Freitag, 27. Februar 2015

irrsinnig belehrt

Und wieder einmal ist es erschreckend, mit welcher Bildung unsere Kinder schon in der Grundschule konfrontiert werden. Eine glatte Fehl-Bildung, per Lehrplan staatlich verordnet, wehrlosen Kindern durch die Autorität der Lehrkraft aufgezwungen, und dann auch noch die Kinder am besten benotet, die den Irrsinn am besten gelernt haben. 

Ich habe das an verschiedenen Stellen bereits mehrfach angesprochen, und werde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen: Zahlen sind Zahlen. Und sonst gar nichts. Zahlen sind keine Lebewesen und keine Gegenstände, sondern Zahlen sind Zahlen, und so etwas wie (Zahlen-)Werte sind wieder etwas anderes, und erst recht noch anders, wenn Zahlen nur eine reine Symbolfunktion als Ziffern haben.

Fast erwartungsgemäß kommt unser Sohn (wie der geneigte Leser inzwischen weiß: Zweitklässler in der Grundschule) kürzlich nach Hause und hat jede Menge Material über Wärme, Kälte, Temperaturen, Celsiusgrade, Thermometer, undsoweiter im Schulgepäck. Ebenso erwartungsgemäß wurde ihm beigebracht, dass je nach Wärme und Kälte die Temperatur jeweils steigt oder fällt, was man prima an einem handelsüblichen Thermometer ablesen kann.

Und wieder einmal: schulisch verordnetes Fehlwissen. Denn Nein, Nein und nochmals Nein! „Die Temperatur“ steigt nicht und sie fällt nicht, weder bei Wärme noch bei Kälte, denn Temperatur ist ein Messwert, also ein Wert, der durch messen ermittelt wird, und sonst gar nichts. Bei zwei Messungen erhält man oftmals zwei unterschiedliche Werte, die man vergleichen kann. Doch deshalb „steigt“ hier nichts und „fällt“ hier nichts.

Wenn man auf die Uhr sieht, und es ist nicht mehr Zehn, sondern Zwölf, dann ist die Zeit nicht um zwei Stunden gestiegen. Und wenn in der Schule bei Frühlingswetter und „wärmeren Temperaturen“ demnächst draußen Weitsprung geübt wird, dann sind es schließlich die Kinder, die in den Sandkasten springen, und nicht das Meter am Bandmaß entlang. Doch wer will das schon „so genau nehmen“. Nein, wir nehmen es lieber komplett irrsinnig.

In Kürze kommt dann ein selbsternannter „Merkmeister“ an die Grundschule, der vormittags den Kindern und abends den Eltern erklären will, wie sich die Gedächtnisleistung verbessern und damit das Lernen effektiver gestalten lässt. Oder anders gesagt: Es wird alles mögliche unternommen, um ein Halb- und Fehlwissen zu optimieren, bei den Kleinsten angefangen, mit den besten Absichten. Willkommen im Bildungszeitalter.

Montag, 9. Februar 2015

chancenlos fortschrittlich

Es gibt Menschen, die vom technologischen Fortschritt komplett begeistert sind, und sich hechelnd und geifernd auf dem neuesten Stand der Entwicklung halten, um bloß nichts zu verpassen. Warum nicht. Andere sammeln Briefmarken. Ich persönlich sehe die Technologie nicht zwangsläufig als Beginn des Weltuntergangs, aber erstmals skeptisch wurde ich, als ich die Erfindung des „Walkman“ erleben durfte.

In meiner Teenagerzeit hielt ich mich für den Schöpfer des Begriffes „Kommunikationsbremse“. Das nämlich war mein persönliches Begleitsynonym für „Walkman“, weil Mitschüler mit einem tragbaren Cassettenabspielgerät auf Zurufe und Ansprache nicht mehr reagierten.

Erstaunlicherweise wurde das damals medial eher wenig thematisiert. Man stürzte sich lieber auf die damals beginnende Verbreitung des Homecomputers, der die Teenager davon abhalten würde, sich an der frischen Luft zu bewegen, und zu „sozialer Isolation“ führen würde.

Damals wie heute, diese Scheinproblematik wird immer noch bei Bedarf aufgewärmt, nur die Technologie ist eine andere. Es sind nicht mehr Cassetten, sondern MP3s, nicht mehr „C64“-Heimcomputer mit „Pacman“-Spielchen und Akustikkoppler, sondern Smartphones und Internet und „Facebook“. Ansonsten alles wie gehabt, nur eben „fortschrittlich“.

