Freitag, 10. Juli 2015

reichlich verwässert

Man kann sich fast schon täglich fragen, auf welchem Stand die heutige Schulbildung eigentlich stattfindet. Kein Wunder, wenn Schulbücher und Arbeitsblätter rein aus Kostengründen über etliche Jahre hinweg durch die Klassen geschleift werden, auch wenn sich der Wissensstand der Menschheit längst darüber hinweg entwickelt hat. Eine „Bildungsoffensive“ als grob fahrlässige Fehlbildung wehrloser Kinder.

Da kam unser grundbeschulter Junge mit der Botschaft nach Hause, es gäbe im Heimat- und Sachkundeunterricht endlich ein neues Thema: Wasser. Also H2O ganz im Allgemeinen, in der Natur, in Flüssen, Seen, Meeren und in Wolkenform, Wasser aus der Leitung, abgefüllt in Flaschen, eingefüllt in Zahnputzbecher und Badewannen. Wasser, das Lebenselixier schlechthin. Nun gut: Neben Licht und Sauerstoff, versteht sich. Naja, und auch neben Wind und Wetter, neben Gravitation, Erdrotation, Neigungswinkel der Erdachse, Photosynthese und dem Gesamtökosystem.

Einen groben Umriss über Erscheinungsformen und Anwendungsbereiche des Wassers liefert dann sogar ein extra Arbeitsblatt, das den Zweitklässlern ausgehändigt wurde. Die Betonung muss hierbei auf „grob“ liegen. Das Ganze mutet ähnlich an, als würde man die Griechenlandkrise darauf reduzieren, dass es dabei um ganz viel Geld im Allgemeinen und den Euro im Speziellen gehe. Wie man mit solch einem Arbeitsblatt tatsächlich arbeiten kann, muss man dahingestellt sein lassen und auf die Kompetenz der Lehrkraft vertrauen.

Schließlich steht da wortwörtlich, man soll unbedingt Wasser sparen. Das ist, was unseren Kindern beigebracht wird. Natürlich: Auf unserem Planeten ist trinkbares Süßwasser nur begrenzt vorhanden. Und in Afrika gibt es nur ganz, ganz wenig davon. Dort müssen die Menschen Kilometer weit zum Brunnen laufen, und natürlich auch wieder zurück, für ein paar Liter Wasser, das hier bei uns einfach aus der Leitung kommt und sogar zur Klospülung verwendet wird. Man sollte deshalb also sparsam mit dem kostbaren Gut umgehen.

Grober Unfug, gelehrt auf der Grundschule, wahrscheinlich sogar planmäßig, nämlich per Lehrplan, überrollt von einer Bildungsoffensive. Tatsächlich nämlich ist dieser Fimmel des Wassersparens zum ernsthaften Problem geworden. Abwasserkanäle werden nicht mehr ausreichend durchspült, weshalb sich übelriechende Rückstände und Gase in der Kanalisation bilden, die den Beton der Rohre zersetzen. Städte und Gemeinden geben Unsummen dafür aus, die Kanäle mit Tausenden Litern Wasser aus Hydranten zu fluten. Das kostet. Und das erhöht erstens die Wasserpreise und macht zweitens das Wassersparen zur Farce.

Und das noch ganz abgesehen davon, dass der Wassergeiz den Grundwasserspiegel steigen lässt. In Berlin zum Beispiel in den letzten 25 Jahren um einen ganzen Meter. Das wiederum bedroht die Fundamente etlicher Gebäude, unter anderen des Roten Rathauses und des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Die Behebung dieses Problems schätzt man auf 100 Millionen Euro in den nächsten 50 Jahren. Und zwar: …weil Wasser gespart wird.

In voller Ignoranz dieses besseren Wissens wurde unser Sohn nun also amtlich schulisch belehrt, dass Wassersparen unheimlich wichtig sei. So muss man als Eltern gegen die Autorität einer Lehrkraft ankämpfen, was bei Kindern im Grundschulalter ziemlich schwierig ist. Man könnte sich natürlich auch direkt an die Lehrkraft wenden, mit der dringlichen Bitte, den Unsinn mindestens zu relativieren und den Kindern auch die Nachteile des Wassersparens zu erklären. Unter anderem. Denn es gibt eine ganze Menge solchen Unfugs, der den Schulkindern gelehrt wird.

Allerdings gilt man dann schnell als so genannte „Helikopter“- bzw. „Hubschrauber-Eltern“, die sich besserwisserisch in die pädagogischen Angelegenheiten der Schule einmischen. Alternativ erklärt man den Kindern das bessere Wissen höchstpersönlich selbst, idealerweise im Rahmen der Hausaufgaben. Das Dumme daran ist, dass bei der nächsten Lernzielkontrolle nur das alte, falsche Wissen die volle Punktzahl bringt. Ein Kind, das das richtigere Wissen hat, bekommt Punktabzüge und eine schlechtere Note. Willkommen in der Bildungsrepublik!

Montag, 6. Juli 2015

erlebnisreich gezwungen

Im Zuge der unaufhaltsamen Digitalisierung unserer Welt sind natürlich auch die Kinder davon mitbetroffen. Laut irgendeiner Studie sollen angeblich rund zwanzig Prozent der Dreijährigen(!) bereits regelmäßig im Internet surfen. Es gibt Eltern, die das gut finden und fördern. Andere finden das erschreckend. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich und wie immer irgendwo dazwischen.

