Montag, 17. August 2015

wundersam zivilisiert

Unser Denken (und damit immer auch: unser Verhalten) wird durch Medien aller Art beeinflusst. Dabei stürzt man sich seit einigen Jahren vornehmlich auf den Computer und das Internet. Doch der gehörige Einfluss des Fernsehens ist deshalb keineswegs unbedeutend geworden. Es wird nur nicht mehr darüber geredet. 

„Die große Show der Naturwunder“, moderiert von Frank Elstner in Co-Moderation von Ranga Yogeshwar, war bereits Thema in meinem Blog. Zuletzt, weil in dieser Show deutlich öfter und intensiver über Technologien gesprochen wird als über irgendwelche Wunder der Natur. Man hat den Eindruck, der Titel soll lediglich dazu dienen, den Zuschauer zum Einschalten zu verführen, um ihm etwas völlig anderes unterzuschieben.

Wenn es etwa kürzlich um das Naturwunder Licht ging, dann war das ganz offenkundig nur der Aufhänger dafür, um im TV-Studio ein Hochleistungs-Laser-Gerät zu demonstrieren. Ein Laserstrahl ist schließlich gebündeltes Licht, nicht wahr. Doch damit war der Bezug zur Natur auch bereits schon erledigt, der Rest war bloße Technologie.

Diese abendlich versendete Mogelpackung könnte Ranga Yogeshwar zu verdanken sein, der es nur mit Mühe schafft, einen Satz zu bilden, in dem der Begriff „Wissenschaft“ nicht vorkommt, und sich sogar noch am Ende, wenn der Abspann bereits läuft, schnell noch bei allen Wissenschaftlern bedankt, die diese Show unterstützt haben. Ganz, ganz wichtig so ein Hinweis.

Diesmal wurde u.a. ein Einspieler angekündigt: Ranga Yogeshwar reiste auf Kosten des Gebührenzahlers nach Sumatra und besuchte dort das Ureinwohnervolk der Talang Mamak, das mitten im tropischen Regenwald lebt. Besser gesagt: was dort davon noch übrig ist. Denn natürlich durfte der Hinweis auf den Raubbau an der Natur nicht fehlen, indem der Mensch den Regenwald gnadenlos abholzt. Also: „Der Mensch“ als solcher.

Jedenfalls wurde ein Medizinmann präsentiert, der aus den verschiedensten Pflanzen des Regenwaldes hochwirksame Medizin gewinnt und die heilende Wirkung allerlei Blätter, Baumrinden und Wurzeln erklärte. Der Regenwald quasi als natürliche Apotheke. Offenkundig schwer beeindruckt kommentierte Ranga Yogeshwar, sich dem gegenüber wie ein Analphabet zu fühlen.

Und man fragt sich, warum dem Zuschauer das dermaßen nachdrücklich unter die Nase gerieben wird. Dabei ist doch leicht vorstellbar, was hierzulande los wäre, wenn ein Medizinmann eine Praxis eröffnen und sein Wissen in Talkshows verbreiten würde: Mit Hohn und Spott würde man sich über diesen Hokuspokus lächerlich machen. Dafür würde die Pharmaindustrie schon sorgen. Nicht auszudenken man würde sich in Zukunft aus den Wäldern bedienen und alte Hausmittel verwenden, statt Tabletten und Kapseln aus den Chemielaboren zu schlucken: -zig Tausende Arbeitsplätze gingen verloren, das Bruttosozialprodukt würde in sich zusammenfallen, Deutschland wäre wohl am Ende.

Trotzdem ist auch das Volk der Talang Mamak „in der Moderne angekommen“, wie es heißt. Auch dieses Ureinwohnervolk im tiefsten Regenwald ist inzwischen mit Brillen, T-Shirts und Sandalen, Töpfen und Matratzen ausgestattet. Wie auch in Fällen anderer Urvölker auf dieser Welt beklagt man bei dieser Gelegenheit prompt den Verlust derer Kulturgüter: Da wird sich nicht mehr zur Jagd kriegsbemalt und wird nicht mehr getanzt, um irgendeinen Gott zu besänftigen, sondern das Ganze macht man jetzt allenfalls noch gegen Bares zur Show für Touristen.

Tragisch. Dabei dachte ich immer, genau deshalb betreibt man Entwicklungshilfe. Wohin sollten sich Ureinwohner denn bitte sonst entwickeln? Und wie man weiß, schicken Hilfsorganisationen erst einmal schulmedizinische, also: richtige Ärzte zu solchen Völkern, um deren Medizinmann vor den Augen seines Stammes lächerlich machen. So kommen Urvölker eben „in der Moderne an“, dadurch entwickeln sie sich dorthin, wo sie bitteschön hin sollen: Willkommen in der zivilisierten Welt.

Dazu gehören dann wohl auch Planierraupen und Bagger, die den Regenwald abholzen. Sumatra, so wurde der Zuschauer – wenn auch ohne Beweis – informiert, verliere „in jeder Stunde eine Waldfläche in der Größe von 88 Fußballfeldern“. Dafür legt man Palmölplantagen an so weit das Auge reicht. Und Palmöl stecke eben nicht nur in unserem Biosprit, sondern auch in jedem zweiten Supermarktprodukt.

Kurz gesagt: Wir, „die Verbraucher“, sind natürlich wieder schuld am Untergang der Welt und wurden entsprechend aufgerufen, beim Einkauf achtsamer zu sein. Und wenn wir das tatsächlich sind, dann werden wir schuld daran sein, dass in Malaysia und Indonesien die Wirtschaft zusammenbricht, und die Menschen, die sich doch gerade so schön zivilisiert entwickeln, wieder zurück müssen in die Reste des Regenwaldes.

