Dienstag, 14. Februar 2017

gefährlich alarmiert

Wenn eine Kinderärztin gleichzeitig auch Psychotherapeutin ist, dann muss man damit rechnen, dass eine Mittelohrentzündung durchaus psychische Ursachen haben kann. So ungefähr muss man es jedenfalls bewerten, wenn eine solche Frau im Fernsehen befragt wird und auch noch Antworten gibt.

In Duisburg herrschte kürzlich Alarmstimmung an einem Gymnasium: Eine Schülerin soll auf ihren Tisch die Ankündigung eines Amoklaufes gekritzelt haben. Das ist im Grunde widersinnig, weil man nicht wissen kann, ob und wenn wann man Amok laufen wird. Das hindert heutzutage aber natürlich niemanden daran, von „geplanten Amokläufen“ zu sprechen. Das klingt so schön gefährlich und dramatisch.

Im Regionalfernsehen des WDR wurde abends eine Kinderärztin und Psychotherapeutin dazu befragt. Beginnend mit der Frage, ob Lehrer denn nicht pädagogisch geschult sein sollten, potenzielle Amokläufer unter ihren Schülern zu erkennen. Doch wahrscheinlich sind Lehrer nicht einmal geschult, Schüler zu erkennen, die potenziell Journalismus studieren und dann solche Fragen stellen werden.

Die psychotherapierende Kinderärztin forderte jedenfalls, es würden an Schulen deutlich mehr Psychologen und Sozialpädagogen gebraucht. Es gäbe zwar schon viele, gebräucht würden aber viel mehr. Prima. Und was genau sollen die alle machen? Sich auf dem Schulhof unauffällig unter die Schüler mischen? Oder von einem Wachtturm aus beobachten?

Natürlich müssten aber auch die Eltern noch ein wenig mehr aufpassen, empfiehlt die Medizinerin. Auf „Anzeichen“ achten sollten die Eltern, etwa ob das Kind irgendwie „isoliert“ sei, ob es gewaltverherrlichende Computerspiele spielt, oder sogar frühere Amokläufer als Vorbild hat. An solchen Stellen ist man froh, dass es echte Experten gibt, die ihr geballtes Fachwissen mit uns teilen.

Erstaunlicherweise kam eine umfassend übergreifende Überwachung der Klassenzimmer und Schulhöfe mit Kameras gar nicht zur Sprache. Zusammen mit Aufnahmen aus anderen Kameras im öffentlichen Raum, mit Smartphone-  und Laptopnutzungsdaten und Zugangskontrollen an Schuleingängen könnte man doch sämtliche Risiken minimieren. Rein sicherheitshalber, versteht sich.

Dienstag, 7. Februar 2017

garantiert unverbindlich

Wir leben in unsicheren Zeiten. Wir müssen das einfach hinnehmen. Was auch sonst. Genau deshalb wabert auch alles und jeder immer schön an der Oberfläche entlang, immer schön unverbindlich, bloß nicht festlegen. Das ist sogar beim Wetterbericht schlimmer geworden.

Es war Anfang Dezember als Sven Plöger freitagabends für Nordrhein-Westfalen ankündigte: „Nun kommt er, der Winter, unausweichlich. Morgen schneit es bei Minusgraden“. Was passierte: 4 Grad plus und Regen.
Und ich weiß noch, wie im Radio für den Folgetag schönstes Sommerwetter versprochen wurde, und es am folgenden Regentag hieß: „Über Nacht ist von Osten her ein Tief aufgetaucht“. Tja. Wer kann sowas ahnen. Tückisch, dieses Wetter.

Wie es immer so schön heißt: „Jede Wettervorhersage über drei Tage hinaus ist Quatsch“. Mitunter liegen diplomierte Meteorologen offenbar auch schon einmal von heute auf morgen, für die Zeitspanne der nächsten 12 Stunden komplett daneben. Wie war das noch Karneval 2016: Die Düsseldorfer sagten ihre Umzüge wegen einer Sturmwarnung sicherheitshalber ab, die Kölner taten das todesmutig nicht und erfreuten sich ihrer Umzüge bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein.
Und da will man uns einen globalen Klimawandel erklären, der nun schon seit Jahrzehnten in den nächsten Jahrzehnten stattfinden wird.