Es ist gerade ein paar Monate her, da wurde in Expertenkreisen heftig diskutiert, ob und wenn wie oft und wie lange Kinder sich mit Computer und Internet beschäftigen sollten, und ob dabei die analogen Erfahrungen nicht zu kurz kämen. Analoge Erfahrungen... der Versuch, einen Begriff zu etablieren, der das Gegenteil von digitalen Anwendungen darstellen soll. Dieser Versuch ist nicht ganz gelungen.

Analoge Erfahrungen soll quasi heißen: „in echt“, irgendwas machen, und zwar selbst! Basteln, musizieren, noch besser: draußen in der freien Natur, auf dem Spielplatz oder Bolzplatz, noch besser: irgendwas im Wald, Geräusche und Gerüche aufnehmen, das wäre alles „analog“. Also im Gegensatz zum nur passiven Konsum digitaler Medien, Computerspiele, YouTube, Facebook und das ganze. So soll das begrifflich zumindest gemeint sein.

Einerseits befinden sich Eltern damit ständig im Erlebniszwang. An vergleichsweise freien Nachmittagen, die ausnahmsweise nicht vollgepackt sind mit Hausaufgaben. Erst recht an Feiertagen und Wochenenden muss etwas unternommen werden, ob man will oder nicht, bei jedem Wetter. Notfalls müssen sich alle Beteiligten eben dazu zwingen.

Wie steht das Kind denn sonst schließlich da, wenn die Lehrerin in der Morgenrunde fragt: „Und was habt ihr am Wochenende gemacht?“. Wehe, wenn es da nichts Besonderes zu erzählen gibt. Da rümpfen nicht nur die Mitschüler die Nase, das notiert sich auch die Lehrerin gleich in ihr Notizbuch. Das wird jedenfalls von Eltern gemeint.

Erlebniszwang erst recht auf Geburtstagspartys: Den eingeladenen Kindern noch ein Aha-Erlebnis zu bieten ist jedoch eine echte Herausforderung. Man muss fast schon eine Hüpfburg aufbauen, am besten eine ganze Kirmes, damit die Party nicht zum müden 08/15-Ereignis wird. Und prompt sind die nächsten Eltern gefordert, das noch irgendwie zu übertreffen.

Andererseits beinhalten analoge Erfahrungen natürlich auch ein immenses Gefahrenpotenzial. Man stelle sich vor, womit sich Kinder so alles infizieren können, wenn sie draußen spielen, mit den Fingern im Dreck und in Pfützen. Nicht auszudenken, Kinder würden noch auf Bäume klettern, wie früher. Schließlich könnten sie herunterfallen und sich weh tun. Wie früher. Schlimmer noch, sie spielen irgendwo Fußball, wo Fensterscheiben zu Bruch gehen können, oder machen Klingel- oder sonstige Lausbubenstreiche. Dafür werden die Eltern heute gleich verklagt. Dann sollen die Kleinen doch lieber in ihrem Zimmer bleiben, wo nicht viel passieren kann.

Das Ergebnis ist, dass heute angeblich 70% der Kinder zwischen 8 und 12 Jahren höchstens ein Mal pro Woche draußen spielen. Um die 20% haben noch nie einen Bauernhof besichtigt und weitere 20% sind noch nie auf einen Baum geklettert. Es können mehr Kinder auf einem Bild einen Roboter erkennen als eine Eule, und können Tastenfunktionen von Apparaten besser zuordnen die Blätter von Bäumen.

Die Frage ist, wie vieles davon bedauert und beklagt, und was von wem und warum dafür getan und gelassen wird. Rund die Hälfte der Eltern ist der Ansicht, dass Kinder unter 14 Jahren ohnehin nicht unbeaufsichtigt draußen spielen sollten. Der Radius um das eigene Zuhause, in dem Kinder spielen, ist seit den 1970er Jahren um 90% geschrumpft.

Alles rein sicherheitshalber, versteht sich, aus Angst und Sorge. Wehe, das Kind gerät außer Sichtweite. Da kann es doch besser in seinem Zimmer an seinem Computer prima lernen, mit Lernspielen, in Lernportalen, undsoweiter. Das ist schließlich alles von Pädagogen empfohlen und vom TÜV gesiegelt. Und außerdem ist dabei der Lernerfolg viel leichter überprüfbar als bei analogen, „echten“ Erfahrungen.

Montag, 29. Juni 2015

zweifach gebildschirmt

Es gibt Begriffe, die werden höchst unauffällig in unseren Sprachgebrauch eingeschleust und verwendet, als wären sie schon immer da gewesen. Mit anderen Begriffen wird das zumindest versucht. Manche davon sollen irgend etwas wahnsinnig Neues bezeichnen, das meist nur ein mittelalter Hut ist. Der Begriff „Second Screening“ gehört neuerdings auch mit dazu. 

Die Elektropopgruppe „Kraftwerk“ hat seit den 1970er Jahren einen immensen Einfluss auf die moderne Musik weltweit. Im Gegensatz zu weniger bedeutsamen Musikern verfolgt „Kraftwerk“ ein ganz bestimmtes Leitmotiv: „Die Menschmaschine“. Die Abhängigkeit des Menschen von Maschinen aller Art, die er selbst erschaffen hat, die Roboterisierung und Computerisierung unseres Lebens.