Doch das, was jetzt auf uns zukommt – heißt es – besitzt eine ganz andere Qualität von „Fortschritt“: Die enormen Entwicklungen im Bereich „künstliche Intelligenz“, gepaart mit den enormen Entwicklungen im Bereich der Robotik. Allein bei diesem Gedanken beginnt bei manchem wieder das Hecheln und Geifern. Andere haben schlimmste Befürchtungen und wird Angst und Bange.

Zu befürchten haben wir allerdings recht wenig, solange es Ingenieure sind, die mit ihren Schraubendrehern und Lötkolben ihren Apparaten „Intelligenz“ zuschreiben: Wer selbst den ganzen Tag im Bauplan-Denken von „an oder aus“ lebt, der bezeichnet auch das „Null oder Eins“ von Computerchips als „intelligent“.

Und dann wäre da noch der Roboter als solcher. Wem dabei auf Anhieb diverse Figuren aus einschlägigen Science-Fiction-Filmen in den Sinn kommen, darf überraschend erfahren, dass wir „längst von Robotern umgeben“ sind, die nur nicht Roboter genannt werden; nämlich in Form unscheinbarer Imbiss-, Cola- und Leergutautomaten.

Spätestens hier werden die wirklichen Gefahren intelligenter Roboterisierung erkennbar: Wer jemals mit einem Leergutautomaten zu kämpfen hatte, der hat verloren. Chancenlos gegen eine Plastikkiste mit Flascheneinwurfmulde. Dass für den Benutzer kein „Reset“-Schalter eingebaut wird, ist mitnichten Zufall. Die Herrschaft der Maschinen hat längst begonnen.

Freitag, 30. Januar 2015

zwischenmenschlich erledigt

Inzwischen nervt es dann doch, das Thema PEgIdA. Jetzt kämpfen sie nicht nur gegen irgend etwas, sondern auch noch mit sich selbst und unter- und gegeneinander. Bei mir persönlich ist es mittlerweile so weit, dass ich bei jeder neuen Meldung an Volker Pispers denken muss: „Die Medien sind nicht dazu da, um uns zu informieren oder aufzuklären, sondern um uns zu beschäftigen“.

Auf dem (längst überschrittenen) Höhepunkt dieser Medialthematik wurde im seriösen „heute journal“ des ZDF ein mehrfach interessantes Interview geführt, eingeleitet von mahnenden Worten des Moderators Klaus Kleber: „Wer aber Islamisierung als politische konkrete Gefahr beschwört, der muss dann doch bitteschön Fakten auf seiner Seite haben. Die aber sprechen eine ganz andere Sprache als die Emotiononen und Parolen zum Beispiel der PEgIdA“.

Es folgte die Präsentation einer Handvoll solcher „Fakten“, wenn man statistisch erhobene Zahlen so nennen will, etwa dass „weniger als 5% Muslime in Deutschland leben“, wovon zwei Millionen deutsche Staatsbürger seien. 28% der weiblichen davon würden ein Kopftuch tragen, unter den 16-25-jährigen seien es mit 22% jedoch „deutlich weniger“. Abschließend wird noch hinterher geworfen, dass in Deutschland 45.000 Kirchen stehen, aber nur 2.400 Moscheen.

Dermaßen erschlagen von Zahlen soll noch einer unbelastet frei denken und dem Weiteren folgen können. Jedoch: Was sollen eigentlich diese Zahlen? Warum werden ausgerechnet diese Zahlen präsentiert und keine anderen? Warum wird etwa nicht auch die prozentuale Verteilung von Muslimen und Christen unter den Schwarzfahrern, Inhabern von Bibliotheksausweisen oder Döner-Konsumenten präsentiert?

Dass in Deutschland 45.000 Kirchen stehen, aber nur 2.400 Moscheen, hat ungefähr den qualitativen Gehalt, als ob man energiepolitisch feststellt, dass den circa 23.600 Windenergieanlagen in Deutschland nur 17 Kernkraftwerke gegenüberstellen, oder dass wir in Deutschland, verkehrspolitisch, circa 5.600 Bahnhöfe haben, doch nur 40 Flughäfen. Gut zu wissen. Und jetzt? Was soll eine solch hingeklatschte Information?

