellt, jeder gegen jeden, von öffentlichem Interesse.

Das alleine schon provoziert die Frage, wie gebildet es überhaupt ist, von einer solchen Grundannahme auszugehen(?). Immerhin die Grundschullehrerin Sabine Czerny deutete diese leichte Fragwürdigkeit an: „Es geht nicht darum, besser zu sein, sondern sehr gut zu sein“. Diese Feststellung wurde allerdings im Weiteren glänzend ignoriert. Vielleicht deshalb, weil keiner der Anwesenden sie verstanden hat.

Apropos Anwesende: Als Talkgast eingeladen war u.a. der Unternehmer Harald Christ, wohl wegen seines vermeintlich beispielhaften Vorbildcharakters, weil er sich „hochgearbeitet“ hat, wie es hieß, vom unterprivilegierten Arbeiterkind zum Multimillionär, wie es hieß, kurz: eine „Bilderbuchkarriere“, wie es hieß.
Auch hier könnte man sich fragen, wie gebildet es ist, den Sinn von Bildung in der Anhäufung von Geldvermögen zu sehen, das dazu noch in diesem speziellen Fall, in dem Herr Christ seine Millionen am Finanzmarkt zusammenspekulierte, und das so in dieser Weise einem Millionenpublikum als erstrebenswert unterzujubeln.

Ein anderer Anwesender, Michael Rudolph, der „härteste Schulleiter Berlins“, durfte sich öffentlich-rechtlich damit brüsten, Kinder, die verspätet zum Schulbeginn erscheinen oder im Unterricht stören, strafweise zu gemeinnütziger Arbeit zu verdonnern, wie etwa Müll aufzuklauben oder Laub zusammenzufegen.
Wer Kindern jedoch lehrt, dass gemeinnützige Arbeit eine Strafe ist, und das auch noch als Teil einer „umfassenden Bildung“ betrachtet, der gehört damit in ein Museum, doch weder in einen Schulleitersessel noch in eine solche Talkshow.

Zwei weibliche Gäste wiederum, eine 14-jährige, die Goethes „Faust“ auswendig beherrscht, sowie eine Seniorin, die im Alter von 71 Jahren ihr Abitur gemacht hat und nun gerade ein Studium beginnt, rundeten das Desaster auf gelungene Weise ab.
Natürlich: beide leisten sicher etwas außergewöhnliches – was im Grunde tragisch genug ist. Die andere Frage, die jedoch ebenfalls ungeklärt blieb, ist: was hat das beides eigentlich mit Bildung zu tun? Oder anders gefragt: zählen die beiden damit nun etwa zu den Bildungssiegerinnen?

Und über dem allem schwebte das Geheimnis, worüber eigentlich gesprochen werden sollte. Aber: warum auch? Über Bildung eben. Bildung ist wichtig, das weiß schließlich jeder. Wer ungebildet ist, hat es schwer im Leben und gehört laut Talkshowtitel zur „Generation doof“. Also: Bildung! Bildung! Und nochmals: Bildung! Alle brauchen Bildung! Gute Bildung! Bessere Bildung! Was immer damit auch gemeint ist.
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Freitag, 18. November 2011

energisch betrieben.



Was war denn das nun wieder. Da zappte ich irgendwann zu später Stunde durch das TV-Programm und blieb auf irgendeinem Kanal in irgendeiner Dokumentation hängen, in der es um die grandiose „Energiewende“ ging, die die Menschheit jetzt und in naher Zukunft vollführt. Ganz nach dem Motto „Jetzt wird endlich alles gut“. Wie so oft jedoch blieben in der Euphorie ein paar kleine Fragen nicht nur unbeantwortet; sie wurden gar nicht erst gestellt.