Während ihres Konzertes in der Londoner Tate Modern im Jahr 2013 machten sich zahlreiche Besucher eher unbewusst zum Teil der Performance, indem sie mit ihren Smartphones am ausgestreckten Arm Fotos und Videos von den Künstlern machten. Den Blick also nicht auf die Bühne gerichtet, sondern auf den Bildschirm eines elektronischen Apparates. Das Erleben des Konzertes vorgefiltert durch eine digitale Linse. Man fragt sich, warum die Besucher eigentlich überhaupt persönlich anwesend sein wollten.

Mir kam das in Erinnerung, weil gerade die Queen für ein paar Tage in Deutschland war. Genauer gesagt: Es war die Berichterstattung über den Besuch von Königin Elisabeth II. in Frankfurt am Main, Hunderte von Schaulustigen säumten den Roten Teppich vor dem Römer und warteten in der Mittagshitze satte drei Stunden lang auf das Vorbeischreiten der Queen, um zu winken, zu rufen und zu jubeln. Doch ein Mann in dieser Menge drehte sich genau in diesem Moment um.

Nach drei Stunden Warterei kehrte er der Königin den Rücken zu, gerade als sie auf seiner Höhe war. Nur so war es ihm schließlich möglich, ein „Selfie“ zu machen: Das eigene Gesicht im Bild – und hinter ihm die Queen. Toll. Das sagt einiges darüber aus, was man heute so wichtig nimmt. Vor allem sich selbst und zwar im Vordergrund. Da muss sogar die englische Königin digital im Hintergrund bleiben.

Früher sagte man bei solchen Gelegenheiten: „Ich war dabei! Ich habe das mit eigenen Augen gesehen!“. Das kann man heute nicht mehr und ist auch nicht so wichtig. Man hat statt dessen ein „Selfie“ gemacht, auf einem Chip gespeichert und auf seine Facebook-Seite gesetzt. Es sieht dann immerhin so aus, als sei man wohl dabei gewesen. Und vielleicht erinnert man sich noch ganz genau, wie man sich im entscheidenden Moment umgedreht und nichts gesehen hat.

Da kursiert seit relativ Kurzem der Begriff „Second Screening“. Doch das meint noch nicht einmal eine solche Second-Hand-Wahrnehmung der persönlichen Umgebung über einen digitalen Bildschirm. Sondern man will das visuelle Multitasking bezeichnet haben, das gleichzeitig-abwechselnde Begucken von mindestens zwei, mitunter sogar mehreren Displays.

Die eigene sinnliche Wahrnehmung ist in diesem Begriff also gar nicht erst enthalten. Vielleicht ist das auch besser so. Vielleicht wäre sie gerade einmal der „Fourth“ oder „Fifth Screen“. In jedem Fall: mit nachgeordneter Priorität. Am wichtigsten ist, was gerade auf einem Bildschirm zu sehen ist. Das passt dann auch perfekt zum „Selfie“ mit der Queen: „Wenn ich hingesehen hätte, hätte ich sie sehen können, vielleicht wäre es sogar zum Augenkontakt und zu einem kleinen Smalltalk gekommen. Aber dann hätte ich ja jetzt kein Selfie“. Man muss eben Prioritäten setzen.

Freitag, 19. Juni 2015

sprachlich verstolpert

Wie meinte Wittgenstein: Die Sprache ist in der Lage, den Verstand zu verhexen. Doch so weit muss man gar nicht gehen. Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, ob man über sprachliche Stolperer amüsiert schmunzeln oder sich über das Verdummungspotenzial aufregen soll. Und außer diesem Entweder-Oder gibt es da natürlich noch die fließenden Grenzen.

Ein einmaliger sprachlich verrutschter Ausrutscher gelang kürzlich dem ARD-Korrespondenten in Brüssel, Rolf-Dieter Krause, als er zur andauernden Griechenland-Problematik meinte: „Doch geschehen ist seit dem nichts. Im Gegenteil“. Das Gegenteil von Nichts. Das ist so grandios, so etwas kann nur aus dem Moment heraus passieren. Das könnte nicht einmal Dieter Bohlen absichtlich texten.

Apropos andauernd und Musik: Ein seltsamer Dauerbrenner im Radio ist das Lied „New York, Rio, Rosenheim“.von der Combo „Sportfreunde Stiller“, in dem es beispielhaft verkorkst heißt: „Die Welt ist groß genug - wir sind nicht allein“. Welch Glück, dass Lyrik nicht unbedingt erklärt werden muss. Doch für vertonten Tiefgang sind ohnehin andere zuständig.

Von grober Seltsamkeit ist auch der Refrain eines neuen Liedes von Sarah Connor aus Oldenburg in Oldenburg, von der ich früher dachte, sie würde die weibliche Hauptrolle in den „Terminator“-Streifen spielen: „In all Deinen Faaabn, mit all Deinen Naaabn“ trällert sie da. Das Weglassen des „r“ (Farben/Narben) ist mindestens fragwürdig. Nicht zuletzt, wenn das von einer Sängerin stammt, die auch die deutsche Nationalhymne in „Brüh im Glanze…“ umtextete.