Dabei sagte kürzlich noch der Gründer des „Herta“-Wurstwarenkonzerns, Karl Ludwig Schweisfurth, zum Elend der Massentierhaltung: „Man macht es sich zu einfach, das immer auf den Konsumenten zu schieben. Das ist eben das System“. Stimmt ziemlich genau. Und das hat einiges damit zu tun, was an der Börse stattfindet, Spekulation, Aktienkurse, Gewinnerwartungen undsoweiter – eine Parallelwelt für sich, meilenweit entfernt von jeder Realität.

Mittwoch, 12. August 2015

heldenhaft abgedreht

Bei der Vorstellung, was Kinderherzen höher schlagen lässt, hatte ich früher immer deutlich anderes im Kopf als „Star Wars“, „Transformers“ und „Spiderman“. Entweder haben sich die Zeiten leicht geändert oder ich habe mich geirrt. Das Positive an einem solchen Irrtum wäre der Irrtum an sich: Er würde die Erkenntnis bestätigen, dass man auch mit zunehmendem Alter immer noch dazulernen kann. Ob man will oder lieber nicht.

Mein Gott, ist unser Junge noch naiv. Vergleichsweise. Sogar jetzt noch, gerade die zweite Klasse Grundschule hinter sich gebracht, gerade acht Jahre alt geworden, hat er nicht geringste Ahnung, um was es sich bei „Star Wars“ handelt oder wer oder was „Spiderman“ ist. Im Kinderprogramm sieht er sich noch immer vorzugsweise „Biene Maja“ und „Heidi“ an. Sowohl aus pädagogischen, wie auch aus psychologischen Gründen fragte ich ihn kürzlich „Sag’ mal, weißt Du eigentlich irgendetwas über ‚Transformers’?“, und bekam darauf die Antwort „Ja, dass Du andauernd davon redest“.

In der Tat. Zuletzt in einem örtlichen Spielwarengeschäft bei der Fahndung nach einem Geburtstagsgeschenk für einen Freund unseres Jungen. Es gibt da die Einrichtung einer so genannten „Geschenkebox“: Die Geburtstagskinder suchen sich Spielwaren in einer gewissen Preisspanne aus, die Artikel werden in einer Box zwischengelagert, und die eingeladenen Kinder treffen daraus eine Auswahl. So ist sichergestellt, dass die oder der Beschenkte nur etwas geschenkt bekommt, dass sie oder er sich tatsächlich wünscht. Wenn auch auf Kosten jeder sonstigen wirklichen Überraschung.

Bei einem schweifenden Blick über die Inhalte solcher Kisten kann es einem die Nackenhaare kräuseln. Männliche Kinder im Grundschulalter wünschen sich offenbar vorwiegend Aktionsspielzeug in den Kategorien entsprechender Aktionsfilme und -TV-Serien, eben à la „Star Wars“, „Transformers“ und ähnlichen Kram. Manches davon ist kaum als Spielzeug identifizierbar. Man muss es einfach in Erwägung ziehen, weil man sich gerade in einem Spielwarenladen befindet.

Meine Synapsen stellen mir dabei spontan mehrere Fragen zur Verfügung. Etwa, wie Kinder in diesem Alter eigentlich mit derlei Zeug überhaupt erst einmal in Berührung kommen, tatsächlich über das heimische Fernsehen oder über Videospiele, und ob das den Eltern durch Unaufmerksamkeit entgeht oder unbedacht schnurz ist oder den Kindern gar bewusst zu Unterhaltungszwecken zur Verfügung gestellt wird.

Noch während ich versuchte, diesen Gedanken als Unsinn abzuschütteln, näherte sich mir in diesem Spielzeugladen von rechts ein Elternpaar mit ungefähr vierjährigem Jungen. Während sich die Mutter zielgerichtet entfernte, machte der Vater den Kleinen auf ein Regal aufmerksam, in dem mehrere gleichartige Spielzeugschusswaffen ausgestellt waren, so etwas wie eine Armbrust und die Nachahmung eines Maschinengewehrs, natürlich Plastikmüll, in grellgrün und orange gefärbt: „Schau mal, da!“, ermunterte der Mann den circa-4-Jährigen.

Das ist also, worauf Eltern ihre Kinder heute aufmerksam machen: „Schau mal, da!“. Diese Szene hat mich derart unfassbar beeindruckt, dass ich prompt eine Recherche anstellte, wie dieser Krempel den Kindern angepriesen wird. Und zwar handelte es sich dabei um „Zombie Strike Blaster“, in fünf verschiedenen Ausführungen: „Zombie Strike Eilte Double Strike“, „Zombie Strike Sidestrike“, „Zombie Strike Armbrust“, „Zombie Strike Slingfire” sowie „Zombie Strike Sledgefire“, letztere mit Doppellauf für zwei „Zombie Strike Darts“, die nacheinander abgefeuert werden können, ohne nachzuladen, Reichweite circa 20 Meter. Und da sagt ein Vater zu seinem etwa vierjährigen Jungen: „Schau mal, da!“.

Tatsächlich berichtete mir unser Junge bereits kurz nach der Einschulung von einem Mitschüler, dessen Utensilien komplett im „Star Wars“-Thema gehalten seien, beim Tornister (auch: Ranzen, Schulpack o.ä. genannt) angefangen, Federmäppchen, Sportbeutel, etc, etc. Da waren die Burschen gerade sechs Jahre alt. Wie kommt ein 6-jähriger dazu, „Krieg der Sterne“ überhaupt bereits zu kennen, einen Darth Vader, einen R2D2-Roboter, Kampfraumschiffe, Laserschwerter und den ganzen Kram?