Das sollte dann wohl in einem Interview näher gedeutet werden, Klaus Kleber mit Hans-Joachim Maaz, u.a. Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Beziehungskultur, der erklärte: „Da sind viele Probleme, die zusammen kommen, sehr individuelle Probleme, da sind natürlich noch Ost-West-Probleme, Menschen, die zu kurz gekommen sind, die sich ausgegrenzt erleben, deren Hoffnung nicht aufgegangen ist im Westen, und es ist, wie man hört, auch eine Systemkritik an der Gesellschaft.. Diese Fragen müssten tatsächlich analysiert werden, die Leute wollen verstanden werden“. Sieh an.

Und darauf Klaus Kleber: „Wenn ich sie richtig verstehe, dann ist das, was wir gerade versucht haben, die Fakten darzustellen, wie sie tatsächlich sind, das geht dann an den Problemen völlig vorbei?“.
Auch wenn „rein faktisch“, also: statistisch, in Deutschland 45.000 Kirchen stehen, aber nur 2.400 Moscheen, ist es ein Unterschied, ob man in der Umgebung einer Kirche oder einer Moschee lebt, genau so, ob in Bahnhofsnähe oder in der Einflugschneise eines Flughafens. Mitunter gehen Zahlen – „Fakten“ – glatt am wirklichen Leben vorbei, das stimmt.

Dazu gehört auch, dass nicht die Zahlen, Daten und Statistiken, Experten-Analysen, Politik und Talkshow-Diskussionen das Problem klären, sondern ein simpler zwischenmenschlicher Konflikt aus dem wirklichen Leben. So meinte nach dem Rücktritt und Austritt von PEgIdA-Sprecherin Kathrin Oertel der Vize-Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland: „Mit ihrem Austritt ist für mich das Thema Pegida erledigt“. So einfach ist das.

Immerhin waren wir eine Zeitlang thematisch beschäftigt. Jetzt könnten wir doch eigentlich mal wieder ein paar Klimaforscher reaktivieren und den Winter ausdiskutieren, andererseits hatten wir schon länger kein hochgefährliches Grippevirus mehr. Nur eines ist sicher: Man wird ein Thema finden, um uns zu beschäftigen.


Montag, 26. Januar 2015

schulisch getutet

Es ist in mehrfacher Hinsicht aufregend, Vater eines Grundschülers zu sein, und live und in Farbe mitzubekommen, was unbeteiligten Theoretikern entgeht – gerade, wenn es um Wissen, Bildung und insbesondere um Fragen der Schulbildung geht. Noch schlimmer, wenn man sich als direktbeteiligter Zwangspraktiker auch noch leidenschaftlich beruflich mit solchen Themen beschäftigt.

Da berichtet unser siebenjähriger Sohn, inzwischen Zweitklässler, er habe in seinem anstaltlichen Unterricht nun ganz neu „Tun-“ und „Wie-Wörter“ erlernt. Na, prima. Und das, wo man den Nachwuchs jahrelang schon vorschulisch darauf hingewiesen hat, das „Tu’“ bitte tunlichst zu vermeiden, außer in unvermeidbaren Fällen, in denen beispielsweise „der Bauch weh tut“.

Um den Lerneffekt sicherzustellen, reagierte ich bei Notwendigkeit mit einem „Tuuut … Tuuut“. Das hatte Wirkung. Und nun lernt unser Junge offiziell „Tun-Wörter“, um in ein paar Jahren umzulernen, dass man das eben doch nicht sagt, sondern die selben Wörter bitte eleganter als  „Verben“ bezeichnet. Auch wenn der Bauch dann immer noch weh tut, und deshalb nicht etwa verbt.

Nach dieser Einleitung durfte ich erfahren, dass die Hausaufgaben darin bestünden, „Tun-Wörter“ für Pflanzen zu finden. Ich war darüber nicht wirklich überrascht, auch nicht verblüfft, ich war irgend etwas anderes: Wörter, die beschreiben, was Pflanzen tun? Im Ernst? Oder nicht vielmehr, was der Mensch so alles mit Pflanzen anstellt?

