Donnerstag, 8. Oktober 2015

unterhaltsam gebildet

Die Welt will unterhalten werden. Ich muss mich wohl langsam damit abfinden. Immerhin lebt eine ganze Industrie davon. Rund 10 Milliarden Euro jährlich werden in Deutschland zur persönlichen Unterhaltung und Vergnügung ausgegeben. Eine Summe, die ungefähr dem Bildungsetat der Bundesrepublik entspricht. Doch zugegeben: Was heißt das schon?

Angeblich leiden mindestens 40 Prozent der Deutschen unter Stress.und Druck bei der Arbeit. Schon unter Schülern sollen 30 Prozent unter Leistungsdruck leiden. Einige der Betroffenen erkranken daran nachhaltig psychisch, werden chronisch depressiv und/oder stürzen sich u.a. auf Nikotin, Alkohol und Medikamente.

Parallel dazu ist jede Menge Angst allgegenwärtig: Angst vor Naturkatastrophen sollen 53% der Deutschen haben, Angst vor Terroranschlägen (52%), vor schweren Krankheiten (47%), vor einer schlechten Wirtschaftslage (40%) und eigener Arbeitslosigkeit (32%). Runde 60% haben eine generelle Angst vor der Zukunft. ( Das hängt natürlich alles davon ab, wer welche Menschen zu welchem Zeitpunkt wonach befragt. Die Angst vor Terrorismus dürfte verstärkt präsent sein, wenn gerade irgendwo ein Terroranschlag stattgefunden hat. )

Bei all dem Stress und Druck und all den parallel wirkenden Ängsten ist es kein Wunder, wenn sich die Menschen davon gern ablenken lassen – und dieser offenbar enorme Bedarf eine ganze Industrie ermöglicht hat, die milliardenschwere Umsätze einfährt: Unterhaltung und Vergnügung als Massenware vom Fließband, für die Masse gestresster, deprimierter und verängstigter Menschen.

Dazu kommt die mittlerweile grob unterschätzte Zwangsunterhaltung über die Fernsehkanäle nach dem Leitmotiv „We love to entertain you“. Da schießen so genannte Comedians, die früher (treffender) „Spaßmacher“ genannt wurden, wie Pilze aus dem Boden – was womöglich an den inzwischen Dutzenden Comedy-Shows liegt, die schließlich Personal benötigen und so ziemlich alles auf die Bühne zerren, was halbwegs einen alten Kalauer nacherzählen kann.

ARD und ZDF wiederum veranlassten vor ein/zwei Jahren Neubauten der Sendestudios ihrer Hauptnachrichten in zweistelliger Millionenhöhe mit dem Argument, auch Nachrichten müssten heutzutage unterhaltsam präsentiert werden. Und eine TV-Größe wie Günther Jauch wies in einem Interview darauf hin, dass der Boom der Quiz-Sendungen keineswegs etwas mit Bildung zu tun hätte, sondern es in allen Fällen um nichts anderes als Unterhaltung ginge. So hat man inzwischen einen einzigen angedickten Brei amüsanter medialer Massenware.

Das soll natürlich nicht den Eindruck erwecken, Bildung und Unterhaltung würden sich zwangsläufig widersprechen und/oder müssten (deshalb) strikt voneinander getrennt bleiben. Warum sollte sich nicht auch beides miteinander verbinden lassen? Allenfalls weil wir das als Gegensätze erlernt haben und Schulkindern immer noch so beigebracht wird: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Und schließlich spricht der Volksmund nicht gerade amüsiert vom „Ernst des Lebens“.

Parallel zu diesen Beobachtungen mache ich jedoch die Feststellung, dass der Unfug, der uns allen ständig als „Wissen“ und „Bildung“ unter die Nase gerieben, auf die Augen und in die Ohren gedrückt wird, tatsächlich nur noch mit einer guten Portion Humor zu ertragen ist. Ich erwische mich selbst immer öfter bei einem amüsierten Lächeln als mich (wie früher) darüber aufzuregen.

Für Sie als geneigten Leser und ggf Freund meiner Denkimpulse und Ansätze hat das zur Folge: Auch außerhalb meiner Vorträge und Seminare schlage mich ab sofort auch öffentlich verstärkt auf die Seite des Humors. Mit inspirierendem Witz, ironischen Anmerkungen und satirischen Spitzen, ganz so, wie Sie mich ggf auch persönlich kennen. Ich wünsche viel Freude, wenn es um den „Ernst des Lebens“ geht.


Montag, 5. Oktober 2015

perfektioniert daneben

Wo immer wieder gern, bei passenden Gelegenheiten, meist rund um die jährliche Veröffentlichung von „PISA“-Ergebnissen, über die hierzulande herrschende „Bildungsnot“ in „bildungsfernen Schichten“ geplaudert wird, ist es schon sehr beruhigend zu wissen, dass manche Kinder von den eigenen Eltern äußerst bildungsnah intellektuell perfektioniert werden; ob sie wollen oder nicht.

Kürzlich räumte der Autobauer Mercedes ein, dass die Ergebnisse von Abgasmessungen in deren eigenen Laboren durchaus von Messergebnissen im öffentlichen Stadtverkehr abweichen könnten. Und zwar, weil „dort (in der Stadt) nicht die exact gleichen Bedingungen wie im Labor hergestellt werden können“. Sieh an.

Das eigentliche Problem ist also die unpräzise Realität da draußen. Das wirkliche Leben ist viel zu ungenau. Kurz: Das, was in Laboren getrieben wird, ist um einiges realistischer. Das glauben Wissenschaftler tatsächlich! Fachübergreifend! Natürlich auch in der Pädagogik. Und deshalb suggeriert man das auch für die Erziehung allgemein und für die elterliche insbesondere.