Wie Sprache nach Wittgenstein den Verstand verhexen kann, veranschaulicht auch die Dokumentationsreihe eines Nachrichtenkanals auf dramatische Weise mit dem dramatischen Titel „Klima extrem – Wetter außer Kontrolle“. Dramatische Belege des globalen Klimawandels, der natürlich am Wetter zu erkennen ist. Für den Fastfood-TV-Konsum setzt man Klima und Wetter kurzerhand gleich. Und Letzteres ist demnach inzwischen sogar „außer Kontrolle“. Wohl im Gegensatz zu früheren Zeiten vor dem Klimawandel.

Bei dieser Thematik gehört unbedingt noch die Wetterfee des Ersten Deutschen Fernsehens, Claudia Kleinert, erwähnt: In einer kürzlichen Wetterprognose für Nordrhein-Westfalen kündigte sie „lokale Gewitter“ an, deren Entladungen sich jedoch örtlich nicht exact vorhersagen ließen: „Es hängt davon ab, wo Sie sind“. Das Wetter hängt davon ab, wo man ist. Wer hätte das gedacht.

Im Grunde könnte man jede Wettervorhersage auf diesen einen Satz beschränken. Tut man aber nicht. Im Gegenteil. Wenn man sich nachts „Die Tagesschau vor 25 Jahren“ ansieht, fragt man sich, wie man damals bloß mit dermaßen wenig Wetter ausgekommen ist. Oder: Warum man sich heute der Wetterlage dermaßen ausführlich widmet. Vielleicht, weil man aus dem Wetterbericht und der Wettervorhersage inzwischen sprachlich eine -Prognose gemacht hat. Unter anderem. Siehe auch hier: "Das Geschäft mit dem Wetter" (NDR)


Mittwoch, 3. Juni 2015

entlarvend geblattert

Na, endlich. Da hat der Blatter Sepp nun doch den Rücktritt vollzogen. Das ganze Trara um den Weltfußballverband („FIFA“) war gleich an zwei Abenden die Topmeldung der „Tagesschau“. Entweder regiert der Fußball tatsächlich heimlich die Welt, oder an diesen zwei Tagen ist weltweit ansonsten nichts wichtigeres passiert. Alles eine Frage der subjektiven Relativität.

Bei Helmut Kohl waren es seinerzeit sechzehn Jahre, bis man ihn nicht mehr sehen konnte. Jedenfalls nicht als Bundeskanzler. „Sechzehn Jahre sind genug“ war damals der erfolgreiche Slogan der Opposition. Joseph Blatter saß ein Jahr länger im Chefsessel der FIFA. Man konnte und wollte ihn einfach nicht mehr sehen. Doch weil das als Argument selten ausreicht, hat man sich welche gesucht: Intrigen, Korruption, Skandale. Der Fußball als sprichwörtliche Nebensache.

Sogar das öffentlich-rechtliche ZDF ließ sich dazu hinreißen, die USA in dem ganzen Theater als selbsternannte Weltpolizei darzustellen. Schließlich forderte sogar die US-Jusitzministerin Loretta Lynch den Rücktritt von Blatter. Doch erst als das FBI die mediale Bühne betrat, mitsamt Hausdurchsuchungen, sogar in der FIFA-Zentrale, da war es dann soweit.

Und der Laie wundert sich: Was haben eigentlich die USA und das FBI mit der Schweizer FIFA und deren Vereinsvorsitzenden zu tun? Wie zu erfahren war, reicht es allein schon, dass vermutete Korruptionsgelder vermutlich in US-Dollar gezahlt wurden, damit sich die USA als legitimiert betrachten, um global aktiv zu werden, wo auch immer, gegen wen auch immer. Doch das ist nicht einmal der Knackpunkt an der Sache.

Der Knackpunkt liegt irgendwo rund um die Frage: Was macht eigentich Edward Snowden? Wenn das US-amerikanische FBI beispielsweise E-Mail-Korrespondenz und Kontoauszüge als Beweismittel anführt… hat auch da wieder die NSA herumspioniert oder hat das FBI einen Spitzel in die FIFA eingeschleust, getarnt als Platzwart, oder – kurz gefragt – warum fragt hier eigentlich keiner nach dem Datenschutz?

Das scheint gerade schnurz zu sein, wenn der Blatter Sepp einfach nicht anders aus seinem Sessel zu vertreiben war. Aber wenn es um uns selbst geht, verstehen wir keinen Spaß mit dem Datenschutz. Auf Schritt und Tritt verfolgt, nicht nur von „Google“, „Facebook“ & Co., auch durch Kredit- und Payback-Karten, über das Smartphone und das Kfz-Navigationssystem, und so weiter.

Und jetzt diskutiert man schon wieder über die Vorratsdatenspeicherung, mit der jedes Telefonat jedes Bürgers gespeichert wird, mit welcher Rufnummer telefoniert, wie lange, von welchem Aufenthaltsort aus, nicht nur auf Verdacht, sondern ganz ohne und grundsätzlich, auf Vorrat eben, nur rein sicherheitshalber. Der eine oder andere Handtaschenräuber konnte dadurch schon gefasst werden, heißt es.