In der Tat: Pflanzen… sprießen, wachsen, blühen. Aha. Etwas zu tun, bedeutet Handeln. Ist das Sprießen, Wachsen und Blühen also etwas, was Pflanzen tun(?), quasi sichtbare Ausdrucksformen ihres Handelns? Andererseits: Wenn der Bauch weh tut, dann handelt er wahrscheinlich auch nicht eigenmächtig. Erfahrungsgemäß ist es allerdings besser, man stellt solche Fragen nicht, sondern lässt den Jungen einfach seine „Tun-Wörter“ notieren. Schon alleine, um den zeitlichen Rahmen nicht zu sprengen, der für Hausaufgaben verantwortbar ist.

Doch kaum, dass man sich davon erholt hat, erfährt man, dass die Hausaufgaben auch das Notieren von Sätzen mit „Wie-Wörtern“ beinhaltet, wie beispielsweise „Die Nacht ist dunkel“. Aber nicht doch. Nein. Mitnichten. „Die Nacht“ ist eine Bezeichnung für eine Beobachtung – und sonst gar nichts. Und dass eine Bezeichnung „dunkel“ ist, das ist schulisch verordneter Unsinn.

Insgesamt: Eine sprachliche Schlamperei, die den Kleinsten in den Kopf gepflanzt wird, inmitten unseren Bildungszeitalters, mitten in unserer Wissensgesellschaft, in der man dann alle Hände voll zu tun hat, sich mit den Folgeproblemen herumzuschlagen.


Freitag, 23. Januar 2015

gesetzmäßig begeistert

Es gibt vereinzelte Menschen, die behaupten doch glatt, sie würden universelle „Lebensgesetze“ kennen, die einfach nur befolgt werden müssten, um erfolgreich, glücklich, reich und schön zu werden, beruflicher Erfolg und eine glückliche Ehe inklusive  – und netterweise bereit sind, ihre Mitmenschen darüber zu belehren, gegen Honorar, versteht sich.

Also: Es gibt so etwas wie „Lebensgesetze“. Wer dagegen verstößt, der hat ständig reihenweise Probleme, wer sie befolgt, der wird rundum glücklich und beruflich erfolgreich. Das klingt nicht nur relativ einfach, sondern gerade deswegen vielfach auch attraktiv. Zumal diese Lebensgesetze praktischerweise auch sehr ordentlich in Bausteine aufgeteilt und hierarchisch in Pyramidenform gestapelt sind,  sodass man prompt eine Umsetzungsstrategie parat hat. Eine Strategie für die Lebensumsetzung, eine Lebensumsetzungsstrategie sozusagen.

Wer nun meint, so etwas ähnliches hätte er doch schon einmal gehört, da war doch vor zwei Tausend Jahren irgend etwas mit in Stein gemeißelten Regeln, oder auch „Gebote“, zehn Stück, sogar direkt von Gott, eigentlich auch ganz einfach zu befolgen, der ist damit natürlich nicht ganz zeitgemäß. Zeitgemäß ist, nicht nur einfach irgend etwas zu Glauben, sondern zeitgemäß ist knallharte Wissenschaft, insbesondere alles aus der Gehirnforschung, wer auch immer davon plaudert.

Apropos Wissenschaft: „Das Leben ist keine Psychologie, sondern reine Physik“, darf man zwischendurch erfahren. Der entsprechende Bezug lautet „jede Ursache hat eine Wirkung“, „jede Wirkung hat ihre Ursache“, kurz: „Aktion gleich Reaktion“, und da „auch jeder Gedanke Energie ist“, haben nicht nur unsere Handlungen konkrete Konsequenzen, sondern auch bereits jeder einzelne unserer Gedanken.

Nun, wenn dem so wäre, dann wäre jede Handlung, sogar jeder Gedanke berechenbar, kalkulierbar und damit vorhersehbar. Schließlich: Wer von Physik spricht, der spricht von Naturgesetzen, also Gesetzmäßigkeiten, die sich anhand von Formeln berechnen und kalkulieren lassen – wie auch immer man die Zahlen ermittelt, die dafür gebraucht werden.

Aber: Halt! Nein. Doch nicht! Derselbe, der da meint, er spreche von reiner Physik, erklärt, nichts sei vorhersehbar, weder mittels Kaffeesatz noch Kristallkugeln, da der Mensch über einen freien Wille verfüge, damit also sein Denken und Handeln jederzeit ändern könne, physikalische Gesetzmäßigkeiten hin oder her.