Da ging es zunächst erst einmal um das so genannte „Wüstenstrom-Projekt“ namens „Desertec“. In den nächsten 40 Jahren sollen rund 400 Milliarden Euro investiert werden, um im sonnig-heißen Wüstensand von Nordafrika sehr viele und sehr große Solarkraftwerke zu bauen. Der so gewonnene Strom soll per Fernleitung nach Europa fließen und mindestens 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Baubeginn bereits nächstes Jahr, 2012.

„Ein großer Schritt im Kampf gegen den Klimawandel“, wie es hieß. Der Planet wird wohl letztlich gerettet durch u.a. RWE, e.On, Siemens und die Deutsche Bank, die das Projekt finanzieren. Vorausgesetzt natürlich, die weltweiten „Occupy“-Aktivisten bleiben erfolglos, weil das Ganze ansonsten schlecht finanzierbar sein dürfte. Welch ein Dilemma.
Außerdem etwas dumm dabei: ausgerechnet Nordafrika, ausgerechnet dort, wo gerade mit dem „Arabischen Frühling“ eine Revolution nach der anderen stattgefunden hat, in Tunesien, Ägypten, Libyen und Marokko steht irgendwie noch auf der Macht-Kippe. Und ausgerechnet von diesen ganzen potenziellen Pulverfässern machen wir uns abhängig – weil dort so schön die Sonne scheint. Diplomaten nennen das eine „geostrategische Herausforderung“. Na, das kann man wohl sagen.

So ähnlich, wie die angeblich ernsthaft vorangetriebene Wende zur „Elektromobilität“: Weg von den Autos alter Generation mit Verbrennungsmotoren, weg von der Abhängigkeit vom Öl, weg vom klimafeindlichen CO2-Ausstoß, hin zu Elektromotoren, innovativ und umweltfreundlich; besonders in dem Fall, wenn der benötigte Strom nicht aus Atom-, sondern aus Solarkraftwerken in Nordafrika stammt.

Das hat zumindest schon einmal den Vorteil, dass die USA nicht mehr überall dort einmarschieren und/oder Krieg führen müssen, wo sie ihre Öl-Lieferungen bedroht sehen. Dafür jedoch vielleicht demnächst in Lateinamerika. Im so genannten „Lithium-Dreieck“, wo die weltweit größten Lithium-Vorkommen herumliegen, in Argentinien, Bolivien und Chile. Schließlich ist Lithium unverzichtbar für die Batterien von Elektroautos.
Je stärker die „Energiewende“ zur „Elektromobilität“, je abhängiger von Lithium. Von einer Abhängigkeit in die andere; dasselbe in grün, sozusagen. Nicht nur betrefflich der Rohstoffe. Eben auch politisch. Bolivien etwa, das momenten noch ärmste Land Südamerikas, wird nicht mehr lange arm sein, und Dank des Lithium wie Argentinien und Chile sehr, sehr reich werden, auch: einfluss-reich.

Hier verschieben sich mitsamt Abhängigkeiten also ganze globale Machtverhältnisse, nach Nordafrika und Lateinamerika. Man darf sich einigermaßen sicher sein, dass das von Politik und Konzernen sehr wohl einkalkuliert ist, in der vermeintlichen Gewissheit, das schon irgendwie geregelt zu bekommen. Dem Otto Normalbürger werden die kleinen Nebeneffekte der schönen neuen Welt dagegen nicht mitgeteilt. Es reicht voll und ganz, wenn er sich darüber freut, dass die Klima-Rettungsmaßnahmen angelaufen sind und endlich alles gut werden wird.
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Donnerstag, 17. November 2011

übermäßig informiert.



Huuuuuuh…. „Information“. Ein ganz, ganz sensibles Thema! Information und alles mögliche, was man damit heute in Verbindung bringt: das Internet, Daten und Datenschutz, „Big Brother“, Kontrolle, Überwachungsstaat, undsoweiter. Jedenfalls bekam ich nach einem Vortrag bisher selten einen so zögerlichen Applaus, wie vor ein paar Tagen, als ich über Information referierte – was ich als vollen Erfolg betrachte: das passiert eben, wenn Nachdenklichkeit die Hände lähmt.