Vielleicht sollte man schon deshalb rein sprachlich wieder zum neutralen „Wetterbericht“ zurückkehren. Wenn man nur berichtet, ist das weit weniger verfänglich und verbindlich als das Wetter „vorhersagen“ zu wollen. Jedenfalls hat sich der zwischenzeitlich verwendete Begriff „Wetterprognose“ irgendwie nicht durchsetzen können.

Wie war das kürzlich: „Der Regen wird seltener und schwächer. Morgen vor allem im Süden Lichtblicke; im Norden und Osten gebietsweise Regen. Später dann vor allem in der Mitte Regen. Die Aussichten: Am Dienstag regnet es gebietsweise, im Norden und Westen teilweise freundliche Abschnitte. Am Mittwoch regnet es verbreitet, am Donnerstag viele Wolken und ab und an Regen“.

Da fragt man sich glatt, was das mit „Vorhersage“ zu tun hat. Wenn man sich bewusst macht, dass dafür ein teuer bezahltes Meteorologen-Team verantwortlich ist, das sich dazu noch auf modernste HighTech, Weltraumsatelliten und Hochleistungscomputer stützt. hat das eigentlich nur noch Unterhaltungswert.

Freitag, 27. Januar 2017

physikalisch beunruhigt

In unserer Zeit sind offenbar Talkrunden im Fernsehen nötig, um die Weltlage schonungslos öffentlich zu klären. Dabei scheint zur Dramaturgie unverzichtbar dazu zu gehören, die Zuschauer in irgendein gedankliches Bedrohungsszenario zu versetzen und am Ende verunsichert darin sitzen zu lassen.

Diese Kurve muss man erst einmal kriegen: Im TV-Talk „Lanz“ im ZDF wurde über Donald Trump im Allgemeinen geplaudert; und mittendrin unversehens auf das sehr spezielle Thema „Big Data“ umgeschwenkt. Immerhin wurde einem dadurch klar, warum eigentlich auch Ranga Yogeshwar in der Runde saß.

Trumps Wahlkampf hätte sich schließlich durch eine enorme Sammlung und Auswertung von Daten aller Art, also „Big Data“, ausgezeichnet – als ob das bei anderen heutigen Wahlkämpfen und anderen Kandidaten wesentlich anders wäre. Doch das war jedenfalls die thematische Kurve, die eigens für Yogeshwar gebogen wurde, um ungebremst hinein zu brettern.

„Jeder von uns bewegt sich in Sozialen Netzwerken, jeder von uns hinterlässt so seine Spuren“, erklärte der TV-Wissenschaftler, etwa durch „Gefällt-mir“-Klicks, „und jedes Mal, wenn man das tut“, so Yogeshwar, „offenbart man ein Stück von sich selbst“ und „wenn man alle diese Daten miteinander verbindet“, entstehe „ein sehr interessantes Profil einer Person“.

„Interessant“. Natürlich. Mindestens so interessant wie der Gedanke, man könne anhand solcher Profile auch die Aliens ausfindig machen, die unerkannt mitten unter uns leben. Ungefähr aus solchen Sphären heraus erklärt Yogeshwar dann: „Man kommt, je mehr Daten man sammelt, zu einem immer genaueren Bild […] Im nächsten Schritt kann ich vorhersagen, was diese Person tut“.

Dummerweise wollte der Experte an dieser Stelle unbedingt eine Parallele zur Erfindung der „Schleyer-Fahndung“ in den 1970er Jahren ziehen. Im Erinnerungsverlust, dass die damalige Aktion vollständig in die Hose ging. Ebenso wie die Terroranschläge in Paris Ende 2015 nicht verhindert werden konnten, „trotz“ Unmengen zuvor gesammelter Daten. Und ganz frisch im Kopf müssten eigentlich noch die beiden Umfragedesaster vor dem „Brexit“ und der US-Wahl sein.

Der Punkt ist: In einer Unmenge von Zahlen und Daten geht man ruckzuck des Überblicks verlustig. Wissenschaftlich nennt man das „Unschärfe“. Und zumindest ein Wissenschaftler wie Ranga Yogeshwar sollte das wissen und die Unschärferelation kennen: „Mehr Information führt nicht zu mehr Klarheit, sondern im Gegenteil zu mehr Unklarheit“.

Alternativ darf man sich auch an Prof. Gerd Gigerenzer orientieren, der sich mit Risikokompetenz beschäftigt: „„Je komplexer die Situation ist, desto einfacher müssen die Vorhersagemethoden sein, weil man sonst irrelevante Informationen heranzieht“. In der Statistik nennt man diese Unschärfe „overfitting“.