Warum wird so etwas durch die Eltern nicht nur nicht bereits im Ansatz verhindert, sondern durch den Kauf solcher Schulutensilien auch noch gefördert? „Wenn dem Jungen das doch gefällt“, nicht wahr. Na, klar. Aber: Warum eigentlich? Oder kann einem das wirklich schnurz sein, wenn Kinder im Grundschulalter auf „lebende“ Kampfroboter abfahren, die sich aus Automobilen „transformieren“, und sich gegenseitig über den Haufen ballern? Was muss da bloß an Geräuschen aus dem Kinderzimmer zu hören sein, wenn ein Junge mit solchem Spielzeug hantiert, womöglch noch gemeinsam mit ein paar anderen Freunden?

Wie können Eltern das als normal empfinden? Wie können sich solche Eltern dann noch ernsthaft wundern, wenn der Nachwuchs durch leichte Reizbarkeit und Aggression auffällt, und durch Sprüche, die wenig altersgemäß sind? Doch es scheint, als sei das normaler als ich bisher dachte. Und einer aus dieser Generation wird einmal Bundeskanzler. Willkommen im Bildungszeitalter.

Samstag, 8. August 2015

diskutabel gepunktet

Ich weiß ganz genau, dass die Bewertung von Fähigkeiten und Leistungen, zum Beispiel mittels irgendwelcher „Punkte“ oder Schulnoten, völliger Unsinn ist. Natürlich wird das in aller Selbstverständlichkeit praktiziert. Trotzdem ist es Unsinn. Doch ich habe keine andere Wahl, als mich von der Praxis eines Besseren belehren zu lassen. Zumindest in der Frage, wie die Praxis das Denken beeinflusst. Denn daran kommt man nicht vorbei.

Vor circa einem Jahr wurde unser Junge alterskonform in die F-Jugend seines Fußballvereins hochgestuft. Ab dieser Jugend wird dann auch eine kleine Liga mit fünf/sechs regionalen Mannschaften betrieben. Doch die Resultate sämtlicher Spiele werden grundsätzlich „o.E.“ bewertet: „ohne Ergebnis“. Es ist also nicht möglich, einen Tabellenstand auszurechen, weder nach den einzelnen Spieltagen, noch am Ende.

Angeblich ist das Absicht. Die Jungs sollen eben immer noch den Spaß am Spiel im Vordergrund sehen, nicht den Wettkampfgedanken von Sieg oder Niederlage. Erfahrungsgemäß jedoch ist das blankes Theoriegeschwafel und offenbart ein eklatantes pädagogisches Unwissen. Gewonnen oder verloren werden die Spiele nämlich trotzdem, mitsamt der dazugehörigen Siegesfreude oder Frustration. Und gerade auch den Umgang mit Niederlagen darf man als Teil der Bildung betrachten, als Teil der Persönlichkeitsentwicklung.

Erstaunlicherweise sehen die Kinder das von sich aus ähnlich. Erstens sind Kinder nicht dumm, können die Tore zählen und wissen schließlich den Endstand, und zweitens wollen sie das auch genau so haben. Was das betrifft ist es völlig belanglos, dass die Ergebnisse offiziell ständig „o.E.“ lauten. Diese Praxis bewirkt allenfalls das Gegenteil, wenn sich die Kinder nicht ernstgenommen fühlen, als wären ihre Spiele nur ein bisschen Herumgekicke und hätten keine wirkliche Relevanz.

Erschwerend hinzu kommt noch, dass in dieser Altersgruppe neuerdings – jedenfalls offiziell – ohne Schiedsrichter gespielt werden soll. Die Kinder sollen jede strittige Situation unter sich ausmachen, ob ein Foul ein Foul war, ob der Ball tatsächlich in vollem Umfang die Linie überquert hat, und so weiter. Da diskutieren die Eltern am Spielfeldrand heftiger untereinander als die Kinder. Auf dem Spielfeld nämlich entscheidet der Bursche, der einen Kopf größer ist und drei Kilo mehr auf den Rippen hat als die anderen, ganz ohne Diskussion, mit dem Recht des Stärkeren.

Das Ganze hat eine interessante Parallele zur Schule. Aus beruflichen Gründen weiß ich, dass die Bewertung und Beurteilung menschlicher Leistungen durch so etwas wie „Punkte“ oder auch Schulnoten groben Unfug darstellt, weil das schlicht und einfach unmöglich ist. Außer natürlich, man glaubt ganz fest daran und macht es möglich, indem man es erzwingt. Doch dieses Fachwissen hin oder her: In der alltäglichen Praxis verhält es sich ein wenig anders. Nämlich ungefähr so, wie beim Fußball.

Kinder, die man erst einmal mit der Notenvergabe in Berührung gebracht hat, finden das mehrheitlich ziemlich toll. Der Vergleich gegenüber anderen ist dabei zwar auch ganz nett, doch hauptsächlich geht es Kindern um deren eigene Noten. Sie wollen beurteilt haben, was sie können. Und das ist eben, was durch Schulnoten versprochen wird.

In der dritten Schulklasse jedoch wird jetzt (jedenfalls in Bayern) auf das sonst übliche Zwischenzeugnis im Januar verzichtet. Statt dessen soll es lediglich ein „Lernentwicklungsgespräch“ mit der Klassenlehrerin geben, das gleichzeitig den Elternsprechtag ersetzt. Man fragt sich fast, ob hinter dieser Idee derselbe Kopf steckt, der sich den Unsinn für die Fußballjugend ausgedacht hat.

Montag, 3. August 2015

strukturell gewandelt

Gegen so genannte „wirtschaftliche Interessen“ ist nur wenig auszurichten. Wenn es darum geht, dass irgendwo viel Geld (oder: noch mehr Geld) zu machen ist, wird alles andere zweitrangig. Das ist es wahrscheinlich, warum Deutschland ein so wahnsinnig reiches Land mit wahnsinnig wohlhabenden Bürgern ist, ...die jedoch manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden müssen.