Vor drei/vier Wochen wurde der auf vielen Websites anklickbare „Gefällt mir“-Button medial thematisiert und wie das Soziale Netzwerk „Facebook“ auf diese Weise Daten über den Nutzer sammelt. Jedenfalls in dem Fall, dass dieser Nutzer Mitglied bei „Facebook“ und gerade auch dort eingeloggt ist.
Und dann war da noch der Student aus Wien, der von „Facebook“ alle Daten anforderte, die man dort über ihn gespeichert hat – und bekam eine CD zugeschickt, darauf eine PDF-Datei mit über 1.200 Seiten persönlicher Daten.
„Facebook“ als angeprangerte „Datenkrake“ sammelt alle möglichen Informationen über seine Mitglieder, die es nur bekommen kann. Das wirkt allgemein erschreckend und beängstigend und provoziert den üblichen Ruf nach Datenschutz bzw. noch mehr Datenschutz. Denn schließlich: Man stelle sich vor, was „Facebook“ mit den Informationen alles anstellen kann!

Ja. nämlich? Das, was „Facebook“ (wie auch „Google“ & Co.) in erster Linie interessiert, ist der imaginäre Wert der Werbeanzeigen. Man stellt den werbungtreibenden Unternehmen in Aussicht, durch Datensammlung „noch gezielter“ werben zu können, indem die Anzeigen nur den Nutzern präsentiert werden, von denen man anhand der Datenprofile zu wissen glaubt, dass sie am ehesten darauf anspringen. Da muss man wirklich Angst haben! „Immer gezielter“ mit Werbung zugemüllt zu werden… das kommt fast einer Apokalypse gleich.

Wenn man mich fragt, hat das ungefähr die gleiche Bedrohungsqualität, wie das an jeder Supermarktkasse übliche Hinweisschild „Bitte legen Sie alle Waren auf das Band“. Wenn ein Mann, Ende Vierzig, nichts weiter als ein Sixpack Bier, eine Tiefkühlpizza und eine Tüte Kartoffelchips auf das Förderband legt, verrät er damit eventuell mehr über sich, als in seinem „Facebook“-Profil. Und zwar: öffentlich. Jenseits allen Datenschutzes. Und ohne das mit einer „Privatsphäre“-Einstellung verhindern zu können.

Aber natürlich: Der erwartungsgemäße Einwand lautet, dass die Gefahr nicht in vereinzelten Informationen besteht, die über Personen gesammelt werden, sondern in der Masse, wie etwa (siehe oben) satte 1.200 Seiten persönlicher Daten über einen einzigen „Facebook“ -Nutzer.
Dem gegenüber stelle man sich die gewaltige Informationsmenge von 24 Aktenordnern vor! Das ist die Masse an Informationen, die die thüringische Abteilung des Verfassungsschutzes innerhalb von 13 Jahren über die rechtsradikale „Zwickauer Zelle“ gesammelt hat, wie kürzlich bekannt wurde. Und? Was hat diese enorme Informationsmenge gebracht? Offenbar nur wenig bis gar nichts.

