Samstag, 6. Januar 2018

ruhelos verforscht

Na, das Jahr fängt ja gut an. Gleich am Anfang des Jahres, gleich Anfang Januar muss man in einem Nebensender des ZDF eine Dokumentation über den September miterleben: den 11. September 2001, World Trade Center; damals, Sie wissen schon. Das Ganze wegen etwas, das wir alle noch nicht wussten.

Unter anderem werden die neuesten Erkenntnisse eines Mr Frank Greening erklärt. Den Mann ließ eine Frage einfach keine Ruhe: Warum konnten die Türme so schnell einstürzen?“. Wie es hieß: „Greening setzt sich ein Ziel: Er will eine zweifelsfreie Erklärung finden, um die Verschwörungstheorien zu widerlegen. Also beginnt er, zu rechnen. Die mathematische Herangehensweise soll endgültige Antworten liefern“.

Das ist wieder typisch und weist wieder einmal nach, wie recht ich doch habe: Wir leben gedanklich im Mittelalter. Galileo Galilei; Isaac Newton und so weiter: Nur die Mathematik macht es möglich, „die Wahrheit“ herauszufinden.

Leider sind damit alle Nichtmathematiker inkompetent, sich über „die Wahrheit“ Gedanken zu machen. Wenn das jemand darf, dann ausschließlich Mathematiker bzw. Wissenschaftler, die an unserer Wahrheit herumrechnen. Und das muss man diesen Experten dann schließlich auch glauben.

Aber zurück zu Mr Greening, den der rasante Einsturz der Türme einfach keine Ruhe ließ: „Zuerst musste ich verstehen, warum die Türme so einfach einstürzen konnten, wie es aussah. Ich kniete mich in diese 9/11-Sache rein, ich wollte die Frage mit angewandter Physik klären. Also schrieb ich ein Computerprogramm, basierend auf der Impulsübertragung.“

Doch dann die überraschende Mitteilung: Der Mann ist Chemiker von Beruf. Ein Chemiker, der offenbar zufällig nicht nur auch Experte in angewandter Physik ist, sondern auch Computerprogramme schreiben kann, basierend auf Impulsübertragung – und beides natürlich fehlerfrei.

Hoffentlich hat ein Physiker das Gerechne einmal kurz überflogen und sich ein Informatiker das Computerprogramm genauer angesehen. Aber natürlich… darum geht es nicht. Viel wichtiger ist schließlich das Ergebnis: „die Wahrheit“. die Mr Greening entdeckt hat – versendet vom ZDF mit öffentlich-rechtlichem Bildungsauftrag.

Freitag, 15. Dezember 2017

unsinnig beschult

Der Biologe und Anthropologe Gregory Bateson meinte einmal: „Den Kindern wird in der Schule nach wie vor Unsinn beigebracht“. Das kann man wohl sagen. Doch während zahlreiche kluge Köpfe heftigst gegen das bestehende Schulsystem wettern, sollen die Kinder den aktuellen Unsinn möglichst gut lernen.

Das muss man sich einmal vorstellen: Kindern wird in der Schule planmäßig – nämlich: nach Lehrplan – Unsinn beigebracht. Aber wehe, ein Kind hat Probleme damit, diesen Unsinn zu lernen, und ist „schlecht in der Schule“. Da herrschen Frustration, Panik, Verzweiflung. Ist das nicht ziemlich paradox?

Unser Junge, inzwischen Fünftklässler, berichtete etwa kürzlich, im Fach „Natur und Technik“ gelernt zu haben, dass unser Körper Energie benötigt, und in diesem Zusammenhang entsprechen 4,1 Joule einer Kalorie. Und das soll so als Hausaufgabe gelernt werden. Aber: Warum? Und: Was soll das?