Kürzlich wurde – ganz nebenbei – über die Nachrichten im Radio mitgeteilt, dass der „Allgäu Airport“ in Memmingen endlich ausgebaut werden darf. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat das jetzt entschieden. Wie üblich, stand dem Ganzen der notorische Protest uneinsichtiger Anwohner und dem Bund Naturschutz (BN) entgegen. Die einen sorgten sich um ihre Gesundheit wegen des Fluglärms, die anderen argumentierten wie immer mit Klimaschutz und Artenerhaltung. Beides richterlich als unbegründet verworfen und abgeschmettert. Wie üblich.

Und auch Deutschlands zweitgrößter Flughafen, nämlich der in München, darf jetzt endlich noch größer werden. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat nach etlichen Jahren nun auch die letzten Beschwerden gegen die Revision im Verfahren um die dritte Start- und Landebahn zurückgewiesen. Ein für allemal. Jetzt dürfen die Bagger anrücken. Auch hier sind sämtliche Bedenken und Einwände natürlich unbegründet. Ausschließlich begründet ist, wie immer, das wirtschaftliche Interesse, das offenbar über allem schwebt.

Das erinnert mich unweigerlich an meine Heimatstadt Duisburg und ihre enormen Probleme mit dem Strukturwandel, viel mehr noch mit den krampfhaften Versuchen eines Imagewandels: weg vom Image der grauen „Stadt Montan“, von Bergwerken, Stahlwerken und von Szenarien aus Schimanski-Tatorten, irgendwohin, wo Duisburg endlich als moderne, attraktive Großstadt wahrgenommen wird. Attraktiv vor allem natürlich für Investoren, irgendwann in der Folge dann auch für die Bürger. Auf dem Papier jedenfalls wäre das folgerichtig, es muss nur gut geplant sein.

Da versuchte man etwa, die Stadt Bochum mit ihrem Touristenmagneten „Starlight Express“ zu kopieren, stampfte für „Les Misérables“ ein eigenes Musicaltheater aus dem Boden, und vollführte damit eine recht peinliche Pleite. Für das Jahr 2010 holte man die „Love Parade“ mit stolzgeschwellter Brust nach Duisburg und muss jetzt noch froh sein, wenn nach der tragischen Katastrophe die Stadt anderswo im Land trotzdem noch eher mit Schimanski in Verbindung gebracht wird. Und dann hat man mitten in der City ein Spielcasino eröffnet. In einer Stadt notorisch am Rande der Pleite, mit einer Arbeitslosenquote von 13,2%, doppelt so hoch wie auf Bundesebene: Ein Spielcasino. Natürlich.

Ideen vom Feinsten für den Strukturwandel. Im gedanklichen Hamsterrad für die wirtschaftlichen Interessen, die irgendwann eventuell und möglicherweise vielleicht auch einmal den Bürgern zugute kommen würden sollen könnten. Vielleicht sollte man in Duisburg den Bau eines Flughafens ins Auge fassen. Das hat sogar in Memmingen funktioniert und kann problemlos durch alle Instanzen durchgeboxt werden. Der darf dann allerdings keinesfalls Horst-Schimanski-Airport heißen.

Freitag, 10. Juli 2015

reichlich verwässert

Man kann sich fast schon täglich fragen, auf welchem Stand die heutige Schulbildung eigentlich stattfindet. Kein Wunder, wenn Schulbücher und Arbeitsblätter rein aus Kostengründen über etliche Jahre hinweg durch die Klassen geschleift werden, auch wenn sich der Wissensstand der Menschheit längst darüber hinweg entwickelt hat. Eine „Bildungsoffensive“ als grob fahrlässige Fehlbildung wehrloser Kinder.

Da kam unser grundbeschulter Junge mit der Botschaft nach Hause, es gäbe im Heimat- und Sachkundeunterricht endlich ein neues Thema: Wasser. Also H2O ganz im Allgemeinen, in der Natur, in Flüssen, Seen, Meeren und in Wolkenform, Wasser aus der Leitung, abgefüllt in Flaschen, eingefüllt in Zahnputzbecher und Badewannen. Wasser, das Lebenselixier schlechthin. Nun gut: Neben Licht und Sauerstoff, versteht sich. Naja, und auch neben Wind und Wetter, neben Gravitation, Erdrotation, Neigungswinkel der Erdachse, Photosynthese und dem Gesamtökosystem.

Einen groben Umriss über Erscheinungsformen und Anwendungsbereiche des Wassers liefert dann sogar ein extra Arbeitsblatt, das den Zweitklässlern ausgehändigt wurde. Die Betonung muss hierbei auf „grob“ liegen. Das Ganze mutet ähnlich an, als würde man die Griechenlandkrise darauf reduzieren, dass es dabei um ganz viel Geld im Allgemeinen und den Euro im Speziellen gehe. Wie man mit solch einem Arbeitsblatt tatsächlich arbeiten kann, muss man dahingestellt sein lassen und auf die Kompetenz der Lehrkraft vertrauen.

Schließlich steht da wortwörtlich, man soll unbedingt Wasser sparen. Das ist, was unseren Kindern beigebracht wird. Natürlich: Auf unserem Planeten ist trinkbares Süßwasser nur begrenzt vorhanden. Und in Afrika gibt es nur ganz, ganz wenig davon. Dort müssen die Menschen Kilometer weit zum Brunnen laufen, und natürlich auch wieder zurück, für ein paar Liter Wasser, das hier bei uns einfach aus der Leitung kommt und sogar zur Klospülung verwendet wird. Man sollte deshalb also sparsam mit dem kostbaren Gut umgehen.