Trotz dem sei eine „konsequente Zielorientierung“ für die strategische Umsetzung des Lebenserfolges unverzichtbar. Hm. Wohin genau, auf welches Ziel fixiert, plant man da eigentlich konsequent strategisch, wenn doch alles unvorhersehbar ist? Doch das alles sind Fragen, die in der geballten Begeisterung und Motivation von „Life Coaches“ keinen Platz haben.


Montag, 5. Januar 2015

total informiert

Wir leben im Zeitalter der totalen Information. Welche Auswirkungen das haben kann, erkennt man am besten, wenn man sich gar nicht direkt damit beschäftigt, sondern wenn es einem zwischendurch einfach auffällt. Und dabei ist einem dann sogar Elvis Presley behilflich. Und farbige Glühbirnen. Oder auch nicht.

Der „King Of Rock’n’Roll“, Elvis Presley, wäre in diesen Tagen achtzig Jahre alt geworden. Das dürfte der Grund dafür sein, dass momentan im Fernsehen alle Nase lang irgendeine Dokumentation über ihn zu sehen ist. Fast vierzig Jahre nach seinem Tod. Das ist nicht einmal bedeutsamen Politikern gelungen.

Man zappt am späten Abend dem entsprechend fast zwangsläufig in solch eine Dokumentation. Genau so, wie am vorherigen späteren Abend. Und so wird man darüber informiert, dass Elvis von seiner Frau Priscilla verlassen wurde, obwohl sie ihn doch sehr liebte, aus verschiedenen Gründen konnte sie trotz der großen Liebe nicht anders, sie musste sich von ihm trennen, verstehe einer die Frauen. Letzteres scheint dann doch nicht zwingend notwendig, denn abends darauf wird man anderweitig informiert, dass Priscilla den „King“ wegen eines gewissen Mike Stone verlassen hätte, in den sie sich verguckt hatte. Aha.

Damit nicht genug: In der einen Dokumentation wird man darüber informiert, Elvis hätte Anfang der 1970er in größter Geldnot einen Vertrag für eine Las-Vegas-Show unterschrieben, und seiner Ex-Frau Priscilla davon 1 Million Dollar gezahlt. In der anderen Dokumentation wird man darüber informiert, dass sie bis zu seinem Tod keinen Cent von Elvis bekommen hätte, sondern erst seit dem von der Vermarktung seines Namens profitieren würde.

Das Zeitalter der totalen Information. Man wird total informiert. So oder so. Ob man will oder nicht. Ob eine Information korrekt ist oder nicht, dieses Problem muss man selbst lösen. Oder auch nicht. Welchen Wert und welche Bedeutung eine Information tatsächlich hat, über die bloße Unterhaltung hinaus, wie zumindest im Fernsehen das „Infotainment“ immer wieder betont wird, auch das muss jeder selbst wissen. Oder eben auch nicht.

Der Großteil der Werbung macht da keine Ausnahme: Als Information getarnte Unterhaltung, Unterhaltung getarnt als Information, die gern auch „Verbraucherinformation“ genannte Werbung in der „heilen Welt“, in der sich alle wohlfühlen, lieb haben, gut gelaunt sind, und nur ein einziges klitzekleines Problemchen haben, das vom beworbenen Produkt gelöst wird, sodass man sich prompt wieder wohlfühlt. Die totale Information.

Ein kleiner Teil der Werbung folgt meiner Empfehlung, statt diesen gewöhnlichen Quark anzurühren mit „offenen Fragen“ zu arbeiten, also mit dem Gegenteil von verpackter Argumentation. Doch auch das will gekonnt sein. So kam mir kürzlich ein Werbespot von Philips vor die Augen, an dessen Ende ich nicht die geringste Ahnung hatte, was das Ganze überhaupt sollte. Mir wurde erklärt, es ginge darin wohl um farbige Glühbirnen. Nur leider war von farbigen Glühbirnen weder etwas zu hören noch zu lesen. Vielleicht ging es ja doch um etwas ganz anderes: Einfach mal wieder den Markennamen in die Welt zu pusten: „Übrigens, uns gibt es auch noch“. Gut zu wissen. Es lebe die totale Information.


Freitag, 2. Januar 2015

vorsätzlich verändert

Es herrscht eine weit verbreitete Überzeugung, dass sich ein Mensch nicht von heute auf morgen grundlegend verändern könne. Vielleicht und eventuelll kann man – mit „guten Vorsätzen“ – diese ohne jene Gewohnheit ablegen oder sich eine andere zulegen, doch eine komplette Wesensveränderung, dazu muss man „an sich arbeiten“, hart, mühsam und lange. Jedoch: von wegen.