Doch auch diese Sorgen und Ängste haben mindestens zwei Seiten. Kein Mensch hat auch nur das geringste Problem damit, seinen überflüssigen Verpackungsmüll in einem „Gelben Sack“ vor der eigenen Haustüre abzustellen – obwohl dieser Beutel so durchsichtig ist, dass der Inhalt mindestens die Anzahl und das Alter der Familienmitglieder mitsamt deren Ernährungs- und Lebensgewohnheiten verrät, öffentlich am Straßenrand einsehbar. Womöglich ist man so auch Sepp Blatter auf die Schliche gekommen.

Dienstag, 26. Mai 2015

gedenglischt verkürzt

Dass Kinder heute immer früher gezwungen werden, irgendetwas Bestimmtes zu lernen, kann man kritisieren. Wenn etwa zunehmend von „gestohlener Kindheit“ gesprochen wird, und ein Kinderarzt ein Buch mit dem Titel „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ veröffentlicht. Doch dass heute bereits in der Grundschule Englisch gelehrt wird, scheint fast schon überlebenswichtig zu sein.

Natürlich hatte auch ich zum Pflichttermin die Übertragung des Eurovision Songcontest eingeschaltet, der früher einmal Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Der französische Titel wurde wahrscheinlich irgendwann zu kompliziert. In einer Zeit, in der elektronisch versendete Nachrichten, per SMS (wie altmodisch) oder (viel hipper) per „Twitter“ und „WhatsApp“ nur aus ein paar Wörtern bestehen dürfen, und deshalb auch noch alles mögliche wild abgekürzt wird. Man muss schon mit der Zeit gehen. In meinem Alter hat man mitunter den Eindruck, man wird hinterrücks von ihr überholt.

Ganz zeitgemäß folgt man so dem Beispiel „Die Abk. für Abk. lautet Abk.“. Da wäre ein GPEDLC doch kaum zumutbar. Also versetzen wir das ins viel zeitgemäßere Englisch, machen einen zeitgemäß kurzen, knackigen Titel daraus, der sich ebenso zeitgemäß praktisch abkürzen lässt: „ESC“. Wenn man die Gesamtveranstaltung schon dermaßen aufgeblasen hat, muss auch das Gerede und Getippe erleichtert und beschleunigt und der Aufwand dafür auf ein Minimum reduziert werden. Wir haben schließlich alle nur eine begrenzte Lebenszeit.

Immerhin lässt man die Veranstaltung weiterhin (noch) von Peter Urban kommentieren, der mit seinen teils angenehm ironischen und süffisanten Anmerkungen für meine Generation mindestens genauso dazu gehört, wie die Punktevergabe. Ein letztes mediales Relikt alter Zeiten.

Daher befürchte ich auch, dass den Verantwortlichen der Spagat zwischen Urzeit und Neuzeit irgendwann zu groß werden wird. Es wirkt schon etwas seltsam, wenn der inzwischen 67-jährige Kommentator einen Interpreten als „Gämer“ vorstellt, der nebenbei auch „Ständ-Ab-Sörfen“ würde, was immer das ist, und darauf hinweist, dass der Zuschauer sich natürlich auch für das „Smahtfon“ eine „Äpp daunloden“ kann, um für seinen Favoriten zu „woten“, und den sendungsbegleitenden „Häschtäg“ nennt, sicher ist sicher.

Doch auch sonst wird an allen Ecken und Enden fleißig „gebassert“ und werden Antworten in Quiz-Shows „eingelockt“. Und das sogar in Veranstaltungen, die explizit für Kinder ausgewiesen sind. Vielleicht sollten Lehrer ihren Unterricht damit zeitgemäß aufpeppen: „Soll ich deine Antwort einloggen?“.

Wie auch eine der unvermeidlichen Castingshows („The Voice Of Germany“) extra auch „for Kids“ gesendet wird. Nur, dass es hier auch noch so etwas wie „Bleint Odischens“ und „Kläsches“ und „Bättels“ gibt, und sich ständig irgendjemand „gefläscht“ fühlt. Man will gar nicht erst wissen, wie sich die „Tällents“ wohl „Bäckstädsch“ unterhalten. Und „gewotet“ wird natürlich auch hier.

Bei dem ganzen verdenglischten Sprachgeschwurbel heutzutage ist es ebenso wohltuend wie wundersam, dass man von „sozialen Netzwerken“ spricht. Nein, wirklich. Gut, dass die Kinder so früh wie möglich Englisch lernen. Das ist sicher weitaus praktischer und zumutbarer als das ganze Denglisch einzudeutschen.

Dienstag, 19. Mai 2015

vertoppt gemodelt

Das Körpergewicht des Bundesbürgers scheint zurzeit wieder thematisch in Mode zu sein. Im doppelten Sinne. Denn jetzt ist die Modeindustrie an der Reihe, mit ihrem Ableger der Textilgestaltung im Allgemeinen, und deren Präsentation durch so genannte Models im Speziellen. Und dieser Zusammenhang ist gar nicht so plausibel, wie es vielleicht erst einmal scheint.

Ausgerechnet jetzt, wo Medienberichten zufolge wieder die jährliche Sendereihe „Germany’s Next Topmodel“ ausgestrahlt wird, und kurz vor der Kürung der Siegerin, wird doch tatsächlich eine Studie veröffentlicht, wonach (natürlich: unter anderem) dieses Sendekonzept mitverantwortlich für das Krankheitsbild der Magersucht unter jungen Frauen sei, sogar bereits im Teenageralter.