Doch solche Relativierungen sind offenbar nicht erwünscht. Bei freier Wahl bevorzugt man doch lieber, den Menschen nur die Hälfte zu erzählen und Horrorszenarien zu creieren – mit tatkräftiger Hilfe eines Physikers, der inzwischen für nahezu sämtliche Themen für kompetent gehalten wird.

Montag, 21. November 2016

populistisch betroffen

Spätestens seit den allgemein unerwünschten Erfolgen von Donald Trump in den Vereinigten Staaten und der „AfD“ in Deutschland ist der „Populismus“ in aller Munde. Dabei wird dieser Begriff ironischerweise extrem populistisch verwendet,  mitunter gerade von denen, die Nicht-Populisten sein wollen.

Ein Populist ist, wer für sich in Anspruch nimmt, „die Stimme des Volkes“ und „den einfachen Menschen“ zu vertreten, und zwar mit einfachen Worten. Das scheint man nicht zu dürfen. Ansonsten wird es einem vorgeworfen. Jedenfalls in der Politik.

Dumm nur, wenn Politik und einige Politiker letztlich nichts anderes darstellen als das berüchtigte „Spiegelbild der Gesellschaft“. Dann wären gerade die Nicht-Populisten diejenigen, die vom „einfachen Menschen“ am weitesten entfernt sind – und das auch noch toll finden und für richtig halten.

Dabei hat es Populisten schon immer gegeben. Vor ein paar Jahren warnte man etwa vor dem gemeingefährlichen Franz Schönhuber, dem Gründer der „Republikaner“, oder vor einem gewissen Ronald Schill, dem „Sheriff von Hamburg“. So ähnlich wird es auch der „AfD“ und einzelnen Figuren ergehen.

Dass der Populismus momentan Hochkonjunktur hat, ist dabei schlicht und einfach zeitgemäß. Eben in einer Zeit, in der jeder auf „Facebook“ nach „Gefällt-mir“-Klicks geifert, bei „YouTube“ nach Abonnenten und bei „Twitter“ nach „Followern“ jagt, in einer Zeit der unzähligen Casting-Shows.

Erfolg hat, wer sich massenkompatibel inszeniert. Und Erfolg definiert sich über den schnöden Massenzuspruch und die Menge an „Gefällt-mir“-Klicks und „Followern“, von so etwas wie Qualität nicht zu reden. Und da machen auch die Populismuskritiker fleißig mit, um vor Populismus zu warnen.

Mittwoch, 16. November 2016

präsidial geschachert

Frank-Walter Steinmeier wird also neuer Bundespräsident. Das hat die SPD quasi ganz allein so beschlossen. Als wahrer „Coup“ von Sigmar Gabriel und als eher peinliche Niederlage von Angela Merkel wird das betrachtet. In Wirklichkeit ist es ziemlich egal, dafür aber noch viel schlimmer.

Wer sich dafür interessiert, warum so jemand wie Donald Trump tatsächlich zum künftigen US-Präsidenten gewählt werden konnte, und was die deutsche Politik daraus nicht gelernt hat, muss sich nur die vorgeplante Wahl Steinmeiers zum Bundespräsidenten ansehen.

Neben dem mittlerweile üblichem, ärgerlichem Geklüngel und Geschacher um diesen Job hat diese Schote – laut Politik-Experten – mindestens noch zwei weitere tiefere Bedeutungen für die Bundestagswahl im kommenden Jahr 2017.

Erstens: Allem spekulativem Gerede über einen gewissen Martin Schulz zum Trotz wird Sigmar Gabriel der Kanzlerkandidat der SPD. Sagen Politik-Experten. Schulz genießt vielleicht die besseren Umfragewerte. Doch was davon zu halten ist, sah man bei den Prognosedesastern vor dem „Brexit“ und der US-Wahl.

Zweitens: Die „Einigung“ zwischen CDU und SPD auf Steinmeier zeigt, dass man nach der Bundestagswahl die Große Koalition weiterführen möchte. Andernfalls hätte die SPD die Chance genutzt, schon einmal gemeinsam mit „Linken“ und „Grünen“ einen (anderen) Präsidenten-Kandidaten auszuklüngeln. Sagen Politik-Experten.