Grober Unfug, gelehrt auf der Grundschule, wahrscheinlich sogar planmäßig, nämlich per Lehrplan, überrollt von einer Bildungsoffensive. Tatsächlich nämlich ist dieser Fimmel des Wassersparens zum ernsthaften Problem geworden. Abwasserkanäle werden nicht mehr ausreichend durchspült, weshalb sich übelriechende Rückstände und Gase in der Kanalisation bilden, die den Beton der Rohre zersetzen. Städte und Gemeinden geben Unsummen dafür aus, die Kanäle mit Tausenden Litern Wasser aus Hydranten zu fluten. Das kostet. Und das erhöht erstens die Wasserpreise und macht zweitens das Wassersparen zur Farce.

Und das noch ganz abgesehen davon, dass der Wassergeiz den Grundwasserspiegel steigen lässt. In Berlin zum Beispiel in den letzten 25 Jahren um einen ganzen Meter. Das wiederum bedroht die Fundamente etlicher Gebäude, unter anderen des Roten Rathauses und des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Die Behebung dieses Problems schätzt man auf 100 Millionen Euro in den nächsten 50 Jahren. Und zwar: …weil Wasser gespart wird.

In voller Ignoranz dieses besseren Wissens wurde unser Sohn nun also amtlich schulisch belehrt, dass Wassersparen unheimlich wichtig sei. So muss man als Eltern gegen die Autorität einer Lehrkraft ankämpfen, was bei Kindern im Grundschulalter ziemlich schwierig ist. Man könnte sich natürlich auch direkt an die Lehrkraft wenden, mit der dringlichen Bitte, den Unsinn mindestens zu relativieren und den Kindern auch die Nachteile des Wassersparens zu erklären. Unter anderem. Denn es gibt eine ganze Menge solchen Unfugs, der den Schulkindern gelehrt wird.

Allerdings gilt man dann schnell als so genannte „Helikopter“- bzw. „Hubschrauber-Eltern“, die sich besserwisserisch in die pädagogischen Angelegenheiten der Schule einmischen. Alternativ erklärt man den Kindern das bessere Wissen höchstpersönlich selbst, idealerweise im Rahmen der Hausaufgaben. Das Dumme daran ist, dass bei der nächsten Lernzielkontrolle nur das alte, falsche Wissen die volle Punktzahl bringt. Ein Kind, das das richtigere Wissen hat, bekommt Punktabzüge und eine schlechtere Note. Willkommen in der Bildungsrepublik!

Montag, 6. Juli 2015

erlebnisreich gezwungen

Im Zuge der unaufhaltsamen Digitalisierung unserer Welt sind natürlich auch die Kinder davon mitbetroffen. Laut irgendeiner Studie sollen angeblich rund zwanzig Prozent der Dreijährigen(!) bereits regelmäßig im Internet surfen. Es gibt Eltern, die das gut finden und fördern. Andere finden das erschreckend. Und die Wahrheit liegt wahrscheinlich und wie immer irgendwo dazwischen.

Es ist gerade ein paar Monate her, da wurde in Expertenkreisen heftig diskutiert, ob und wenn wie oft und wie lange Kinder sich mit Computer und Internet beschäftigen sollten, und ob dabei die analogen Erfahrungen nicht zu kurz kämen. Analoge Erfahrungen... der Versuch, einen Begriff zu etablieren, der das Gegenteil von digitalen Anwendungen darstellen soll. Dieser Versuch ist nicht ganz gelungen.

Analoge Erfahrungen soll quasi heißen: „in echt“, irgendwas machen, und zwar selbst! Basteln, musizieren, noch besser: draußen in der freien Natur, auf dem Spielplatz oder Bolzplatz, noch besser: irgendwas im Wald, Geräusche und Gerüche aufnehmen, das wäre alles „analog“. Also im Gegensatz zum nur passiven Konsum digitaler Medien, Computerspiele, YouTube, Facebook und das ganze. So soll das begrifflich zumindest gemeint sein.

Einerseits befinden sich Eltern damit ständig im Erlebniszwang. An vergleichsweise freien Nachmittagen, die ausnahmsweise nicht vollgepackt sind mit Hausaufgaben. Erst recht an Feiertagen und Wochenenden muss etwas unternommen werden, ob man will oder nicht, bei jedem Wetter. Notfalls müssen sich alle Beteiligten eben dazu zwingen.

Wie steht das Kind denn sonst schließlich da, wenn die Lehrerin in der Morgenrunde fragt: „Und was habt ihr am Wochenende gemacht?“. Wehe, wenn es da nichts Besonderes zu erzählen gibt. Da rümpfen nicht nur die Mitschüler die Nase, das notiert sich auch die Lehrerin gleich in ihr Notizbuch. Das wird jedenfalls von Eltern gemeint.

Erlebniszwang erst recht auf Geburtstagspartys: Den eingeladenen Kindern noch ein Aha-Erlebnis zu bieten ist jedoch eine echte Herausforderung. Man muss fast schon eine Hüpfburg aufbauen, am besten eine ganze Kirmes, damit die Party nicht zum müden 08/15-Ereignis wird. Und prompt sind die nächsten Eltern gefordert, das noch irgendwie zu übertreffen.

Andererseits beinhalten analoge Erfahrungen natürlich auch ein immenses Gefahrenpotenzial. Man stelle sich vor, womit sich Kinder so alles infizieren können, wenn sie draußen spielen, mit den Fingern im Dreck und in Pfützen. Nicht auszudenken, Kinder würden noch auf Bäume klettern, wie früher. Schließlich könnten sie herunterfallen und sich weh tun. Wie früher. Schlimmer noch, sie spielen irgendwo Fußball, wo Fensterscheiben zu Bruch gehen können, oder machen Klingel- oder sonstige Lausbubenstreiche. Dafür werden die Eltern heute gleich verklagt. Dann sollen die Kleinen doch lieber in ihrem Zimmer bleiben, wo nicht viel passieren kann.