Und das, wie gesagt, ausgerechnet jetzt. Kurz vor dem großen Finale, das wie üblich als großes TV-Event angesetzt war, wird plötzlich wieder an allen Ecken und Enden über Magersucht diskutiert, über die Folgen und die Ursachen, und wird reflexartig über diese Castingshow hergefallen, die körperliches Untergewicht als Erfolgseigenschaft suggeriert. Ohne jede Rücksicht auf die Arbeitsplätze, die von dem Gesamtproblem abhängen, in der Heidi-Klum’schen Produktionsfirma, in der Sendeanstalt, in all den Arztpraxen und Psychiatrien.

Damit nicht genug. Ausgerechnet das große Finale, musste nach nicht einmal einer Stunde abgebrochen und im TV-Kanal durch einen Spielfilm ersetzt werden. Eine Bombendrohung soll die Evakuierung der Festhalle erzwungen haben. Ein Schelm, der auf den Gedanken kommt, hier würde es sich lediglich um eine clevere PR-Intervention handeln, um die negative Begleitdiskussion über Magersucht durch spektakuläre Schlagzeilen zu ersetzen. Man könnte auch munkeln, dass der TV-Sender nach einer guten halben Stunde zum ersten Mal die desaströse Einschaltquote abgefragt und Plan B aus der Schublade geholt hat.

Das alles jedoch geht haarscharf am Kern der Angelegenheit vorbei. Und dieser Kern verbirgt sich irgendwo in der Frage, was eigentlich ein „Topmodel“ ist, und warum man das weiß, warum man darüber informiert ist, was das ist. Obwohl ich ein Mann bin, waren mir zwar verschiedene Topmodels immer bekannt, die meisten allerdings lediglich namentlich. Aber: warum? Und warum kennt man zwar weibliche Topmodels, doch von männlichen weiß man gerade einmal, dass es sie geben soll, allerdings ohne „top“ zu sein.

Natürlich: Ein Mode-Model ist ein Beruf. Soweit ich weiß, kein Beruf, für den man eine konventionelle Ausbildung oder ein Studium benötigen würde. Man bzw. Frau muss lediglich irgendein unbestimmbares „Etwas“ haben, das angeblich nicht einmal nur an bloßer Schönheit festzumachen sein soll. Und solche, die das noch besonderere „Etwas“ haben, und den Ikonen der Modeindustrie ganz besonders gefallen, sind „top“. Doch woher weiß man das als Otto Normalbürger? Warum ist man darüber informiert?

Man kennt noch nicht einmal den „Mitarbeiter des Monats“ im Elektrogeschäft um die Ecke, geschweige denn, ob dort überhaupt ein solcher gekürt wird. Und weil man ihn nicht kennt, weiß man auch nichts über sein Körpergewicht und es interessiert einen auch nicht. In der Regel wird man auch den Sumo-Weltmeister nicht kennen und (deshalb) auch sein berufsspezifisches Übergewicht nicht thematisieren. Aber man kennt eine ansonsten wildfremde Frau, die hin und wieder, alle paar Wochen, irgendwo auf dieser Welt über einen Laufsteg wandert. Warum eigentlich?

Freitag, 8. Mai 2015

natürlich verwundert

Hier und da wird zwischendurch immer einmal wieder darauf hingewiesen, dass Quiz-Shows im Fernsehen bitte keinesfalls als Veranstaltungen missverstanden werden dürfen, in denen es um Wissen oder gar um Bildung gehen würde. Nein. Es geht um nichts weiter als Unterhaltung. Um nackte, bloße, pure Unterhaltung. Und wie man weiß, kann Unterhaltung ziemlich naiv und dümmlich sein – als Wissen und Bildung verpackt.

Es gibt eine gewisse Anzahl von Prominenten, die man fast schon nicht mehr sehen kann. Prominente, die von einer Talkshow und Quizshow zur nächsten durchgereicht werden. Einige davon sind wahrscheinlich überhaupt nur deshalb prominent. Man kann allerdings wohlwollend darüber hinwegsehen, weil Prominente dazu verdonnert sind, erspielte Gewinnsummen an gute Zwecke zu spenden. Ob sie wollen oder nicht.

Beispielsweise wurde doch kürzlich vom Ersten Deutschen Fernsehen „Die große Show der Naturwunder“ ausgestrahlt. Nach dem üblichen austauschbaren Strickmuster dürfen Prominente versuchen, verschiedene Fragen aus verschiedenen Wissensgebieten zu beantworten. Dennoch (siehe oben) handelte es sich hier keineswegs um ein Quiz über Wissen und Bildung, wie Verantwortliche ständig betonen. Sondern das war nur pure Unterhaltung. Man darf das einfach nicht vergessen.

Diskutabel könnte das Ganze jedoch schon dadurch sein, dass in diesem Fall Ranga Yogeshwar als Co-Moderator neben Frank Elstner eingesetzt war. Yogeshwar ist allerdings eher nicht als Unterhaltungskünstler bekannt und versucht auch gar nicht erst, diesen Eindruck zu erwecken. Zum einen übernimmt Yogeshwar in dieser Show den Part ausgedehnter Erklärungen zu den Auflösungen, zum anderen ist jedes zweite Wort in seinem Sprachschatz entweder „Wissenschaft“ oder „Wissenschaftler“. Dennoch soll sich das Ganze (siehe oben) nicht um Wissen drehen. Das soll Unterhaltung sein. Nicht, dass wir das vergessen.