Wenn die Volksvertreter in Berlin stellvertretend für das Volk jetzt schon einmal ausgeklüngelt haben, nach der Bundestagswahl 2017 gemeinsam die Große Koalition weiterführen zu wollen, und die SPD gar kein Interesse daran hat, Angela Merkel den Posten streitig zu machen, dann heißt das:

Der gesamte Vorlauf, der gesamte „Wahlkampf“, einschließlich eines enorm brisanten TV-Duells zwischen Merkel und (angeblich voraussichtlich) Gabriel wäre eine einzige inszenierte Volksverdummung. Doch vielleicht noch schlimmer: Es würde wohl niemanden mehr wirklich wundern.

Freitag, 11. November 2016

trumpig regiert

Wer hätte das gedacht: Donald Trump wird US-Präsident. Und prompt verbreitet sich wieder allgemeine Angst, gezündelt und befeuert und geschürt von Bedenkenträgern aller Art, die mit ihren Ängsten nicht alleine dastehen wollen.

Der Weltuntergang wird kommen. So oder so. Sei es durch einen Asteroiden, den Klimawandel oder etwas früher und schneller ab Mitte Januar 2017. Nur mit dem Unterschied, dass diese globale Katastrophe optimal vermarktet werden wird und die Lettern „Trump“ darauf prangen. Wer`s glaubt.

Wo ist eigentlich das Problem? Außer natürlich, dass man es an der Person Trump festmacht? Die US-Amerikaner haben quasi „einen Mann aus dem Volk“ gewählt. Sicherlich nicht irgend einen, aber zumindest politisch einen echten Amateur. Doch eben: Wo ist da nun das Problem?

Auf den ersten Blick bietet sich der Vergleich mit Ronald Reagan an, der als Hollywood-Schauspieler im Jahr 1981 zum Amateur-Präsidenten gewählt wurde, die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ bezeichnete, und in einem Radio-Interview scherzhaft ankündigte: „In fünf Minuten beginnen wir mit der Bombardierung“.

Doch vielleicht ist ein Lech Walesa viel eher zum Vergleich geeignet. Ein einfacher Arbeiter, ein Elektriker, der Ende der 1980er mit seinem „Bürgerkomitée Solidarność“ ein ganzes realsozialistisches System revolutionierte und anschließend polnischer Präsident wurde.

Ähnliches zeitgleich als einfache Bürgerrechtler, Katja Havemann, Rolf Henrich und Bärbel Bohley, mit dem „Neuen Forum“, sowie u.v.a. mit zwei Theologen, Rainer Eppelmann und Markus Meckel, die DDR kollabieren ließen; letzterer wurde dann sogar Übergangs-DDR-Außenminister.

In diesen Fällen wurden keine Horrorszenarien beschworen, sondern die Welt geriet nahezu in Euphorie. Donald Trump dagegen leidet vor allem an seinem Image und seinem Ego. Doch gerade dieses Ego könnte ihn extrem motivieren, ein „guter Präsident“ werden zu wollen, wie manche es von Reagan sagen.

Freitag, 21. Oktober 2016

synaptisch verlaufen

Hach, was wird man in zwanzig/dreißig Jahren darüber lachen, wie man damals, Anfang des Jahrtausends, alles mögliche ursächlich irgendwo „im Gehirn“ gesucht und gefunden und mit Hirnfunktionen erklärt hat. Lachen darf man natürlich schon jetzt darüber. Ob man schon kann, ist eine andere Frage.

Etwa, wenn man sich wieder einmal verzweifelt durch etliche TV-Programme zappt und hofft, dass die Sendung „Puls“ eine kleine Insel im Informations- und Unterhaltungsbrei darstellen wird. Immerhin im Videotext beschrieben als „Sendung, die tiefer geht“. Und das auch noch im seriösen Bayerischen Rundfunk.

Um was ging’s? Um sogenannte „Handys“. Beziehungsweise: deren Nutzung, und zwar durch uns Menschen. Schließlich seien wir doch inzwischen „alle Handy-Junkies“. Das war schon einleitend die erste Fehlinformation. Ich bin persönlich der unbestreitbare Gegenbeweis und keineswegs der einzige.

„Wir wollten wissen“, hieß es dann, „wie unsere Handynutzung sich eigentlich auf unser Gehirn auswirkt“. Es geht offenbar nicht mehr anders: „Das Gehirn“ muss überall thematisch er- und dem unschuldigen Zuschauer aufgezwungen werden.