So glauben manche Eltern, sie könnten, sollten oder dürften nicht darauf vertrauen, dass ihr Kind ganz von selbst irgendetwas Großartiges zustande bringt, sondern müssten – ungefragt und ungebeten – ein wenig nachhelfen. Natürlich halten dieselben Eltern ihr Kind für äußerst begabt und intelligent. Doch rein sicherheitshalber müssen sie natürlich darauf achten, dass ihm nicht versehentlich doch ein Fehler unterläuft.

Da sollen etwa in der dritten Klasse der Grundschule Referate gehalten werden, jeweils drei Kinder bilden ein Team, um über jeweils ein heimisches Wildtier zu referieren. Das dürfte so gedacht sein, dass die Kleinen das miteinander weitest möglich selbst erarbeiten, mit begleitender Unterstützung, kleinen gedanklichen Schubsern usw. Das Sammeln von Material aus Internet und Büchern, das Aussortieren und Sortieren, das Anfertigen von Plakaten mit Bildern und Beschriftung, das Einüben des mündlichen Teils… das muss alles nicht perfekt sein, sondern viel wichtiger ist, dass die Kinder das (eben: weitest möglich) selbst gemacht haben, selbst wenn sich ein/zwei Fehler einschleichen.

Es gibt jedoch Eltern, die diese immense Gefahr nicht eingehen wollen. Nicht obwohl, sondern gerade weil es das erste Referat im Leben des Kindes ist, wollen sie ihm erst einmal zeigen, wie das korrekt gemacht wird. Nicht nur in jedem Detail, sondern da wird die komplette Familie mit eingespannt: Das Schwesterchen googelt nach brauchbaren Informationen, Papa druckt Bilder aus, und der Sohn lernt mit Mama den mündlichen Vortragsteil auswendig, Wort für Wort, damit bloß nichts schiefgeht.

Und so lassen diese Eltern ihre Kinder – mit den besten Absichten – mitten ins Verderben laufen, die bei ihrem Referat hilflos auf das perfekt arrangierte Plakat deuten, das man ihnen familiär vorgefertigt in die Hand gedrückt hat, und ihren auswendig gelernten perfekten Text herunterbeten, als würden sie vor dem Weihnachtsbaum ein Gedicht aufsagen.

Abgesehen von der Benotung durch den Lehrer ist das Resultat einer solchen Perfektion eine themenverfehlte Zwangsbelehrung. Bei einer solchen Aktion geht es eben gar nicht um das Referieren über heimische Wildtiere oder wasauchimmer, es geht noch nicht einmal um das Referat an sich. In zweiter Linie geht es darum zu lernen, wie man Informationen sammelt, aussortiert, nach Prioritäten ordnet, und das Ganze für andere verständlich und interessant aufbereitet. Und in erster Linie geht es darum, dass Kinder lernen, das gemeinsam zu tun: Das Erlenen von Teamwork.

Auf die schnöde Perfektion ausgerichtete Eltern wissen überhaupt nicht, was sie da –mit den besten Absichten – anstellen. Sie stehlen ihrem Kind die gesamte Erfahrung(!), auf die es eigentlich ankommt. Selbst wenn es sich um die Erfahrung handelt, im Teamwork auch über etwas zu streiten, etwas Wichtiges vergessen zu haben und sich im freien mündlichen Vortrag zwischendurch zu verhaspeln.


Dienstag, 29. September 2015

flüchtig betrachtet

Natürlich hat man auch mich längst mehrfach nach meiner Meinung zur aktuellen Flüchtlingsthematik gefragt. Jedoch: Ich habe keine. Immer noch nicht. Das löst Verwunderung aus. In unserer hektischen Zeit, wo schließlich jetzt bereits schon wieder Weihnachtsleckereien käuflich sind, bleibt einem wohl auch keine Zeit mehr, sich lange mit der Meinungsbildung aufzuhalten.

Nein, mir fehlte wirklich die Zeit dafür, mich mit dem größeren Zusammenhängen dieser Thematik zu beschäftigen. Erschwerend hinzu kommt, dass man unablässig nahezu mehrmals täglich über neue Entwicklungen informiert wird. Vielleicht soll man auch gar keine Zeit haben, das Ganze groß zu reflektieren; man soll sich bitteschön eine Meinung über’s Knie brechen.

Bemerkenswert ist immerhin schon einmal die wechselnde Wortwahl in der medialen Berichterstattung: Zunächst handelte es sich um eine Flüchtlingskatastrophe, aus der ein Flüchtlingsstrom und dann eine Flüchtlingswelle wurde, bis man nun – vorerst – bei einer Flüchtlingskrise angekommen ist. Hier und da war auch von einem Flüchtlingsdrama zu hören. Das ist ziemlich interessant, wenn man weiß und sich bewusst macht, wie Sprache das Denken (gehörig) mitbeeinflusst.

„Die Sprache ist in der Lage, den Verstand zu verhexen“, Wittgenstein. Bei einer Katastrophe will man helfen. Doch wenn aus einem fließenden Strom eine reißende Welle wird, fühlt sich manch einer schnell verängstigt und bedroht, das darf man niemandem verübeln. Und wenn man – dadurch – offenbar inzwischen in eine Krise geraten ist, kann man sich in diesem Eindruck auch noch bestätigt fühlen, und geht zur Verteidigungshaltung über. Nicht einmal wegen irgendwelcher Flüchtlinge. Sondern wegen der Wortwahl.

Mindestens ebenso interessant war es, wie in den Medien klammheimlich vorausgesetzt wurde, dass „die Deutschen“ mit einreisenden Flüchtlingen ein Problem hätten, und fleißig in der Mottenkiste von Überfremdung und Fremdenhass gekramt wurde. So stolperte man thematisch prompt zum Rassismus und zu Neonazis, die das wohl als Aufruf verstanden haben, und (natürlich nachts im Dunkeln, im Vorbei- und Wegrennen) Molotowcocktails in Häuser warfen; quasi als dösige Schlagzeilenlieferanten auf mediale Bestellung.