Ich weiß noch sehr genau (also: aus höchstpersönlicher, eigener Erfahrung), dass es eine bestimmte Feststellung war, die einen entscheidenden Impuls in meinem Leben bewirkte: „Der freie Wille bedeutet, dass der Mensch denken kann, was er will. […] Stellen Sie sich das vor: Der Mensch kann denken, was er will! Sie können denken, was Sie wollen!“. Man kann sich in eine Katastrophe denken, man kann sich in ein Paradies denken, ganz wie man will, beides kostet exact dieselbe Energie.

Es war diese Erkenntnis (natürlich in einem bestimmten Kontext), der vor nicht ganz zwanzig Jahren mein Denken und Verhalten, letztlich sogar mein weiteres Leben komplett umkrempelte – „von heute auf morgen“. Das soll keineswegs heißen, dass diese eine Erkenntnis bei jedem anderen Menschen die selbe Wirkung haben kann. Aber daraus leiten sich mindestens zwei „Beweise“ ab:

Erstens ist eine grundlegende Wesensveränderung schlagartig möglich, eine völlig neue Grundmentalität mit der man durch sein Leben geht, quasi „über Nacht“. Zweitens passiert das dann weniger durch vernünftige, rationale Einsicht, sondern durch einen Impuls, einen „Aha-Effekt“. Nicht nur, wie in einem Spielfilm („Wall Street“): „Das Leben entscheidet sich in wenigen Augenblicken“, sondern auch ganz poetisch (Goethe): „Der Augenblick nur entscheidet über das Leben“. Gute Vorsätze, Pläne, Strategien hin oder her.

Hätte diese eine Erkenntnis nicht mein weiteres Denken nachhaltig verändert, wäre ich auch nie darauf gekommen, dass sie falsch ist. Das klingt mindestens genauso paradox wie faszinierend. Jedoch: es klingt nur so. Falls sich die Gelegenheit einmal ergeben sollte, erkläre ich Ihnen das gern ausführlicher.

In jedem Fall: Diese Erkenntnis „Sie können denken, was Sie wollen!“ stimmt allenfalls zur Hälfte. Sicherlich kann jeder denken, was er will – doch eben nicht, wie! Doch genau dieses „Wie“, die Art und Weise unseres Denkens, unsere Denkweise, das ist gerade der Knackpunkt: Dieses „Wie“ wir denken, bestimmt, was wir denken, was uns an Gedanken überhaupt in den Sinn kommt und kommen kann.

Deshalb ist es nur die halbe Wahrheit, wir könnten „denken, was wir wollen“. Tatsächlich können wir nur das denken, was unsere Denkweise uns erlaubt. Und dann versteht man auch Einstein: „Probleme lassen sich niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Um andere Gedanken denken zu können, muss man vorher seine Denkweise geändert haben. So lange das nicht passiert ist, helfen auch die besten Vorsätze, Pläne, Strategien und Methoden nicht viel weiter.

Dienstag, 23. Dezember 2014

unterhaltsam manipuliert

Wie war das: Ein von RTL beauftragter Reporter hat sich „undercover“ und in „verdeckter Recherche“ unter „PEgIdA“-Demonstranten gemischt, und ausländerfeindliche Sprüche in die Linse einer TV-Kamera des NDR geklopft. Prompt ist von journalistischer Manipulation die Rede, von künstlich provozierter Hetze zugunsten dramatisierter Berichterstattung. 

So etwas kann passieren. In einem Zeitalter des „Infotainment“, in dem angeblich auch knallharter, seriöser Journalismus unbedingt auf unterhaltsame Art und Weise dargestellt werden muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das war jedenfalls das Hauptargument dafür, dass ARD und ZDF kürzlich für jeweils um die 20 bis 30 Millionen(!) Euro ihre Hauptnachrichten – rein optisch – aufgepeppt hatten.

Wenn man will, kann man hier schon die Frage stellen, ob das bereits eine Form von Manipulation ist. Wie subtil und unauffällig beginnt sie, und wie offen(-)sichtlich muss sie sein, um gerade deshalb nicht bemerkt zu werden?