Und weiter in der Sendung: „Dazu besuchten wir den Psychologen XY“. Auch das wieder nahezu typisch. Kein Mensch scheint sich die Frage zu stellen, was ein Psychologe kompetenztechnisch überhaupt mit dem Gehirnorgan zu tun hat. Und weil das keiner hinterfragt, hat sich glatt die Hälfte der Psychologen mittlerweile prompt selbst zu Hirnforschern erklärt.

Dem voll entsprechend darf der jugendliche Moderator in Gegenwart des Psychologen ein paar enorm trickige Reaktionstests durchführen, deren Ergebnisse freihändig mit irgendwelchen Gehirnstimulationen erklärt werden. So ungefähr hat schon David Copperfield mit Eisenbahnwaggons beeindruckt.

Doch wie so oft: Wenn man meint, dümmlicher geht es nicht mehr, passiert etwas ähnliches auf einem anderen seriösen Kanal, im NDR, in einem Verbrauchermagazin(!), in dem es thematisch eigentlich um Haushaltsreiniger(!) ging, um angstgetränkte Vorurteile gegenüber Bakterien und deren übliche radikale chemische Bekämpfung.

Doch selbst hier, man möchte es kaum für möglich halten: „Woher kommt unsere große Angst vor Bakterien? Wir haben dazu einen Hirnforscher befragt“. Vielleicht sollte man einmal Hirnforscher danach befragen, warum Journalisten ständig auf die Idee kommen, Hirnforscher zu befragen.

Dienstag, 4. Oktober 2016

satirisch betreten

Ist Humor eigentlich ein Teil der Bildung? Wenn es nach den schulischen Lehrplänen geht, wohl nicht. Momentan zeigt sich jedenfalls, dass ein gewisses Humorverständnis notwendig ist, um eine kleine politische Staatsaffäre verstehen zu können. Und letztlich entscheidet darüber der Humor eines Richters.

Der noch immer aktuelle „Fall Böhmermann“ ist nur bedingt ein solcher. Allenfalls ein Fall für sich; ganz allein. Ich hatte schon nicht verstanden, mit welchem Trara das ZDF Herrn Böhmermann die Sendezeit für eine Late-Night-Show überließ. Da hätte man (auch ganz ohne Trara) lieber das „Nachtstudo“ mit Volker Panzer reaktivieren dürfen.

Wenn aber ein Herr Böhmermann öffentlich ein so genanntes „Schmähgedicht“ zelebriert, von dem er vorher einleitend ankündigt, dass es verboten ist, so etwas zu tun, übersteigt es mein Humorverständnis, eine willentlich vollzogene strafbare Handlung als Humor, nämlich als Satire zu bezeichnen – und mit diesem Argument nicht etwa nur um Milde zu bitten, sondern auch noch Forderungen zu stellen.

Da hilft es auch nicht, dass diese strafbare Handlung argumentativ mit dem „satirischen Umfeld“ gerechtfertigt werden soll, in dem sie stattfand. Gerade deshalb nicht, weil diese gesamte Show allenfalls auf dem Papier „Satire“ darstellt.

Genauso, wie die ebenfalls im ZDF versendete und als „Kult“ bezechnete „heute show“, die es gerade noch schafft, zwischen Klamauk und Polemik zu schwanken, aber die Qualität von Satire allenfalls zufällig streift.

Das ist adäquat zum heutigen humorellen Durcheinander, wo jeder Fernsehsender seine Comedy Show braucht, und reihenweise Nachwuchs-Spaßmacher auf die Bühnen geschubst werden, die sich für „Comedians“ halten dürfen, weil sie auf Bierzeltniveau ein paar Kalauer auswendig aufsagen können.

In diesen Quark passt wunderbar, dass sich Kabarettisten auf ihrer „Facebook“-Seite freiwillig als „Komiker“ bezeichnen, einfach weil dort nur diese Berufsbezeichnung zur Auswahl zur Verfügung steht. Ein etwaiger, vielleicht sogar qualitativer Unterschied ist offenbar allen Beteiligten schnurz.

Und so kommt es, dass in TV.-Shows selbst die flachesten Pointen ausnahmslos sämtlicher Möchtegernkomiker vom Publikum mit brüllendem Gelächter und begeistertem Schenkelklopfen belohnt werden.