Dafür konnte man gleich anschließend die Hilfseuphorie „der Deutschen“ bestaunen und beklatschen, die völlig überraschend „Fremde“ gar nicht ablehnen und abweisen. Eine Generation eben, die letztes Jahr in Berlin die Fußball-Weltmeister bejubelt haben: darunter Jérôme Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil und Shkodran Mustafi, inzwischen ergänzt mit İlkay Gündogan, Karim Bellarabi und Emre Can.

Und dann war da noch die gewohnt stillschweigende Kanzlerin, die erst einmal abwartet, woher und wohin der Wind weht, um dann ihr Fähnchen darin flattern zu lassen. Mit einer „Mutrede“ meldete sich Angela dann schließlich zu Wort: „Wir schaffen das! Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das auch“. Wahrlich: welch mutige Worte.

Ähnlich mutig trieb Helmut Kohl vor 25 Jahren die Deutsche Einheit voran. Alle Bedenken u.a. eines Oskar Lafontaine, ein Vereinigungsprozess würde Jahrzehnte dauern und etliche Milliarden kosten, stampfte Kohl mit einem „Wir schaffen das!“ erfolgreich platt und rettete damit seine Wiederwahl. Im Jahr 1993 wurde daraufhin der „Solidaritätszuschlag“ eingeführt. Bis 1995 wurden zusätzlich die Mineralölsteuer. die Versicherungs-, die Tabak- und die Erdgassteuer erhöht. Parallel dazu explodierte die Neuverschuldung zwischen 1989 und 1993 von 28 Milliarden auf 154 Milliarden D-Mark: „Wir schaffen das!“.

Jedenfalls schien es so, als könne nur ein mittelschweres Erdbeben, ein Tsunami oder der Erstkontakt mit Außerirdischen das Flüchtlingsthema aus den Hauptschlagzeilen verdrängen. Von wegen. In den Redaktionen der Medien wurde entschieden, dass wir uns ab sofort hauptsächlich mit den Messwerten von Dieselabgasen beschäftigen sollen. Der unschlagbare Beweis dafür, dass die Zukunft unvorhersehbar ist.


Freitag, 18. September 2015

zukünftig sinnlos

Wenn es um die Dauerbaustelle Bildung geht, dann ist die herrschende Wissenschaftshörigkeit ein Teil davon. Man muss allerdings zugestehen, dass die Wissenschaften ein exzellentes Marketing betreiben, um regelmäßig auf sich aufmerksam und sich interessant zu machen. Am besten geeignet scheint dafür die Astronomie zu sein.

Neben „Wumm“- und „Peng“- und „Zisch“-Experimenten im schulischen Physik- und Chemieunterricht ist die Astromonie wohl „das“ Thema schlechthin, um Kinder für die Wissenschaft zu begeistern. Oder anders gesagt: Um uns schon im Kindesalter darauf getrimmt zu haben, was Wissenschaft (und nur(!) Wissenschaft) Atemberaubendes zu leisten imstande ist, um sich ihr in Ehrfurcht zu ergeben.

Dazu gehört auch, beim verzweifelten Herumzappen durch die Fernsehkanäle auf der Suche nach irgendetwas halbwegs Erträglichem regelmäßig in teils sonderbare Dokumentationen zu stolpern, in denen die essenziellen Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gnadenlos durchgekaut werden – natürlich von Wissenschaftlern:

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Planeten, Sterne, Galaxien, Raumsonden, Raumstationen, zukünftige Siedlungen auf dem Mond und auf dem Mars, außerirdisches Leben auf fernen Planeten, der „Urknall“ als die Geburt von allem, was überhaupt existiert. Wahnsinnig aufregend. Doch: Was soll das alles eigentlich?

Vor einigen Wochen wurden wir über die Entdeckung des Planeten „Kepler 452b“ informiert, einer „Erde 2.0“, womöglich mit Ozeanen, Flora, Fauna, eine Sensation. Seit dem hört man nichts mehr davon. Und selbst wenn. Anschließend wiederum durften wir erfahren, dass eine Raumsonde flüssiges Wasser auf dem Mars erspäht hat. Schon wieder eine Sensation. Und jetzt? Was sollen wir damit?

Und kürzlich versendete das seriöse ZDF auf einem seiner Nebenkanäle, „Neo“ oder „Info“, eine Dokumentation über unsere Zukunft auf dem Mond. Die Errichtung der ersten Mondbasis zu Forschungszwecken wurde darin waghalsig für das Jahr 2020 angekündigt. Man würde dann in den nächsten Jahrzehnten dazu übergehen, die Ressourcen des Mondes auszubeuten, Treibhäuser zu errichten, undsoweiter, um von Lieferungen von der Erde unabhängig zu sein. Nahezu zwangsläufig würden dann erste Kolonien errichtet werden, in denen immer mehr Menschen den Mond besiedeln. Wirklich faszinierend.

Doch die Frage, was das eigentlich soll, wird nicht einmal ansatzweise diskutiert. Die simple Aussicht auf das Machbare und Mögliche erstickt jede Frage nach dem Sinn bereits im Keim. Und wenn wir endlich wissen, wie das Universum entstanden ist, oder dass auf mindestens einem weiteren Planeten eine „höhere Form“ von Leben existiert: was dann? Was machen wir damit? Was stellen wir mit dieser Erkenntnis an? Haben Stephen Hawking und all seine Kollegen das auch schon geklärt?

Ein untrügliches Zeichen dafür, dass man es mit Wissenschaft zu tun hat. Oder wie Bazon Brock bereits erklärt hat: „Wissenschaft besteht nicht aus dem Lösen von Problemen, sondern aus dem Problematisieren selbst“. Und das verbinde man nun bitte mit der Kenntnis, dass es in der Menschheitsgeschichte nie zuvor dermaßen viele Wissenschaftler gab wie heute.


Montag, 17. August 2015

wundersam zivilisiert

Unser Denken (und damit immer auch: unser Verhalten) wird durch Medien aller Art beeinflusst. Dabei stürzt man sich seit einigen Jahren vornehmlich auf den Computer und das Internet. Doch der gehörige Einfluss des Fernsehens ist deshalb keineswegs unbedeutend geworden. Es wird nur nicht mehr darüber geredet. 