Das Warten auf den Unterhaltungsaspekt endete in einer seltsamen Sackgasse, allerdings natürlich abhängig davon, was man als unterhaltsam betrachtet. Und die Seltsamkeit resultierte aus der Suche nach den „Naturwundern“ in dieser „großen Show der Naturwunder“. Thematisch ging es um Roboter, die sich „schlangenähnlich“ bewegen, jedoch selbstredend von Ingenieuren viel besser konstruiert als es jede natürlich gebürtige Schlange beherrscht. Es ging um Beton, der in der Natur nicht vorkommt, sondern ein künstliches Laborprodukt ist. Es ging um Bohrer, die in Operationssälen von Chirurgen verwendet werden. Und es ging um ein „spannendes Experiment“ (vielmehr: um eine Studie) mit dem Ergebnis, dass Kinder eher zum Lügen neigen, wenn sie selbst belogen werden; jedenfalls wenn das in einem Labor unter Laborbedingungen passiert. Nur von „Naturwundern“ weit und breit keine Spur. Außer man hält diese Themen dafür. Oder es ist einem schnurz und macht sich darüber keine Gedanken, sondern lässt sich einfach unterhalten. Um Denken und Wissen geht es schließlich nicht. Vergessen wir das bitte nicht.

Wenn es nach den Beschwörungen der Verantwortlichen solcher Shows nicht um Wissen geht, sondern um bloße Unterhaltung, dann wird offen zugegeben, dass der Anschein von Wissen lediglich als Verpackung dient. Ungefähr so, wie an unseren Schulen. Nur, dass hier weniger auf Unterhaltung Wert gelegt wird, sondern auf (Lehr-) Planerfüllung.

Wie ich bereits an verschiedenen Stelle angemerkt hatte: Information ist mittlerweile zu einer Ware geworden. Und Waren haben es an sich, dass sie verkauft werden müssen. Eine attraktive Verpackung gehört mit dazu. Und die Begriffe „Wissen“ und „Bildung“ sind offenbar äußerst attraktiv und verkaufsfördernd. Die Anhäufung von Wissen als Konsumprodukt, zeitgemäß häppchenweise und als Fast Food.

Donnerstag, 23. April 2015

gewichtig überlastet

Im Grunde sollte man seinen Fernseher verschenken. Oder zumindest erst einmal in den Keller bringen. Fürchterlich, in was man so alles hineinzappt, auf der verzweifelten Suche nach etwas halbwegs Konsumierbarem am noch relativ frühen Abend. Und dann fallen auf irgendeinem Kanal plötzlich doch ein paar Schlüsselworte, die mein näheres Interesse wecken.

Es lag nicht am Breitbildformat, dass beim Zappen eine ziemlich schwergewichtig erscheinende, junge Frau auf dem Bildschirm auftauchte. Wie erklärt wurde, wog sie um die einhundertachtzig Kilogramm. Diese Angabe erschien anhand des optischen Eindrucks glaubwürdig. Die junge Frau hatte ein junges Kind auf dem Arm, offensichtlich bereits ebenfalls übergewichtig, eine Dreijährige, die angeblich das Durchschnittsgewicht eines siebenjährigen Kindes besaß.

An solchen Stellen frage ich mich standardmäßig, warum dem fernsehenden Volk so etwas in die Augen gesendet wird. Doch diese Frage ist rhetorisch. Man weiß es schließlich. Es geht um Geld. Es geht um Werbeeinnahmen aus den Werbeblöcken. Und diese Werbezeit wird nur gebucht, wenn die Einschaltquoten stimmen. Also wird irgendetwas gesendet, das gute Quoten bringt. Mitunter getarnt als Reportage oder Dokumentation. Wie in diesem Fall.

Die Schlüsselworte, die mich dazu brachten, nicht sofort weiter zu zappen, fielen in der Erklärung der jungen Mutter, ihr enormes Übergewicht sei – laut ärztlicher Auskunft – ein Genfehler. Und den hätte sie an ihr Töchterchen weiter vererbt. Die Gehirne von Mutter und Tochter würden deshalb permanent „Hunger! Hunger!“ rufen. Ein wirklich tragisches Schicksal, das mit eingeschnittenem Bildmaterial unterstützt wurde: Die arme Frau beim ständigen Öffnen von Tiefkühl-Pizza-Kartons, Dosen und Mikrowellen-Mahlzeiten.

Man fragt sich prompt, wie der präsentierte Ernährungsberater und Fitnesstrainer in Personalunion (ein „Personal Coach“) eigentlich diesen Genfehler beheben will oder welchen medizinischen Eingriff am Gehirn er wohl vornehmen wird. Doch auch diese Frage ist lediglich rhetorisch. Aus fachlicher Sicht ist die Sachlage genauso klar wie schlimm. Nämlich vor allem schlimm für Otto Normalbürger, der zum wohlverdienten Feierabend mit solcher Desinformation berieselt wird.