Beispielhaft eine Szene aus irgendeiner „RealityDoku“ irgendeines Privatsenders, bei der es vordergründig darum geht, in Not geratenen Familien das komplette Haus zu renovieren und nagelneu einzurichten:

Zu sehen ist eine Hausfrau, die aufgrund des Klingelns an der Haustüre mit verwundertem Blick („Wer kann das nur sein?“) durch ihren Flur geht, scheinbar ahnungslos die Türe öffnet, und völlig verdutzt das Renovierungsteam des TV-Senders erblickt, jubelierende Szene gegenseitiger Begrüßung, hoffnungsgetränkte Hintergrundmusik, Klappe. Was kann an dieser Szene nicht ganz stimmen?

Nun… wie wurde die Hausfrau im Hausflur ihres Hauses eigentlich gefilmt? Wohl doch mit einem Kamerateam, das schließlich vorher schon zu Besuch gekommen sein und Position bezogen haben muss. Die gesamte Szenerie scheinbarer Ahnungslosigkeit, Verwunderung und Überraschung ist zu rein dramaturgischen Zwecken künstlich produziert und wer-weiß-wie-oft geprobt worden.

Eine Manipulation im ganz Kleinen, bereits mit der ersten Szene, so lapidar, dass sie nur bemerkt wird, würde der Zuschauer sich entsprechende Gedanken machen. Doch dazu werden solche „RealityDokus“ natürlich weder produziert noch eingeschaltet, sondern im Gegenteil zum innerlichen „Abschalten“, der blanken Unterhaltung wegen.

Nicht viel anders mit dem ganzen Rest, dem TV-Programm generell und insgesamt, das an nichts anderem ausgerichtet wird, was die Masse – vermeintlich – sehen will. Heraus kommt dabei, was wir sehen sollen. Und wenn man sich auf diese Weise lahm legen lässt, verpasst man, dass dazu auch das gehört, was unter dem Schlagwort „Wissen“ gesendet wird: „Infotainment“ zu Unterhaltungszwecken.


Dienstag, 16. Dezember 2014

radikal abendländisch

Heute in ungewohnter, aber gebotener Kürze zum Thema „PEgIdA“: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. So, so. Da „demonstrieren“ ein paar Menschen unter irgendeinem Motto, man ist geneigt, das mit einem kurzen Kopfschütteln zu ignorieren, und bekommt es statt dessen von Funk und Fernsehen penetrant auf die Augen und in die Ohren gedrückt.

Da brüllt ein Radioreporter ins Mikrofon, als würde er sein eigenes Wort nicht verstehen, als befände er sich mitten in einem Katastrophengebiet, einem gerade vorbeigezogenen Tornado oder abebbenden Tsunami. Aber nein: „Hinter mir befinden sich circa 150 PEgIdA-Anhänger“. Achwas. Einhundertfünfzig gleich. Möge der Reporter einfach zwanzig Meter zur Seite gehen, müsste er nicht so schreien. Doch das ginge natürlich auf Kosten einer gewissen Dramatik.

Aus dem Autoradio tönt dann weiter: „Das Gefährliche an dieser PEgIdA-Bewegung ist der Mix aus berechtigten Tatsachen und Stammtischparolen“. Ja, enorm gefährlich. Mir wird Angst und Bange. Einen solchen Mix hört und sieht man alle Nase lang, sobald man den Fernseher einschaltet, in jeder Talkshow und jeder Wissenschaftsdokumentation.

Wie man weiter erfahren darf, würden die PEgIdA-Anhänger betonen, dass „viele in der Mittelschicht so denken“, was  jedoch „ihr Anliegen noch lange nicht demokratisch macht“. Das stimmt. Zwar bestimmen die Verkaufszahlen die MusikCharts und die Einschaltquoten das TV-Programm, aber Quantität und Qualität sind eben nicht immer identisch, geschweige denn, dass es irgendetwas „demokratisch machen“ würde.

Was mich persönlich dagegen etwas stutzig macht, ist die Bewegungsrichtung der Aktionisten „gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Kann ich mich zu so jemandem ins Auto setzen, fährt er mich bitte dorthin und zeigt es mir, das bedrohte Abendland, und an welchen Stellen genau es „islamisiert“ wird? Oder käme er dann darauf, dass das gelobte Abendland nur im Kopf existiert – und dass das der Ort ist, wo auf bedrohliche Weise etwas nicht ganz stimmt?