„Die große Show der Naturwunder“, moderiert von Frank Elstner in Co-Moderation von Ranga Yogeshwar, war bereits Thema in meinem Blog. Zuletzt, weil in dieser Show deutlich öfter und intensiver über Technologien gesprochen wird als über irgendwelche Wunder der Natur. Man hat den Eindruck, der Titel soll lediglich dazu dienen, den Zuschauer zum Einschalten zu verführen, um ihm etwas völlig anderes unterzuschieben.

Wenn es etwa kürzlich um das Naturwunder Licht ging, dann war das ganz offenkundig nur der Aufhänger dafür, um im TV-Studio ein Hochleistungs-Laser-Gerät zu demonstrieren. Ein Laserstrahl ist schließlich gebündeltes Licht, nicht wahr. Doch damit war der Bezug zur Natur auch bereits schon erledigt, der Rest war bloße Technologie.

Diese abendlich versendete Mogelpackung könnte Ranga Yogeshwar zu verdanken sein, der es nur mit Mühe schafft, einen Satz zu bilden, in dem der Begriff „Wissenschaft“ nicht vorkommt, und sich sogar noch am Ende, wenn der Abspann bereits läuft, schnell noch bei allen Wissenschaftlern bedankt, die diese Show unterstützt haben. Ganz, ganz wichtig so ein Hinweis.

Diesmal wurde u.a. ein Einspieler angekündigt: Ranga Yogeshwar reiste auf Kosten des Gebührenzahlers nach Sumatra und besuchte dort das Ureinwohnervolk der Talang Mamak, das mitten im tropischen Regenwald lebt. Besser gesagt: was dort davon noch übrig ist. Denn natürlich durfte der Hinweis auf den Raubbau an der Natur nicht fehlen, indem der Mensch den Regenwald gnadenlos abholzt. Also: „Der Mensch“ als solcher.

Jedenfalls wurde ein Medizinmann präsentiert, der aus den verschiedensten Pflanzen des Regenwaldes hochwirksame Medizin gewinnt und die heilende Wirkung allerlei Blätter, Baumrinden und Wurzeln erklärte. Der Regenwald quasi als natürliche Apotheke. Offenkundig schwer beeindruckt kommentierte Ranga Yogeshwar, sich dem gegenüber wie ein Analphabet zu fühlen.

Und man fragt sich, warum dem Zuschauer das dermaßen nachdrücklich unter die Nase gerieben wird. Dabei ist doch leicht vorstellbar, was hierzulande los wäre, wenn ein Medizinmann eine Praxis eröffnen und sein Wissen in Talkshows verbreiten würde: Mit Hohn und Spott würde man sich über diesen Hokuspokus lächerlich machen. Dafür würde die Pharmaindustrie schon sorgen. Nicht auszudenken man würde sich in Zukunft aus den Wäldern bedienen und alte Hausmittel verwenden, statt Tabletten und Kapseln aus den Chemielaboren zu schlucken: -zig Tausende Arbeitsplätze gingen verloren, das Bruttosozialprodukt würde in sich zusammenfallen, Deutschland wäre wohl am Ende.

Trotzdem ist auch das Volk der Talang Mamak „in der Moderne angekommen“, wie es heißt. Auch dieses Ureinwohnervolk im tiefsten Regenwald ist inzwischen mit Brillen, T-Shirts und Sandalen, Töpfen und Matratzen ausgestattet. Wie auch in Fällen anderer Urvölker auf dieser Welt beklagt man bei dieser Gelegenheit prompt den Verlust derer Kulturgüter: Da wird sich nicht mehr zur Jagd kriegsbemalt und wird nicht mehr getanzt, um irgendeinen Gott zu besänftigen, sondern das Ganze macht man jetzt allenfalls noch gegen Bares zur Show für Touristen.

Tragisch. Dabei dachte ich immer, genau deshalb betreibt man Entwicklungshilfe. Wohin sollten sich Ureinwohner denn bitte sonst entwickeln? Und wie man weiß, schicken Hilfsorganisationen erst einmal schulmedizinische, also: richtige Ärzte zu solchen Völkern, um deren Medizinmann vor den Augen seines Stammes lächerlich machen. So kommen Urvölker eben „in der Moderne an“, dadurch entwickeln sie sich dorthin, wo sie bitteschön hin sollen: Willkommen in der zivilisierten Welt.

Dazu gehören dann wohl auch Planierraupen und Bagger, die den Regenwald abholzen. Sumatra, so wurde der Zuschauer – wenn auch ohne Beweis – informiert, verliere „in jeder Stunde eine Waldfläche in der Größe von 88 Fußballfeldern“. Dafür legt man Palmölplantagen an so weit das Auge reicht. Und Palmöl stecke eben nicht nur in unserem Biosprit, sondern auch in jedem zweiten Supermarktprodukt.

Kurz gesagt: Wir, „die Verbraucher“, sind natürlich wieder schuld am Untergang der Welt und wurden entsprechend aufgerufen, beim Einkauf achtsamer zu sein. Und wenn wir das tatsächlich sind, dann werden wir schuld daran sein, dass in Malaysia und Indonesien die Wirtschaft zusammenbricht, und die Menschen, die sich doch gerade so schön zivilisiert entwickeln, wieder zurück müssen in die Reste des Regenwaldes.

Dabei sagte kürzlich noch der Gründer des „Herta“-Wurstwarenkonzerns, Karl Ludwig Schweisfurth, zum Elend der Massentierhaltung: „Man macht es sich zu einfach, das immer auf den Konsumenten zu schieben. Das ist eben das System“. Stimmt ziemlich genau. Und das hat einiges damit zu tun, was an der Börse stattfindet, Spekulation, Aktienkurse, Gewinnerwartungen undsoweiter – eine Parallelwelt für sich, meilenweit entfernt von jeder Realität.