Da ist zum Beispiel die bedauerlich übliche Verquickung von Genen und Gehirn, oder wahlweise umgekehrt von Gehirn und Genen. Das scheint für den gemeinen TV-Zuschauer erstaunlich plausibel zu sein. Oder es ist einfach schnurz. Man weiß jedenfalls, dass der Betroffene machtlos ausgeliefert ist, und deshalb zwangsläufig auch psychisch leidet. Und schon haben wir das übliche Süppchen aus Psyche, Gehirn und Genen, aus dem Therapiefälle gemacht sind.

Die fehlende Stimmigkeit liegt (hier) allerdings darin, dass Verhalten nicht vererbt werden kann. Und selbst wenn wir es hier mit einem Genfehler zu tun hätten, der das Gehirn der jungen Mutter veranlasst, ihr ein ständiges Hungergefühl vorzugaukeln, würde sie nichts daran hindern, alle zehn Minuten einen Salat, einen Apfel oder eine Banane zu verspeisen.

Genau daraus wird dann auch die Stimmigkeit schnell noch hinterher gebastelt: Erst verrät die gewichtig überbelastete junge Frau, dass sie in ihrer Ehe und Partnerschaft unglücklich ist, und – Genfehler hin oder her – eigentlich vor allem deshalb pausenlos mampft. Sieh an. Prompt kann der ernährungsberatende Fitnesstrainer daraufhin versprechen, das Gewicht der jungen Mutter mit einer Ernährungsumstellung radikal zu reduzieren. Ihr bleibt eine langweilige Gentherapie und ein Eingriff am offenen Schädel also dann doch erspart. Da haben wir aber alle noch einmal Glück gehabt.


Freitag, 20. März 2015

farblich versprochen

Wenn man sich nun seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Denken und Verhalten beschäftigt, kommt einem in dieser Zeit natürlich etliches vor die Augen, das fachlich damit zusammenhängt. So einiges davon ist grober Unfug. Doch gerade auf diesen Quatsch stößt man immer wieder, in Funk und Fernsehen, Büchern und Websites. Das sind die besten Voraussetzungen dafür, dass blanker Unsinn zur Allgemeinbildung wird.

Ein Paradebeispiel für dieses Phänomen ist der „rosa Elefant“. Mit fast schon mystischer Qualität wird man seit -zig Jahren aufgefordert „Denken Sie jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten“, mit der zwanghaft darauf folgenden Erklärung, man hätte „trotzdem“ doch prompt dieses farbige Rüsseltier vor Augen. Und das, obwohl man explizit gebeten wurde, nicht daran zu denken. Der Grund dafür sei – ganz trend- und zeitgemäß – natürlich „das Gehirn“, das das Wort „nicht“ unterschlagen würde.

Allerdings müsste es schon leicht verwundern, dass man dieses bildhafte Beispiel problemlos verstehen kann – obwohl es darin von „nicht“ nur so wimmelt. Das Ganze lebt schlicht von der Beeindruckung. Der Effekt scheint so spektakulär, dass man auch die Erklärung dazu glaubt. Tatsächlich kennt man dasselbe seit etlichen Jahren von David Copperfield, der – nur umgekehrt und wortlos, dafür gestenreich und mit Musik – nichts auftauchen, sondern verschwinden lässt, nämlich ganze Eisenbahnwaggons. Das Spektakuläre resultiert aus erfolgreicher Ablenkung.

Das mit dem fachlichen Spektakel begann in unseren Breitengraden vor etwas mehr als zwanzig Jahren mit dem holländischen Motivationstrainer Emil Ratelband, der barfüßige Menschen über zehn Meter glühende Kohlen jagte, abschließend ausrufend „Tsjakkaa!“ (sprich: „tschacka“). Heute fühlen sich Berater und Trainer gezwungen, ihr Haupthaar senkrecht in die Höhe zu toupieren oder ein breites, knalliges Stirnband zu tragen. Dem Spektakel wegen. Das ist irgendwie so wahnsinnig „anders“.

Im Falle des rosa Elefanten jedenfalls besteht die trickige Ablenkung darin, dass es eben nicht „das Gehirn“ ist, das irgendwelche Worte unterschlagen würde, sondern der Knackpunkt liegt in den Worten an sich, in der Sprache. Leider jedoch ist das nun einmal ein vergleichsweise ziemlich unspektakuläres Thema. Und so greift man zu der Binsenweisheit „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ und verweist auf das trendige Modethema Gehirn.

Tatsächlich jedoch verpufft das Ganze schon im Ansatz, wenn man dazu auffordert, bitte nicht an den Andromedanebel zu denken oder an das Hebb’sche Neuron. In der Regel passiert dann vor dem geistigen Auge relativ wenig bis gar nichts, trotz aktivem Gehirn. Es hängt eben (unter anderem) davon ab, was man in seinem Hinterkopf vorrätig hat, ob und wie man darauf angesprochen wird, und ob und wie jemand in der Lage ist, Zusammenhänge zu bilden.

Eine Reaktion ist niemals nur eine bloße Frage der vorherigen Aktion, keine simple Verbindung von Ursache und Wirkung, auch nicht im Falle von rosa Elefanten, und schon gar nicht, indem man mit wachsender Begeisterung ständig auf „das Gehirn“ verweist. Und wenn es das nicht ist, sind es wahlweise „die Psyche“ oder „die Gene“ oder alles das zusammen. Man kann es nicht mehr hören.