Das Ergebnis ist, dass heute angeblich 70% der Kinder zwischen 8 und 12 Jahren höchstens ein Mal pro Woche draußen spielen. Um die 20% haben noch nie einen Bauernhof besichtigt und weitere 20% sind noch nie auf einen Baum geklettert. Es können mehr Kinder auf einem Bild einen Roboter erkennen als eine Eule, und können Tastenfunktionen von Apparaten besser zuordnen die Blätter von Bäumen.

Die Frage ist, wie vieles davon bedauert und beklagt, und was von wem und warum dafür getan und gelassen wird. Rund die Hälfte der Eltern ist der Ansicht, dass Kinder unter 14 Jahren ohnehin nicht unbeaufsichtigt draußen spielen sollten. Der Radius um das eigene Zuhause, in dem Kinder spielen, ist seit den 1970er Jahren um 90% geschrumpft.

Alles rein sicherheitshalber, versteht sich, aus Angst und Sorge. Wehe, das Kind gerät außer Sichtweite. Da kann es doch besser in seinem Zimmer an seinem Computer prima lernen, mit Lernspielen, in Lernportalen, undsoweiter. Das ist schließlich alles von Pädagogen empfohlen und vom TÜV gesiegelt. Und außerdem ist dabei der Lernerfolg viel leichter überprüfbar als bei analogen, „echten“ Erfahrungen.

Montag, 29. Juni 2015

zweifach gebildschirmt

Es gibt Begriffe, die werden höchst unauffällig in unseren Sprachgebrauch eingeschleust und verwendet, als wären sie schon immer da gewesen. Mit anderen Begriffen wird das zumindest versucht. Manche davon sollen irgend etwas wahnsinnig Neues bezeichnen, das meist nur ein mittelalter Hut ist. Der Begriff „Second Screening“ gehört neuerdings auch mit dazu. 

Die Elektropopgruppe „Kraftwerk“ hat seit den 1970er Jahren einen immensen Einfluss auf die moderne Musik weltweit. Im Gegensatz zu weniger bedeutsamen Musikern verfolgt „Kraftwerk“ ein ganz bestimmtes Leitmotiv: „Die Menschmaschine“. Die Abhängigkeit des Menschen von Maschinen aller Art, die er selbst erschaffen hat, die Roboterisierung und Computerisierung unseres Lebens.

Während ihres Konzertes in der Londoner Tate Modern im Jahr 2013 machten sich zahlreiche Besucher eher unbewusst zum Teil der Performance, indem sie mit ihren Smartphones am ausgestreckten Arm Fotos und Videos von den Künstlern machten. Den Blick also nicht auf die Bühne gerichtet, sondern auf den Bildschirm eines elektronischen Apparates. Das Erleben des Konzertes vorgefiltert durch eine digitale Linse. Man fragt sich, warum die Besucher eigentlich überhaupt persönlich anwesend sein wollten.

Mir kam das in Erinnerung, weil gerade die Queen für ein paar Tage in Deutschland war. Genauer gesagt: Es war die Berichterstattung über den Besuch von Königin Elisabeth II. in Frankfurt am Main, Hunderte von Schaulustigen säumten den Roten Teppich vor dem Römer und warteten in der Mittagshitze satte drei Stunden lang auf das Vorbeischreiten der Queen, um zu winken, zu rufen und zu jubeln. Doch ein Mann in dieser Menge drehte sich genau in diesem Moment um.

Nach drei Stunden Warterei kehrte er der Königin den Rücken zu, gerade als sie auf seiner Höhe war. Nur so war es ihm schließlich möglich, ein „Selfie“ zu machen: Das eigene Gesicht im Bild – und hinter ihm die Queen. Toll. Das sagt einiges darüber aus, was man heute so wichtig nimmt. Vor allem sich selbst und zwar im Vordergrund. Da muss sogar die englische Königin digital im Hintergrund bleiben.

Früher sagte man bei solchen Gelegenheiten: „Ich war dabei! Ich habe das mit eigenen Augen gesehen!“. Das kann man heute nicht mehr und ist auch nicht so wichtig. Man hat statt dessen ein „Selfie“ gemacht, auf einem Chip gespeichert und auf seine Facebook-Seite gesetzt. Es sieht dann immerhin so aus, als sei man wohl dabei gewesen. Und vielleicht erinnert man sich noch ganz genau, wie man sich im entscheidenden Moment umgedreht und nichts gesehen hat.

Da kursiert seit relativ Kurzem der Begriff „Second Screening“. Doch das meint noch nicht einmal eine solche Second-Hand-Wahrnehmung der persönlichen Umgebung über einen digitalen Bildschirm. Sondern man will das visuelle Multitasking bezeichnet haben, das gleichzeitig-abwechselnde Begucken von mindestens zwei, mitunter sogar mehreren Displays.

Die eigene sinnliche Wahrnehmung ist in diesem Begriff also gar nicht erst enthalten. Vielleicht ist das auch besser so. Vielleicht wäre sie gerade einmal der „Fourth“ oder „Fifth Screen“. In jedem Fall: mit nachgeordneter Priorität. Am wichtigsten ist, was gerade auf einem Bildschirm zu sehen ist. Das passt dann auch perfekt zum „Selfie“ mit der Queen: „Wenn ich hingesehen hätte, hätte ich sie sehen können, vielleicht wäre es sogar zum Augenkontakt und zu einem kleinen Smalltalk gekommen. Aber dann hätte ich ja jetzt kein Selfie“. Man muss eben Prioritäten setzen.