Mittwoch, 12. August 2015

heldenhaft abgedreht

Bei der Vorstellung, was Kinderherzen höher schlagen lässt, hatte ich früher immer deutlich anderes im Kopf als „Star Wars“, „Transformers“ und „Spiderman“. Entweder haben sich die Zeiten leicht geändert oder ich habe mich geirrt. Das Positive an einem solchen Irrtum wäre der Irrtum an sich: Er würde die Erkenntnis bestätigen, dass man auch mit zunehmendem Alter immer noch dazulernen kann. Ob man will oder lieber nicht.

Mein Gott, ist unser Junge noch naiv. Vergleichsweise. Sogar jetzt noch, gerade die zweite Klasse Grundschule hinter sich gebracht, gerade acht Jahre alt geworden, hat er nicht geringste Ahnung, um was es sich bei „Star Wars“ handelt oder wer oder was „Spiderman“ ist. Im Kinderprogramm sieht er sich noch immer vorzugsweise „Biene Maja“ und „Heidi“ an. Sowohl aus pädagogischen, wie auch aus psychologischen Gründen fragte ich ihn kürzlich „Sag’ mal, weißt Du eigentlich irgendetwas über ‚Transformers’?“, und bekam darauf die Antwort „Ja, dass Du andauernd davon redest“.

In der Tat. Zuletzt in einem örtlichen Spielwarengeschäft bei der Fahndung nach einem Geburtstagsgeschenk für einen Freund unseres Jungen. Es gibt da die Einrichtung einer so genannten „Geschenkebox“: Die Geburtstagskinder suchen sich Spielwaren in einer gewissen Preisspanne aus, die Artikel werden in einer Box zwischengelagert, und die eingeladenen Kinder treffen daraus eine Auswahl. So ist sichergestellt, dass die oder der Beschenkte nur etwas geschenkt bekommt, dass sie oder er sich tatsächlich wünscht. Wenn auch auf Kosten jeder sonstigen wirklichen Überraschung.

Bei einem schweifenden Blick über die Inhalte solcher Kisten kann es einem die Nackenhaare kräuseln. Männliche Kinder im Grundschulalter wünschen sich offenbar vorwiegend Aktionsspielzeug in den Kategorien entsprechender Aktionsfilme und -TV-Serien, eben à la „Star Wars“, „Transformers“ und ähnlichen Kram. Manches davon ist kaum als Spielzeug identifizierbar. Man muss es einfach in Erwägung ziehen, weil man sich gerade in einem Spielwarenladen befindet.

Meine Synapsen stellen mir dabei spontan mehrere Fragen zur Verfügung. Etwa, wie Kinder in diesem Alter eigentlich mit derlei Zeug überhaupt erst einmal in Berührung kommen, tatsächlich über das heimische Fernsehen oder über Videospiele, und ob das den Eltern durch Unaufmerksamkeit entgeht oder unbedacht schnurz ist oder den Kindern gar bewusst zu Unterhaltungszwecken zur Verfügung gestellt wird.

Noch während ich versuchte, diesen Gedanken als Unsinn abzuschütteln, näherte sich mir in diesem Spielzeugladen von rechts ein Elternpaar mit ungefähr vierjährigem Jungen. Während sich die Mutter zielgerichtet entfernte, machte der Vater den Kleinen auf ein Regal aufmerksam, in dem mehrere gleichartige Spielzeugschusswaffen ausgestellt waren, so etwas wie eine Armbrust und die Nachahmung eines Maschinengewehrs, natürlich Plastikmüll, in grellgrün und orange gefärbt: „Schau mal, da!“, ermunterte der Mann den circa-4-Jährigen.

Das ist also, worauf Eltern ihre Kinder heute aufmerksam machen: „Schau mal, da!“. Diese Szene hat mich derart unfassbar beeindruckt, dass ich prompt eine Recherche anstellte, wie dieser Krempel den Kindern angepriesen wird. Und zwar handelte es sich dabei um „Zombie Strike Blaster“, in fünf verschiedenen Ausführungen: „Zombie Strike Eilte Double Strike“, „Zombie Strike Sidestrike“, „Zombie Strike Armbrust“, „Zombie Strike Slingfire” sowie „Zombie Strike Sledgefire“, letztere mit Doppellauf für zwei „Zombie Strike Darts“, die nacheinander abgefeuert werden können, ohne nachzuladen, Reichweite circa 20 Meter. Und da sagt ein Vater zu seinem etwa vierjährigen Jungen: „Schau mal, da!“.

Tatsächlich berichtete mir unser Junge bereits kurz nach der Einschulung von einem Mitschüler, dessen Utensilien komplett im „Star Wars“-Thema gehalten seien, beim Tornister (auch: Ranzen, Schulpack o.ä. genannt) angefangen, Federmäppchen, Sportbeutel, etc, etc. Da waren die Burschen gerade sechs Jahre alt. Wie kommt ein 6-jähriger dazu, „Krieg der Sterne“ überhaupt bereits zu kennen, einen Darth Vader, einen R2D2-Roboter, Kampfraumschiffe, Laserschwerter und den ganzen Kram?

Warum wird so etwas durch die Eltern nicht nur nicht bereits im Ansatz verhindert, sondern durch den Kauf solcher Schulutensilien auch noch gefördert? „Wenn dem Jungen das doch gefällt“, nicht wahr. Na, klar. Aber: Warum eigentlich? Oder kann einem das wirklich schnurz sein, wenn Kinder im Grundschulalter auf „lebende“ Kampfroboter abfahren, die sich aus Automobilen „transformieren“, und sich gegenseitig über den Haufen ballern? Was muss da bloß an Geräuschen aus dem Kinderzimmer zu hören sein, wenn ein Junge mit solchem Spielzeug hantiert, womöglch noch gemeinsam mit ein paar anderen Freunden?