Und auf anderen Ebenen?
Wir haben sämtliche Informationen darüber, dass in Indien (übrigens: eine parlamentarische Bundesrepublik, eine Demokratie) noch immer ein ziemlich unmodernes und unsoziales Kastensystem und „Schuldknechtschaft“ herrscht, dass indische Bauern reihenweise in den Selbstmord getrieben werden und Kinderarbeit durchaus üblich ist. Und was machen wir mit diesen Informationen?
Wir haben auch sämtliche Informationen darüber, wie im größten Tagebau der Welt in Chile Kupfer abgebaut wird, das für unsere High-Tech-Elektronik unerlässlich ist. Wir wissen, dass dieser Kupferabbau schwerste Umweltschäden verursacht und die Minenarbeiter bei extremsten Arbeitsbedingungen schwer erkranken. Und wir wissen, dass unser Elektronikschrott nach Ghana verschifft wird, wo Kinder auf den Müllhalden das ganze Zeug in Brand setzen, um die übrig bleibenden Metalle zu verkaufen – und dabei hochgiftige Dämpfe einatmen. Und was machen wir mit diesen Informationen?
Wir haben auch die Information (siehe u.a. mein Blogeintrag unten: „mehrfach verdorben“), dass mitten in Deutschland rund 500.000 Kinder Hunger leiden. Und was machen wir mit dieser Information – außer, dass daraufhin kurz mal über das „Mindesthaltbarkeitsdatum“ diskutiert wurde?
Nur beispielsweise.

Und so müssen wir uns darauf vorbereiten, dass wir irgendwann von unseren Kindern berechtigterweise gefragt werden: „Ihr und Euer Zeitalter der totalen Information. Ihr habt doch alles gewusst. Warum habt Ihr nichts dagegen getan?“. Wahrscheinlich werden wir antworten müssen: „Wir lebten nun einmal in einer Wissensgesellschaft, steckten in Bildungsoffensiven fest und mussten uns um den Datenschutz kümmern“.
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Mittwoch, 19. Oktober 2011

mehrfach verdorben.



Rund 500.000 Kinder leiden an Hunger – in Deutschland! Wer jedoch gemeint hat, dass diese Information, die letzten Sonntag zum „Welternährungstag“ veröffentlicht wurde, eine aufgeregte Diskussion entfachen würde, lag damit falsch. Das, was dagegen vielmehr thematisiert wird, ist das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmittelpackungen. Ein kleines Lehrstück der Kommunikationspolitik: Reden wir nicht über hungernde Kinder mitten in Deutschland, lasst uns über Stempel und Verordnungen diskutieren.

Die ursprüngliche Meldung geht auf Wolfram Hartmann zurück, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), der am „Welternährungstag“ darauf hinwies, dass „etwa 500.000 Kinder in Deutschland regelmäßig nicht ausreichend ernährt werden und immer wieder Hunger leiden“ – während jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen.
Statt sich dem erschreckenden Hungerleiden und der Unterernährung von Kindern mitten in Deutschland zu widmen und etwas (zumindest. irgend etwas) in Bewegung zu setzen (oder zumindest: anzustoßen), um diesen Zustand zu beheben, schwenkt die verantwortliche Politik dazu über, sich eine weitaus weniger pikante Nebensache herauszupicken:

So wäre Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner „für´s Erste schon zufrieden, wenn mehr Verbraucher das Mindesthaltbarkeitsdatum richtig verstehen würden“, denn das sei „lediglich eine Orientierungshilfe“, doch „trotzdem werden viele Lebensmittel, die eigentlich noch essbar wären, nach Überschreiten dieses Datums ohne zu prüfen in den Müll geworfen“. Leider dürfte es am Hungerleiden der betroffenen Kinder nicht besonders viel ändern, wenn die Familien, die genug zu essen haben, das Mindesthaltbarkeitsdatum richtig verstehen. Doch genau darum geht es hier natürlich: Ein thematisches Ablenkungsmanöver, und wie es scheint: gelungen. Bravo, Frau Aigner. So lange Sie das mit Ihrem Gewissen und Amtseid vereinbaren können.

Schuld sind also „die Verbraucher“, weil sie auf das Haltbarkeitsdatum achten und die Lebensmittel „ohne zu prüfen in den Müll werfen“. Was, bitte, sollen „die Verbraucher“ denn prüfen? In einer Zeit, in der Lebensmittel in Forschungslaboren getrimmt werden, praktiziert von einer Berufsgruppe, die „Lebensmittelchemiker“ genannt wird. Was soll „der Verbraucher“ denn wissen über „Stabilisatoren E452 und E340“, über „Trennmittel E341“, über „Emulgatoren E471 und E472e“ und was soll er bitteschön prüfen? Einmal kurz daran riechen? Oder soll er sich ein kleines Heimlabor einrichten?