Freitag, 19. Juni 2015

sprachlich verstolpert

Wie meinte Wittgenstein: Die Sprache ist in der Lage, den Verstand zu verhexen. Doch so weit muss man gar nicht gehen. Manchmal weiß man wirklich nicht mehr, ob man über sprachliche Stolperer amüsiert schmunzeln oder sich über das Verdummungspotenzial aufregen soll. Und außer diesem Entweder-Oder gibt es da natürlich noch die fließenden Grenzen.

Ein einmaliger sprachlich verrutschter Ausrutscher gelang kürzlich dem ARD-Korrespondenten in Brüssel, Rolf-Dieter Krause, als er zur andauernden Griechenland-Problematik meinte: „Doch geschehen ist seit dem nichts. Im Gegenteil“. Das Gegenteil von Nichts. Das ist so grandios, so etwas kann nur aus dem Moment heraus passieren. Das könnte nicht einmal Dieter Bohlen absichtlich texten.

Apropos andauernd und Musik: Ein seltsamer Dauerbrenner im Radio ist das Lied „New York, Rio, Rosenheim“.von der Combo „Sportfreunde Stiller“, in dem es beispielhaft verkorkst heißt: „Die Welt ist groß genug - wir sind nicht allein“. Welch Glück, dass Lyrik nicht unbedingt erklärt werden muss. Doch für vertonten Tiefgang sind ohnehin andere zuständig.

Von grober Seltsamkeit ist auch der Refrain eines neuen Liedes von Sarah Connor aus Oldenburg in Oldenburg, von der ich früher dachte, sie würde die weibliche Hauptrolle in den „Terminator“-Streifen spielen: „In all Deinen Faaabn, mit all Deinen Naaabn“ trällert sie da. Das Weglassen des „r“ (Farben/Narben) ist mindestens fragwürdig. Nicht zuletzt, wenn das von einer Sängerin stammt, die auch die deutsche Nationalhymne in „Brüh im Glanze…“ umtextete.

Wie Sprache nach Wittgenstein den Verstand verhexen kann, veranschaulicht auch die Dokumentationsreihe eines Nachrichtenkanals auf dramatische Weise mit dem dramatischen Titel „Klima extrem – Wetter außer Kontrolle“. Dramatische Belege des globalen Klimawandels, der natürlich am Wetter zu erkennen ist. Für den Fastfood-TV-Konsum setzt man Klima und Wetter kurzerhand gleich. Und Letzteres ist demnach inzwischen sogar „außer Kontrolle“. Wohl im Gegensatz zu früheren Zeiten vor dem Klimawandel.

Bei dieser Thematik gehört unbedingt noch die Wetterfee des Ersten Deutschen Fernsehens, Claudia Kleinert, erwähnt: In einer kürzlichen Wetterprognose für Nordrhein-Westfalen kündigte sie „lokale Gewitter“ an, deren Entladungen sich jedoch örtlich nicht exact vorhersagen ließen: „Es hängt davon ab, wo Sie sind“. Das Wetter hängt davon ab, wo man ist. Wer hätte das gedacht.

Im Grunde könnte man jede Wettervorhersage auf diesen einen Satz beschränken. Tut man aber nicht. Im Gegenteil. Wenn man sich nachts „Die Tagesschau vor 25 Jahren“ ansieht, fragt man sich, wie man damals bloß mit dermaßen wenig Wetter ausgekommen ist. Oder: Warum man sich heute der Wetterlage dermaßen ausführlich widmet. Vielleicht, weil man aus dem Wetterbericht und der Wettervorhersage inzwischen sprachlich eine -Prognose gemacht hat. Unter anderem. Siehe auch hier: "Das Geschäft mit dem Wetter" (NDR)


Mittwoch, 3. Juni 2015

entlarvend geblattert

Na, endlich. Da hat der Blatter Sepp nun doch den Rücktritt vollzogen. Das ganze Trara um den Weltfußballverband („FIFA“) war gleich an zwei Abenden die Topmeldung der „Tagesschau“. Entweder regiert der Fußball tatsächlich heimlich die Welt, oder an diesen zwei Tagen ist weltweit ansonsten nichts wichtigeres passiert. Alles eine Frage der subjektiven Relativität.

Bei Helmut Kohl waren es seinerzeit sechzehn Jahre, bis man ihn nicht mehr sehen konnte. Jedenfalls nicht als Bundeskanzler. „Sechzehn Jahre sind genug“ war damals der erfolgreiche Slogan der Opposition. Joseph Blatter saß ein Jahr länger im Chefsessel der FIFA. Man konnte und wollte ihn einfach nicht mehr sehen. Doch weil das als Argument selten ausreicht, hat man sich welche gesucht: Intrigen, Korruption, Skandale. Der Fußball als sprichwörtliche Nebensache.

Sogar das öffentlich-rechtliche ZDF ließ sich dazu hinreißen, die USA in dem ganzen Theater als selbsternannte Weltpolizei darzustellen. Schließlich forderte sogar die US-Jusitzministerin Loretta Lynch den Rücktritt von Blatter. Doch erst als das FBI die mediale Bühne betrat, mitsamt Hausdurchsuchungen, sogar in der FIFA-Zentrale, da war es dann soweit.

Und der Laie wundert sich: Was haben eigentlich die USA und das FBI mit der Schweizer FIFA und deren Vereinsvorsitzenden zu tun? Wie zu erfahren war, reicht es allein schon, dass vermutete Korruptionsgelder vermutlich in US-Dollar gezahlt wurden, damit sich die USA als legitimiert betrachten, um global aktiv zu werden, wo auch immer, gegen wen auch immer. Doch das ist nicht einmal der Knackpunkt an der Sache.