Wie können Eltern das als normal empfinden? Wie können sich solche Eltern dann noch ernsthaft wundern, wenn der Nachwuchs durch leichte Reizbarkeit und Aggression auffällt, und durch Sprüche, die wenig altersgemäß sind? Doch es scheint, als sei das normaler als ich bisher dachte. Und einer aus dieser Generation wird einmal Bundeskanzler. Willkommen im Bildungszeitalter.

Samstag, 8. August 2015

diskutabel gepunktet

Ich weiß ganz genau, dass die Bewertung von Fähigkeiten und Leistungen, zum Beispiel mittels irgendwelcher „Punkte“ oder Schulnoten, völliger Unsinn ist. Natürlich wird das in aller Selbstverständlichkeit praktiziert. Trotzdem ist es Unsinn. Doch ich habe keine andere Wahl, als mich von der Praxis eines Besseren belehren zu lassen. Zumindest in der Frage, wie die Praxis das Denken beeinflusst. Denn daran kommt man nicht vorbei.

Vor circa einem Jahr wurde unser Junge alterskonform in die F-Jugend seines Fußballvereins hochgestuft. Ab dieser Jugend wird dann auch eine kleine Liga mit fünf/sechs regionalen Mannschaften betrieben. Doch die Resultate sämtlicher Spiele werden grundsätzlich „o.E.“ bewertet: „ohne Ergebnis“. Es ist also nicht möglich, einen Tabellenstand auszurechen, weder nach den einzelnen Spieltagen, noch am Ende.

Angeblich ist das Absicht. Die Jungs sollen eben immer noch den Spaß am Spiel im Vordergrund sehen, nicht den Wettkampfgedanken von Sieg oder Niederlage. Erfahrungsgemäß jedoch ist das blankes Theoriegeschwafel und offenbart ein eklatantes pädagogisches Unwissen. Gewonnen oder verloren werden die Spiele nämlich trotzdem, mitsamt der dazugehörigen Siegesfreude oder Frustration. Und gerade auch den Umgang mit Niederlagen darf man als Teil der Bildung betrachten, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung.

Erstaunlicherweise sehen die Kinder das von sich aus ähnlich. Erstens sind Kinder nicht dumm, können die Tore zählen und wissen schließlich den Endstand, und zweitens wollen sie das auch genau so haben. Was das betrifft ist es völlig belanglos, dass die Ergebnisse offiziell ständig „o.E.“ lauten. Diese Praxis bewirkt allenfalls das Gegenteil, wenn sich die Kinder nicht ernstgenommen fühlen, als wären ihre Spiele nur ein bisschen Herumgekicke und hätten keine wirkliche Relevanz.

Erschwerend hinzu kommt noch, dass in dieser Altersgruppe neuerdings – jedenfalls offiziell – ohne Schiedsrichter gespielt werden soll. Die Kinder sollen jede strittige Situation unter sich ausmachen, ob ein Foul ein Foul war, ob der Ball tatsächlich in vollem Umfang die Linie überquert hat, und so weiter. Da diskutieren die Eltern am Spielfeldrand heftiger untereinander als die Kinder. Auf dem Spielfeld nämlich entscheidet der Bursche, der einen Kopf größer ist und drei Kilo mehr auf den Rippen hat als die anderen, ganz ohne Diskussion, mit dem Recht des Stärkeren.

Das Ganze hat eine interessante Parallele zur Schule. Aus beruflichen Gründen weiß ich, dass die Bewertung und Beurteilung menschlicher Leistungen durch so etwas wie „Punkte“ oder auch Schulnoten groben Unfug darstellt, weil das schlicht und einfach unmöglich ist. Außer natürlich, man glaubt ganz fest daran und macht es möglich, indem man es erzwingt. Doch dieses Fachwissen hin oder her: In der alltäglichen Praxis verhält es sich ein wenig anders. Nämlich ungefähr so, wie beim Fußball.

Kinder, die man erst einmal mit der Notenvergabe in Berührung gebracht hat, finden das mehrheitlich ziemlich toll. Der Vergleich gegenüber anderen ist dabei zwar auch ganz nett, doch hauptsächlich geht es Kindern um deren eigene Noten. Sie wollen beurteilt haben, was sie können. Und das ist eben, was durch Schulnoten versprochen wird.

In der dritten Schulklasse jedoch wird jetzt (jedenfalls in Bayern) auf das sonst übliche Zwischenzeugnis im Januar verzichtet. Statt dessen soll es lediglich ein „Lernentwicklungsgespräch“ mit der Klassenlehrerin geben, das gleichzeitig den Elternsprechtag ersetzt. Man fragt sich fast, ob hinter dieser Idee derselbe Kopf steckt, der sich den Unsinn für die Fußballjugend ausgedacht hat.

Montag, 3. August 2015

strukturell gewandelt

Gegen so genannte „wirtschaftliche Interessen“ ist nur wenig auszurichten. Wenn es darum geht, dass irgendwo viel Geld (oder: noch mehr Geld) zu machen ist, wird alles andere zweitrangig. Das ist es wahrscheinlich, warum Deutschland ein so wahnsinnig reiches Land mit wahnsinnig wohlhabenden Bürgern ist, ...die jedoch manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden müssen.

Kürzlich wurde – ganz nebenbei – über die Nachrichten im Radio mitgeteilt, dass der „Allgäu Airport“ in Memmingen endlich ausgebaut werden darf. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat das jetzt entschieden. Wie üblich, stand dem Ganzen der notorische Protest uneinsichtiger Anwohner und dem Bund Naturschutz (BN) entgegen. Die einen sorgten sich um ihre Gesundheit wegen des Fluglärms, die anderen argumentierten wie immer mit Klimaschutz und Artenerhaltung. Beides richterlich als unbegründet verworfen und abgeschmettert. Wie üblich.

Und auch Deutschlands zweitgrößter Flughafen, nämlich der in München, darf jetzt endlich noch größer werden. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat nach etlichen Jahren nun auch die letzten Beschwerden gegen die Revision im Verfahren um die dritte Start- und Landebahn zurückgewiesen. Ein für allemal. Jetzt dürfen die Bagger anrücken. Auch hier sind sämtliche Bedenken und Einwände natürlich unbegründet. Ausschließlich begründet ist, wie immer, das wirtschaftliche Interesse, das offenbar über allem schwebt.