Da trichtert man den Menschen unablässig ein, dass sie – grundsätzlich – als Laien keine Ahnung haben und das Denken besser den zahllosen Experten überlassen sollen, da werden Bundesämter und Aufsichtsbehörden installiert und Richtwerte, Höchstwerte, Prüf- und Gütesiegel eingeführt, et cetera, et cetera, warum überhaupt… damit „der Verbraucher“ vollauf beruhigt sein kann… und nun wird ihm gesagt, ausgerechnet auf das Mindesthaltbarkeitsdatum soll er bitte weniger achten und sich auf sein eigenes Urteilsvermögen verlassen(?). Aber natürlich.
Gerade in dem achso sensiblen Bereich der Gesundheit und des „Gesundheitsbewusstseins“, das man inzwischen erfolgreich etablieren konnte. Und gerade in einer Kultur, in der uns jede Bananen-Werbung zeigt, wie eine Banane aussehen muss, leuchtend gelb, makellos, ohne den geringsten bräunlichen Fleck.

Schon deshalb dürfte man sich ruhig einmal fragen, was das im Jahr 1981 eingeführte „Mindesthaltbarkeitsdatum“ eigentlich soll(?). Als „verbraucherpolitische Errungenschaft“ wurde es jetzt in dieser Diskussion bezeichnet (in der es übrigens ursprünglich, siehe oben, kurz mal um hungernde Kinder ging) und selbst Otto Normalbürger ist verbreitet der Ansicht, dass es eingeführt wurde, um „den Verbraucher zu schützen“ – wovor auch immer. Man darf allerdings ebenso in Erwägung ziehen, dass die Lebensmittelindustrie dafür gesorgt hat, die gewaltig davon profitiert, hübsch verpackt als „Verbraucherschutz“.

Last but not least darf man auch zwei Ecken weiter denken. Etwa darüber, was eigentlich passiert, wenn die jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittelmüll tatsächlich extrem reduziert werden würden, wenn Entsorgungsbetriebe weniger zu entsorgen haben, weniger Umsatz machen und Arbeitnehmer entlassen, wenn Müllverbrennungsanlagen nicht ausgelastet sind, dadurch Mehrkosten entstehen, die letztlich wieder „der Verbraucher“ zahlt.
Oder darüber, was passiert, wenn „die Verbraucher“ dann eben nicht mehr so schnell so viele Lebensmittel durch neue ersetzen müssen, wenn Supermärkte weniger verkaufen, wenn die Produzenten ihre Überproduktion nicht mehr loswerden, wenn nur noch halb so viele Lebensmittel von A nach B transportiert werden müssen, nur noch halb so viele Lkw-Fahrer gebraucht und nur noch halb so viele Container verladen werden, etc, etc.

Doch wer will sich diese Gedanken um größere Zusammenhänge schon freiwillig machen? Und schon gar nicht um das, worum es eigentlich anfangs einmal ging: um 500.000 hungernde Kinder. Mitten in Deutschland.
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Montag, 17. Oktober 2011

vorübergehend besetzt.



„Occupy Wall Street“. Aus ein paar Menschen, die in den USA mit den dort üblichen Pappschildern gegen „die Macht der Banken“ protestierten, sind ein paar Tausend weltweit geworden. Das soll erst der Anfang sein. Aber: wovon genau? Zunächst einmal ist es der Anfang davon, dass spontane, schlichte Unmutsäußerung zu einer organisierten Bewegung gemacht wird – was gleichzeitig der bedauerliche Anfang vom Ende sein könnte.