Samstag, 6. Dezember 2014

fraglich benommen

Regelmäßig wird seit Jahren immer wieder festgestellt: „Gutes Benehmen ist wieder in“, gerade auch bei jungen Menschen: Höflichkeit, „gute Manieren“, „gepflegte Umgangsformen“, und so weiter. Sogar Unternehmer und Manager strömen in „Benimm“-Seminare. Gleichzeitig spart man sich die enorme Mühe, Mitteilungen „Mit freundlichen Grüßen“ zu beenden, und begnügt sich mit „MfG“.

Seit dem ich in Bayern auf dem Land lebe, irgendwo am äußersten süd-östlichen Ende Deutschlands, habe ich mich über die Jahre hinweg daran gewöhnt, dass hier jeder jedem ein „Grüß Gott“ entgegen murmelt, auch völlig unbekannten Menschen. Eine Floskel – oder sagen wir: Geste – reiner Höflichkeit.

Schon in der Grundschule lernen die Kinder hier, dass man auch für unsympathische Menschen ein freundliches „Grüß Gott“ zu erübrigen hat. Da, wo ich herkomme, aus dem bodenständigen Ruhrgebiet, würde man das für unehrlich halten. Höflichkeit kann also offenbar über Ehrlichkeit rangieren. Doch das kennt ohnehin jeder Mann, der von seiner Frau gefragt wird, ob ihm ihre neue Handtasche gefällt.

Wo doch immer wieder gerne von „Werten“ gesprochen und ein „Werteverfall“ beklagt wird: Welchen Wert hat bloße Höflichkeit, wenn sie unehrlich ist? Welchen Wert haben Floskeln wie „VG“ („Viele Grüße“) oder „MfG“ („Mit freundlichen Grüßen“), wenn man weiß, dass sich dabei jemand sogar dieses bisschen „Mühe“ sparen will. Doch schon dafür muss man heute fast noch dankbar sein.

Ohnehin handelt es sich meist um Relikte längst vergangener Zeiten. Männer, die auf der Straße höflich ihren Hut gezogen haben, gab es allenfalls noch in den 1950er Jahren. Kopfbedeckungen sind heute dagegen meist Jugendlichen vorbehalten, die ihre Schlabbermützen und Baseballkappen allerdings nur zum Duschen und Schlafen abnehmen, wenn überhaupt.

Wenn man bei diesen Diskussionen über einen „Werteverfall“ nicht aufpasst, bleibt irgendwann nur wenig übrig, was noch verfallen kann.

Da ist zum Beispiel diese Diskrepanz zwischen „altmodisch“ und „zeitgemäß“. Soll Mann – in Zeiten der Emanzipation – Frauen tatsächlich noch die Türe aufhalten, den Vortritt lassen, in der U-Bahn den eigenen Sitzplatz anbieten oder helfen, die Einkaufstüten zum Auto zu tragen?

Vor ein/zwei Jahren begann man im Privatfernsehen damit, dass das anwesende Publikum nicht nur klatscht und kreischt, sondern sich bitte für jeden dahergelaufenen Möchtegern-Star von den Sitzen erheben soll. Eine Geste höchsten Respekts, die früher extrem selten praktiziert wurde, gegenüber Menschen mit wirklich hervor(-)ragenden Lebensleistungen. Eine Geste, die ihre Bedeutung so komplett verliert. Ein Wert, der nicht nur verfällt, sondern mutwillig zum Verfallen gebracht wird.

Laut neuestem „Benimm“ sagt man nicht einmal mehr „Gesundheit“ zu jemandem, der gerade niesen musste. Der Wunsch, er möge trotz Nieser gesund sein oder werden, war früher höflich, jetzt ist er verzichtbar. Vielmehr im Gegenteil: Der Kränkelnde sollte sich für seinen Nieser gefälligst entschuldigen und der Angenieste wortlos darüber hinwegsehen. Und „Guten Appetit“ hat man sich auch nicht mehr zu wünschen, denn schließlich sitzt man nicht nur wegen seines Appetits gemeinsam am Esstisch. Hoffentlich darf man noch „Frohe Weihnachten“ aussprechen..

Dabei ist „gutes Benehmen“ trotz aller Relativität relativ einfach. Man richte sich nach der Definition des Begriffes „Gentleman“ (von dem die weibliche Form bezeichnenderweise nicht gebräuchlich ist): „Ein Gentleman ist jemand, der alles dafür tut, damit sich die Menschen in seiner Umgebung wohl fühlen“.