Das erinnert mich unweigerlich an meine Heimatstadt Duisburg und ihre enormen Probleme mit dem Strukturwandel, viel mehr noch mit den krampfhaften Versuchen eines Imagewandels: weg vom Image der grauen „Stadt Montan“, von Bergwerken, Stahlwerken und von Szenarien aus Schimanski-Tatorten, irgendwohin, wo Duisburg endlich als moderne, attraktive Großstadt wahrgenommen wird. Attraktiv vor allem natürlich für Investoren, irgendwann in der Folge dann auch für die Bürger. Auf dem Papier jedenfalls wäre das folgerichtig, es muss nur gut geplant sein.

Da versuchte man etwa, die Stadt Bochum mit ihrem Touristenmagneten „Starlight Express“ zu kopieren, stampfte für „Les Misérables“ ein eigenes Musicaltheater aus dem Boden, und vollführte damit eine recht peinliche Pleite. Für das Jahr 2010 holte man die „Love Parade“ mit stolzgeschwellter Brust nach Duisburg und muss jetzt noch froh sein, wenn nach der tragischen Katastrophe die Stadt anderswo im Land trotzdem noch eher mit Schimanski in Verbindung gebracht wird. Und dann hat man mitten in der City ein Spielcasino eröffnet. In einer Stadt notorisch am Rande der Pleite, mit einer Arbeitslosenquote von 13,2%, doppelt so hoch wie auf Bundesebene: Ein Spielcasino. Natürlich.

Ideen vom Feinsten für den Strukturwandel. Im gedanklichen Hamsterrad für die wirtschaftlichen Interessen, die irgendwann eventuell und möglicherweise vielleicht auch einmal den Bürgern zugute kommen würden sollen könnten. Vielleicht sollte man in Duisburg den Bau eines Flughafens ins Auge fassen. Das hat sogar in Memmingen funktioniert und kann problemlos durch alle Instanzen durchgeboxt werden. Der darf dann allerdings keinesfalls Horst-Schimanski-Airport heißen.

Freitag, 10. Juli 2015

reichlich verwässert

Man kann sich fast schon täglich fragen, auf welchem Stand die heutige Schulbildung eigentlich stattfindet. Kein Wunder, wenn Schulbücher und Arbeitsblätter rein aus Kostengründen über etliche Jahre hinweg durch die Klassen geschleift werden, auch wenn sich der Wissensstand der Menschheit längst darüber hinweg entwickelt hat. Eine „Bildungsoffensive“ als grob fahrlässige Fehlbildung wehrloser Kinder.

Da kam unser grundbeschulter Junge mit der Botschaft nach Hause, es gäbe im Heimat- und Sachkundeunterricht endlich ein neues Thema: Wasser. Also H2O ganz im Allgemeinen, in der Natur, in Flüssen, Seen, Meeren und in Wolkenform, Wasser aus der Leitung, abgefüllt in Flaschen, eingefüllt in Zahnputzbecher und Badewannen. Wasser, das Lebenselixier schlechthin. Nun gut: Neben Licht und Sauerstoff, versteht sich. Naja, und auch neben Wind und Wetter, neben Gravitation, Erdrotation, Neigungswinkel der Erdachse, Photosynthese und dem Gesamtökosystem.

Einen groben Umriss über Erscheinungsformen und Anwendungsbereiche des Wassers liefert dann sogar ein extra Arbeitsblatt, das den Zweitklässlern ausgehändigt wurde. Die Betonung muss hierbei auf „grob“ liegen. Das Ganze mutet ähnlich an, als würde man die Griechenlandkrise darauf reduzieren, dass es dabei um ganz viel Geld im Allgemeinen und den Euro im Speziellen gehe. Wie man mit solch einem Arbeitsblatt tatsächlich arbeiten kann, muss man dahingestellt sein lassen und auf die Kompetenz der Lehrkraft vertrauen.

Schließlich steht da wortwörtlich, man soll unbedingt Wasser sparen. Das ist, was unseren Kindern beigebracht wird. Natürlich: Auf unserem Planeten ist trinkbares Süßwasser nur begrenzt vorhanden. Und in Afrika gibt es nur ganz, ganz wenig davon. Dort müssen die Menschen Kilometer weit zum Brunnen laufen, und natürlich auch wieder zurück, für ein paar Liter Wasser, das hier bei uns einfach aus der Leitung kommt und sogar zur Klospülung verwendet wird. Man sollte deshalb also sparsam mit dem kostbaren Gut umgehen.

Grober Unfug, gelehrt auf der Grundschule, wahrscheinlich sogar planmäßig, nämlich per Lehrplan, überrollt von einer Bildungsoffensive. Tatsächlich nämlich ist dieser Fimmel des Wassersparens zum ernsthaften Problem geworden. Abwasserkanäle werden nicht mehr ausreichend durchspült, weshalb sich übelriechende Rückstände und Gase in der Kanalisation bilden, die den Beton der Rohre zersetzen. Städte und Gemeinden geben Unsummen dafür aus, die Kanäle mit Tausenden Litern Wasser aus Hydranten zu fluten. Das kostet. Und das erhöht erstens die Wasserpreise und macht zweitens das Wassersparen zur Farce.

Und das noch ganz abgesehen davon, dass der Wassergeiz den Grundwasserspiegel steigen lässt. In Berlin zum Beispiel in den letzten 25 Jahren um einen ganzen Meter. Das wiederum bedroht die Fundamente etlicher Gebäude, unter anderen des Roten Rathauses und des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Die Behebung dieses Problems schätzt man auf 100 Millionen Euro in den nächsten 50 Jahren. Und zwar: …weil Wasser gespart wird.