Eine – vergleichsweise – Handvoll Menschen demonstriert also relativ spontan einem Aufruf folgend, geboren aus einer gehörigen Frustration in Verbindung mit gefühlter und tatsächlicher Machtlosigkeit. Immer mehr Menschen schließen sich dem Protest an, malen kleine Schilder und große Transparente mit Sprüchen, die ihnen in den Sinn kommen, und rufen Protestsprüche, die aus dem Protestgefühl heraus entstehen. So weit. So gut. Vielleicht sogar potenziell erfolgreich.

Und dann passiert folgendes: Eine Großorganisation bietet den Spontandemonstranten ihre Unterstützung an, Einigkeit macht stark, doch noch stärker, wenn sie professionell organisiert wird, undsoweiter. Prompt wird dem bis dahin unorganisierten Protesthaufen ein „Sprecher“ als Kontaktperson zu den Medien an die Seite und vor die Nase gestellt, die zuvor spontanen Protestler werden zu „Aktivisten“ und in ihrer Gesamtheit zu einer „Bewegung“ erklärt, eine Werbeagentur bietet sich willig an, der Aktivistenbewegung ein professionelles Logo zu gestalten, einen professionellen Slogan zu creieren, beides zur Verwendung auf den nun professionell gestalteten Plakaten, die die zuvor unbedarft selbstgemalten Schilder ersetzen, dazu gibt es nun mit Logo und Slogan bedruckte Aufkleber, Kaffeebecher und Fähnchen zu kaufen, irgendwo dazwischen wird eine professionell gestaltete Website ins Internet gestellt, global-mehrsprachig, versteht sich, auf den zukünftigen Protestkundgebungen dürfen Getränke- und Würstchenverkäufer ihre Getränke und Würstchen nur noch gegen Lizenz verkaufen und dürfen nun „Dixi-Klo“-Vermieter ihre „Dixi-Klos“ gegen Lizenz auf dem Kundgebungsgelände aufstellen. Zum Beispiel. So ungefähr läuft das. Wenn es noch etwas weiter läuft.

Das, was dagegen bereits angelaufen ist, ist die heute unvermeidliche analytische Aufbereitung durch Experten aller Art, durch Psychologen, Politologen und Soziologen, die in der „Occupy“-Bewegung den „Widerstand einer gebildeten Mittelschicht“ sehen und den Aktivisten zugestehen, dass „Wut und Empörung wichtig“ seien, doch der „zornige Protest in ein bürgergesellschaftliches Engagement umgewandelt“ werden müsse. Erst dadurch und erst jetzt wird sich jeder Empörte und Wütende richtig verstanden fühlen.

Zwischen den Zeilen liest sich das ungefähr so: Liebe Leute, keine Sorge, wir halten Euch nicht nur für aufmüpfige Querulanten, sondern wir halten Euch für gebildete Bürger, die zurecht aufgebracht und wütend sind. Wir nehmen Euch ernst und wir verstehen Euch. Und nun, wo wir das geklärt haben, geht wieder alle schön nach Hause, und guckt Euch am Fernseher auf Eurer Couch an, wie wir Experten das für Euch kompetent in die Hand nehmen.

Und weil das so nicht zum ersten Mal der Fall wäre, dass die „Bankenwut“ in Talkshows von Experten und Politikern zerredet wird, bis keiner mehr weiß, worum es eigentlich anfangs mal gegangen ist und bis es keiner mehr hören will, könnte der ehemalige Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck Recht behalten, wenn er diese Bewegung als „albern“ deklariert und meint „Das wird schnell verebben". Womöglich sagte er das gar nicht aus Arroganz, sondern aus politischer Erfahrung.
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Samstag, 15. Oktober 2011

weise verwachsen.