Es sei denn, das ist alles nur gefakt und so zusammengeschnitten, während in Wirklichkeit neun Zehntel der Hilfskomiker von der Bühne gebuht wurden. Das wäre mindestens genau so schlimm wie beruhigend, wenn man annimmt, dass (siehe oben) Humor ein Teil der Bildung ist.

Freitag, 29. April 2016

wissentlich ver(w)irrt

Nicht immer, aber ziemlich oft sind die Ratschläge von Experten fast erschreckender als das Problem, zu dem sie befragt werden. Das passiert vor allem dann, wenn es sich um Experten handelt, die Experten sind, weil sie eben Experten sind, und schon deshalb offenbar plaudern dürfen, wie sie wollen.

Wir leben in einer Zeit, in der bedenklich Vieles einfach schnurz ist – und immer schnurzer zu werden scheint. Die Hauptsache ist, man wird informiert, über was auch immer, von wem auch immer. Und natürlich steht dabei jeder Expertenrat weit über der persönlichen Erfahrung jedes normalen Menschen.

Da werden Hirnforscher zu gesellschaftlichen Problemen befragt und Psychologen zu pädagogischen Problemen, Pädagogen wiederum verweisen auf Ergebnisse der Gehirnforschung, Genforscher spielen den Soziologen, das alles auch kreuz und quer umgekehrt. Ein großer Kompetenzquark im Informationsbrei verrührt.

Natürlich: Wer sich ein bisschen auskennt, der weiß, dass ohnehin alles mit allem zusammenhängt. Doch genau damit wird die Befragung von spezialisierten Experten ruckzuck so paradox, wie deren Erklärungen und Ratschläge zu Themen, für die – allenfalls – ganz andere Experten spezialisiert zuständig wären.

Wie kürzlich etwa im Falle des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, offenbar einer wahren Koryphäe der Pädagogik, in einer Ratgeber-Kolumne „Jesper Juul antwortet“, unter anderen einer verzweifelten Mutter, die sich mit ihrem sechzehnjährigen Sohn ständig über dessen exzessive Handynutzung streitet.

Das scheint so tatsächlich erst einmal in den Kompetenzbereich eines Pädagogen zu fallen. Nach ein paar cleveren rhetorischen Ausweichmanövern rät Herr Juul schließlich, die junge Mutter solle ihrem Sohn erklären, wie selbstzerstörerisch er sich verhalte, und das mit ihm geklärt haben wolle(!), nicht etwa nur möchte.

Dieser Ratschlag ist nicht gerade revolutionär. Vor allem geht er haarscharf am Problem vorbei, das nämlich (siehe oben) ganz woanders liegt, nämlich irgendwo im Bereich der Medienwirkungsforschung, für die es (siehe oben) natürlich ganz eigene spezialisierte Experten gibt.

Ein Knackpunkt ist: Herr Juul ist nun einmal Jahrgang 1948, also fast 70 Jahre alt. Da muss man hinterfragen dürfen, inwieweit er sich (wohlgemerkt als Pädagoge) jemals damit beschäftigt und/oder annähernd verstanden hat, in „welcher Welt“ die Jugend heute aufwächst.

Und das darf deshalb hinterfragt sein, weil es frag(-)würdig ist, einen 16-Jährigen auf ein vermeintlich „selbstzerstörerisches Verhalten“ hinzuweisen, der das selbst – garantiert – anders beurteilen wird. Und wenn es deshalb(!) zu einem Streit kommt, dann hilft es auch nicht mehr, „ich möchte“ durch „ich will“ zu ersetzen.

Und es darf und muss auch deshalb hinterfragt sein, wenn ein fast 70-Jähriger versucht, sich in die Erlebenswelt eines 16-Jährigen hinein zu versetzen, um beurteilen zu wollen, was in dessen Welt „selbstzerstörerisch“ wirkt – oder ob das nicht vielleicht nur in der Welt eines alten Mannes so ist.