Der Knackpunkt liegt irgendwo rund um die Frage: Was macht eigentich Edward Snowden? Wenn das US-amerikanische FBI beispielsweise E-Mail-Korrespondenz und Kontoauszüge als Beweismittel anführt… hat auch da wieder die NSA herumspioniert oder hat das FBI einen Spitzel in die FIFA eingeschleust, getarnt als Platzwart, oder – kurz gefragt – warum fragt hier eigentlich keiner nach dem Datenschutz?

Das scheint gerade schnurz zu sein, wenn der Blatter Sepp einfach nicht anders aus seinem Sessel zu vertreiben war. Aber wenn es um uns selbst geht, verstehen wir keinen Spaß mit dem Datenschutz. Auf Schritt und Tritt verfolgt, nicht nur von „Google“, „Facebook“ & Co., auch durch Kredit- und Payback-Karten, über das Smartphone und das Kfz-Navigationssystem, und so weiter.

Und jetzt diskutiert man schon wieder über die Vorratsdatenspeicherung, mit der jedes Telefonat jedes Bürgers gespeichert wird, mit welcher Rufnummer telefoniert, wie lange, von welchem Aufenthaltsort aus, nicht nur auf Verdacht, sondern ganz ohne und grundsätzlich, auf Vorrat eben, nur rein sicherheitshalber. Der eine oder andere Handtaschenräuber konnte dadurch schon gefasst werden, heißt es.

Doch auch diese Sorgen und Ängste haben mindestens zwei Seiten. Kein Mensch hat auch nur das geringste Problem damit, seinen überflüssigen Verpackungsmüll in einem „Gelben Sack“ vor der eigenen Haustüre abzustellen – obwohl dieser Beutel so durchsichtig ist, dass der Inhalt mindestens die Anzahl und das Alter der Familienmitglieder mitsamt deren Ernährungs- und Lebensgewohnheiten verrät, öffentlich am Straßenrand einsehbar. Womöglich ist man so auch Sepp Blatter auf die Schliche gekommen.

Dienstag, 26. Mai 2015

gedenglischt verkürzt

Dass Kinder heute immer früher gezwungen werden, irgendetwas Bestimmtes zu lernen, kann man kritisieren. Wenn etwa zunehmend von „gestohlener Kindheit“ gesprochen wird, und ein Kinderarzt ein Buch mit dem Titel „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ veröffentlicht. Doch dass heute bereits in der Grundschule Englisch gelehrt wird, scheint fast schon überlebenswichtig zu sein.

Natürlich hatte auch ich zum Pflichttermin die Übertragung des Eurovision Songcontest eingeschaltet, der früher einmal Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß. Der französische Titel wurde wahrscheinlich irgendwann zu kompliziert. In einer Zeit, in der elektronisch versendete Nachrichten, per SMS (wie altmodisch) oder (viel hipper) per „Twitter“ und „WhatsApp“ nur aus ein paar Wörtern bestehen dürfen, und deshalb auch noch alles mögliche wild abgekürzt wird. Man muss schon mit der Zeit gehen. In meinem Alter hat man mitunter den Eindruck, man wird hinterrücks von ihr überholt.

Ganz zeitgemäß folgt man so dem Beispiel „Die Abk. für Abk. lautet Abk.“. Da wäre ein GPEDLC doch kaum zumutbar. Also versetzen wir das ins viel zeitgemäßere Englisch, machen einen zeitgemäß kurzen, knackigen Titel daraus, der sich ebenso zeitgemäß praktisch abkürzen lässt: „ESC“. Wenn man die Gesamtveranstaltung schon dermaßen aufgeblasen hat, muss auch das Gerede und Getippe erleichtert und beschleunigt und der Aufwand dafür auf ein Minimum reduziert werden. Wir haben schließlich alle nur eine begrenzte Lebenszeit.

Immerhin lässt man die Veranstaltung weiterhin (noch) von Peter Urban kommentieren, der mit seinen teils angenehm ironischen und süffisanten Anmerkungen für meine Generation mindestens genauso dazu gehört, wie die Punktevergabe. Ein letztes mediales Relikt alter Zeiten.

Daher befürchte ich auch, dass den Verantwortlichen der Spagat zwischen Urzeit und Neuzeit irgendwann zu groß werden wird. Es wirkt schon etwas seltsam, wenn der inzwischen 67-jährige Kommentator einen Interpreten als „Gämer“ vorstellt, der nebenbei auch „Ständ-Ab-Sörfen“ würde, was immer das ist, und darauf hinweist, dass der Zuschauer sich natürlich auch für das „Smahtfon“ eine „Äpp daunloden“ kann, um für seinen Favoriten zu „woten“, und den sendungsbegleitenden „Häschtäg“ nennt, sicher ist sicher.

Doch auch sonst wird an allen Ecken und Enden fleißig „gebassert“ und werden Antworten in Quiz-Shows „eingelockt“. Und das sogar in Veranstaltungen, die explizit für Kinder ausgewiesen sind. Vielleicht sollten Lehrer ihren Unterricht damit zeitgemäß aufpeppen: „Soll ich deine Antwort einloggen?“.

Wie auch eine der unvermeidlichen Castingshows („The Voice Of Germany“) extra auch „for Kids“ gesendet wird. Nur, dass es hier auch noch so etwas wie „Bleint Odischens“ und „Kläsches“ und „Bättels“ gibt, und sich ständig irgendjemand „gefläscht“ fühlt. Man will gar nicht erst wissen, wie sich die „Tällents“ wohl „Bäckstädsch“ unterhalten. Und „gewotet“ wird natürlich auch hier.

Bei dem ganzen verdenglischten Sprachgeschwurbel heutzutage ist es ebenso wohltuend wie wundersam, dass man von „sozialen Netzwerken“ spricht. Nein, wirklich. Gut, dass die Kinder so früh wie möglich Englisch lernen. Das ist sicher weitaus praktischer und zumutbarer als das ganze Denglisch einzudeutschen.