Die „Wirtschaftsweisen“ haben wieder einmal gesprochen – und ich kann es nicht mehr hören. Statt regelmäßig über konjunkturelle Entwicklungen zu spekulieren, könnten sich die Experten zwischendurch mit der Frage beschäftigen, was dieses Wirtschaftssystem eigentlich mit Weisheit zu tun hat. Allerdings ist es verständlich, wenn sie das lieber nicht tun: sie würden sie sich mit der Antwort darauf selbst überflüssig machen.

Regelmäßig dürfen wir (warum eigentlich?) erfahren, wie „die Wirtschaftsweisen“ die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland beurteilen und was sie davon erwarten. Genau so regelmäßig, wie wir über Arbeitslosenzahlen informiert werden, und über den jeweils aktuellen „Geschäftsklimaindex“ und über das alljährliche Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels. Offenbar sollen wir also darüber informiert sein. Warum auch immer.

Ebenso regelmäßig liegen die „Wirtschaftsweisen“ mit ihrem geballten Experten-Knowhow knapp oder meilenweit daneben. Damit das in Zukunft etwas weniger oft oder zumindest weniger offensichtlich passiert, scheint man sich einen neuen Stil zugelegt zu haben, der sich vor allem im Konjunktiv bewegt: „Wenn die Euro-Politik der Regierung etwas klarer werden würde, könnte sich die wirtschaftliche Stimmung so verbessern, dass im kommenden Jahr ein stärkeres Wachstum möglich wäre“. Aha. Da haben wahre Experten gesprochen. Und sogar welche, die als „weise“ bezeichnet werden.

Damit ist nun immerhin Klarheit geschaffen. Auch für den Teil der Bevölkerung, mit dem sich eher andere Experten beschäftigen, die regelmäßige „Armutsberichte“ erstellen dürfen, und wonach aktuell rund 45% der Alleinerziehenden und rund 20% der Hauptschüler als „armutsgefährdet“ gelten – was so leider nichts über Alleinerziehende aussagt, deren Kinder Hauptschüler sind oder über Hauptschüler, die bei nur einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, und ob sich diese Prozentzahlen dann wohl automatisch addieren.

Und auch Rentner sind demnach „armutsgefährdet“, die mitunter satte 40 Jahre lang schwer gearbeitet haben. Beispielhaft in Bayern, wo besonders viele Senioren in Gastronomie und Landwirtschaft tätig waren und deshalb heute einen Anspruch auf gerade einmal zwischen rund 950 (Männer) und 475 Euro (Frauen) monatliche Rente haben – zum Überleben angewiesen auf zusätzliche Sozialleistungen („HartzIV“).

Davon wiederum werden wir in Zukunft noch viel mehr haben, Stichwort: demographischer Wandel. Laut anderer Experten führt die zunehmende Altersarmut in zunehmende Alterskriminalität und zunehmende Selbstmordraten unter Senioren. Doch vielleicht helfen hier ja die Erfahrungen weiter, die man mit stetig zunehmender Jugendkriminalität und Selbstmordraten von chancen- und hoffnungslosen Jugendlichen gemacht hat.

Aus der Sicht von weisen Wirtschaftsexperten ist das sogar „gut so“, weil kriminelle Jugendliche und kriminelle Rentner zu mehr Strafverfolgungen führen und die jeweiligen Anwaltshonorare genauso in das Bruttoinlandsprodukt einfließen, wie Arzthonorare, Behandlungs- und Therapiekosten und Kosten für die dauerhafte Unterbringung in diversen Kliniken: je mehr Kranke und Kriminelle, desto besser für das Wirtschaftswachstum – ob Jugendliche oder Rentner ist dabei ökonomisch irrelevant und eine Frage, um die sich bitte Soziologen kümmern sollen.

Diese Beispiele sind keine unerfreulichen, bedauerlichen Nebeneffekte, sondern zwangsläufige Produkte eines grundsätzlich unmenschlichen Wirtschaftssystems. Es ist nicht besonders schlau darüber zu spekulieren, wie man das auch noch zum Wachstum bringt. Von Weisheit einmal ganz abgesehen.
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