Man bedenke: Wenn sich Eltern heute ein neues Auto kaufen, dann ist darin (an zentraler Stelle!) ein Bildschirm mit Multifunktions-Touchscreen eingebaut, ein solches Auto ist „vernetzt“ und mit WLAN ausgestattet. Wer besonders hip ist, steuert die heimischen Rollos über das Smartphone, das ohnehin allzeit präsent ist. In einer durchschnittlichen Lotto-Annahmestelle hängen mindestens 6 Monitore herum, an und neben und über Supermarktkassen ebenso. Selbst jeder simple Briefmarken- und Leergutautomat hat heute einen Bildschirm („Wählen Sie Ihre Sprache“!)…

Und da will man einem Teenager, der in einer solchen Welt aufwächst, plausibel erklären, dass ausgerechnet sein Handy und sein Tablet „zerstörerische Wirkung“ haben sollen? Wie sagte ein Berliner Schulleiter so richtig: „Wir müssen die Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten; nicht auf unsere Vergangenheit“. Manche Experten sind offenbar nicht einmal in der Lage, deren Gegenwart zu beurteilen

Montag, 11. April 2016

zwanghaft verhirnt

Hach, was wird man in zwanzig/dreißig Jahren darüber lachen, wie man damals, Anfang des Jahrtausends, alles mögliche ursächlich irgendwo „im Gehirn“ gesucht und gefunden und mit Hirnfunktionen erklärt hat. Lachen darf man natürlich schon jetzt darüber. Ob man schon kann, ist eine andere Frage.

Ich hatte kürzlich irgendwo geschrieben, dass ich nach fast einem Vierteljahrhundert, das ich mich inzwischen mit dem Denken und Verhalten beschäftige, einen Großteil des ganzen üblichen Geschwafels zu diesem Thema ab sofort nur noch mit Humor ertragen will. Das ist gesünder als sich ständig darüber aufzuregen.

Etwa, wenn man sich wieder einmal verzweifelt durch etliche TV-Programme zappt und hofft, dass die Sendung „Puls“ eine kleine Insel im Informations- und Unterhaltungsbrei darstellen wird. Immerhin im Videotext beschrieben als „Sendung, die tiefer geht“. Und das auch noch ausgestrahlt im seriösen Bayerischen Rundfunk. Bedenklich stimmte allerdings der zwanghaft auf „hip“ getrimmte Stil.

Um was ging’s? Um sogenannte „Handys“. Beziehungsweise: deren Nutzung, und zwar durch uns Menschen. Schließlich seien wir doch inzwischen „alle Handy-Junkies“. Das war schon einleitend die erste Fehlinformation. Ich bin persönlich der unbestreitbare Gegenbeweis und ganz sicher nicht der einzige.

Jedenfalls habe man ein paar Auserwählte gebeten, doch bitte einen Tag lang experimentell auf ihr geliebtes Smartphone zu verzichten und präsentierte deren Erfahrungsberichte, wie sie diesen einen Tag dann doch überlebt haben. Sodann folgte das heute nahezu Unausweichliche…

„Wir wollten wissen“, hieß es dann, „wie unsere Handynutzung sich eigentlich auf unser Gehirn auswirkt“. Es geht offenbar nicht mehr anders: „Das Gehirn“ muss überall thematisch er- und dem unschuldigen Zuschauer aufgezwungen werden.

Und weiter in der Sendung: „Dazu besuchten wir den Psychologen XY“. Auch das wieder nahezu typisch. Kein Mensch scheint sich die Frage zu stellen, was ein Psychologe kompetenztechnisch überhaupt mit dem Gehirnorgan zu tun hat. Und weil das keiner hinterfragt, hat sich glatt die Hälfte der Psychologen mittlerweile prompt selbst zu Hirnforschern erklärt.

Dem voll entsprechend darf der jugendliche Moderator in Gegenwart des Psychologen ein paar enorm trickige Reaktionstests durchführen, deren Ergebnisse freihändig mit irgendwelchen Gehirnstimulationen erklärt werden. So ungefähr hat schon David Copperfield mit Eisenbahnwaggons beeindruckt.

Doch wie so oft: Wenn man meint, dümmlicher geht es nicht mehr, passiert etwas ähnliches auf einem anderen seriösen Kanal, im NDR, in einem Verbrauchermagazin(!), in dem es thematisch eigentlich um Haushaltsreiniger(!) ging, um angstgetränkte Vorurteile gegenüber Bakterien und deren übliche radikale chemische Bekämpfung.

Doch selbst hier, man möchte es kaum für möglich halten: „Woher kommt unsere große Angst vor Bakterien? Wir haben dazu einen Hirnforscher befragt“. Vielleicht sollte man einmal Hirnforscher danach befragen, warum Journalisten ständig auf die Idee kommen, Hirnforscher zu befragen.