In voller Ignoranz dieses besseren Wissens wurde unser Sohn nun also amtlich schulisch belehrt, dass Wassersparen unheimlich wichtig sei. So muss man als Eltern gegen die Autorität einer Lehrkraft ankämpfen, was bei Kindern im Grundschulalter ziemlich schwierig ist. Man könnte sich natürlich auch direkt an die Lehrkraft wenden, mit der dringlichen Bitte, den Unsinn mindestens zu relativieren und den Kindern auch die Nachteile des Wassersparens zu erklären. Unter anderem. Denn es gibt eine ganze Menge solchen Unfugs, der den Schulkindern gelehrt wird.

Allerdings gilt man dann schnell als so genannte „Helikopter“- bzw. „Hubschrauber-Eltern“, die sich besserwisserisch in die pädagogischen Angelegenheiten der Schule einmischen. Alternativ erklärt man den Kindern das bessere Wissen höchstpersönlich selbst, idealerweise im Rahmen der Hausaufgaben. Das Dumme daran ist, dass bei der nächsten Lernzielkontrolle nur das alte, falsche Wissen die volle Punktzahl bringt. Ein Kind, das das richtigere Wissen hat, bekommt Punktabzüge und eine schlechtere Note. Willkommen in der Bildungsrepublik!

Montag, 6. Juli 2015

erlebnisreich gezwungen

Im Zuge der unaufhaltsamen Digitalisierung unserer Welt sind natürlich auch die Kinder davon mitbetroffen. Laut irgendeiner Studie sollen angeblich rund zwanzig Prozent der Dreijährigen(!) bereits regelmäßig im Internet surfen. Es gibt Eltern, die das gut finden und fördern. Andere finden das erschreckend. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich und wie immer irgendwo dazwischen.

Es ist gerade ein paar Monate her, da wurde in Expertenkreisen heftig diskutiert, ob und wenn wie oft und wie lange Kinder sich mit Computer und Internet beschäftigen sollten, und ob dabei die analogen Erfahrungen nicht zu kurz kämen. Analoge Erfahrungen... der Versuch, einen Begriff zu etablieren, der das Gegenteil von digitalen Anwendungen darstellen soll. Dieser Versuch ist nicht ganz gelungen.

Analoge Erfahrungen soll quasi heißen: „in echt“, irgendwas machen, und zwar selbst! Basteln, musizieren, noch besser: draußen in der freien Natur, auf dem Spielplatz oder Bolzplatz, noch besser: irgendwas im Wald, Geräusche und Gerüche aufnehmen, das wäre alles „analog“. Also im Gegensatz zum nur passiven Konsum digitaler Medien, Computerspiele, YouTube, Facebook und das ganze. So soll das begrifflich zumindest gemeint sein.

Einerseits befinden sich Eltern damit ständig im Erlebniszwang. An vergleichsweise freien Nachmittagen, die ausnahmsweise nicht vollgepackt sind mit Hausaufgaben. Erst recht an Feiertagen und Wochenenden muss etwas unternommen werden, ob man will oder nicht, bei jedem Wetter. Notfalls müssen sich alle Beteiligten eben dazu zwingen.

Wie steht das Kind denn sonst schließlich da, wenn die Lehrerin in der Morgenrunde fragt: „Und was habt ihr am Wochenende gemacht?“. Wehe, wenn es da nichts Besonderes zu erzählen gibt. Da rümpfen nicht nur die Mitschüler die Nase, das notiert sich auch die Lehrerin gleich in ihr Notizbuch. Das wird jedenfalls von Eltern gemeint.

Erlebniszwang erst recht auf Geburtstagspartys: Den eingeladenen Kindern noch ein Aha-Erlebnis zu bieten ist jedoch eine echte Herausforderung. Man muss fast schon eine Hüpfburg aufbauen, am besten eine ganze Kirmes, damit die Party nicht zum müden 08/15-Ereignis wird. Und prompt sind die nächsten Eltern gefordert, das noch irgendwie zu übertreffen.

Andererseits beinhalten analoge Erfahrungen natürlich auch ein immenses Gefahrenpotenzial. Man stelle sich vor, womit sich Kinder so alles infizieren können, wenn sie draußen spielen, mit den Fingern im Dreck und in Pfützen. Nicht auszudenken, Kinder würden noch auf Bäume klettern, wie früher. Schließlich könnten sie herunterfallen und sich weh tun. Wie früher. Schlimmer noch, sie spielen irgendwo Fußball, wo Fensterscheiben zu Bruch gehen können, oder machen Klingel- oder sonstige Lausbubenstreiche. Dafür werden die Eltern heute gleich verklagt. Dann sollen die Kleinen doch lieber in ihrem Zimmer bleiben, wo nicht viel passieren kann.

Das Ergebnis ist, dass heute angeblich 70% der Kinder zwischen 8 und 12 Jahren höchstens ein Mal pro Woche draußen spielen. Um die 20% haben noch nie einen Bauernhof besichtigt und weitere 20% sind noch nie auf einen Baum geklettert. Es können mehr Kinder auf einem Bild einen Roboter erkennen als eine Eule, und können Tastenfunktionen von Apparaten besser zuordnen die Blätter von Bäumen.

Die Frage ist, wie vieles davon bedauert und beklagt, und was von wem und warum dafür getan und gelassen wird. Rund die Hälfte der Eltern ist der Ansicht, dass Kinder unter 14 Jahren ohnehin nicht unbeaufsichtigt draußen spielen sollten. Der Radius um das eigene Zuhause, in dem Kinder spielen, ist seit den 1970er Jahren um 90% geschrumpft.

Alles rein sicherheitshalber, versteht sich, aus Angst und Sorge. Wehe, das Kind gerät außer Sichtweite. Da kann es doch besser in seinem Zimmer an seinem Computer prima lernen, mit Lernspielen, in Lernportalen, undsoweiter. Das ist schließlich alles von Pädagogen empfohlen und vom TÜV gesiegelt. Und außerdem ist dabei der Lernerfolg viel leichter überprüfbar als bei analogen, „echten“ Erfahrungen.