Ich fragte unseren Jungen, ob im Unterricht denn auch geklärt wurde, was „Energie“ eigentlich ist. Nein, wurde es nicht. Genauso wenig wie die Begriffe „Joule“ und „Kalorie“. Das einzige, was die Kinder wissen sollen, ist also: 4,1 Joule entsprechen einer Kalorie. Das ist Wissen für die Mülltonne. Und wer diesen Unsinn fehlerfrei reproduzieren kann, bekommt dafür eine 1. Bravo!

Heute geriet unser Junge fast in Panik, weil bei der „ab 14h00“ in der Aula der Schule stattfindenden Weihnachtsfeier um 13h58 „noch nicht viel los“ gewesen sei. Natürlich: „Ab 14h00“ heißt gefälligst ab Punkt 14h00. Ein etwaiges Warten von 5 Minuten stellt heute eine echte Herausforderung dar.

Doch so sind das Kinder und Teenager heute eben gewöhnt: Alles reagiert auf Knopfdruck und Fingertipp, und zwar sofort. Wenn die Heranwachsenden etwas Sinnvolles lernen sollten, dann ist es Geduld. Beispielsweise.

Freitag, 17. November 2017

undefiniert unterrichtet

Wenn Sie irgendetwas dachten, von dem Sie dachten, dass Sie es wüssten, könnten Sie eventuell ziemlich falsch gedacht haben. So einiges ist nämlich vor allem eine Definitionsfrage. Und da muss man sich schon einmal – wenn nicht eines besseren – mindestens eines anderen belehren lassen, um anschließend noch dümmer dazustehen als vorher.

Wir kennen das seit Jahrzehnten etwa von der Arbeitslosenstatistik. Wer nun genau in welchem Fall tatsächlich als „arbeitslos“ gilt oder nicht, hat längst nur noch in Ausnahmefällen damit zu tun, ob derjenige tatsächlich arbeitslos ist. Die Definition wurde über Jahrzehnte permanent immer wieder so weichgespült, dass inzwischen fast Vollbeschäftigung herrscht.

Dasselbe u.v.a. auch in der Kriminalitätsstatistik. Wie viele Straftäter in Deutschland ihr Unwesen treiben, wie viele Straftaten begangen werden, und wie hoch die Aufklärungsrate ist, hängt vor allem davon ab, wie man das jeweils überhaupt definiert. Wenn beispielsweise für eine Serie von 64 Wohnungseinbrüchen 1(!) Verdächtiger ermittelt wird, dann gilt hier nicht 1(!) Fall als aufgeklärt, sondern gleich 64(!) auf einen Schlag. Und das sogar in dem Fall, dass sich der Verdächtige am Ende als völlig unschuldig herausstellt.

Ganz aktuell findet so etwas jetzt gerade im Bildungsbereich statt. Und zwar in Nordrhein-Westfalen. Da hatte vor kurzem die FDP im Wahlkampf nichts Geringeres als „die beste Bildung der Welt“ für NRW versprochen. Also: nicht Deutschlands, nicht Europas, sondern „die beste Bildung der Welt“. Das war mal eine Ansage. Doch Sie ahnen es… auch das ist natürlich eine Definitionsfrage. Das fängt schon bei Detailfragen an…

So meinte kürzlich die neue NRW-Schul- und Bildungsministerin, Yvonne Gebauer, von der FDP, zum Problem des Lehrermangels und Unterrichtsausfalls: „Ja, wir müssen natürlich schauen: Was definieren wir unter Unterrichtsausfall? Also, ähm, ist es Unterrichtsausfall nur dann, wenn wir die Schülerinnen und Schüler tatsächlich sich selbst überlassen, wenn da fachfremd unterrichtet wird, ähm, oder dann nur, wenn entsprechend die Kinder nach Hause geschickt werden, all das, ähm, ist jetzt in der Bearbeitung, tatsächlich wie definieren wir den Unterrichtsausfall, um dann nachher auch gezielt und, ähm, konkret dagegen vorgehen zu können.

Tja. Da wird einem von der Politik demonstriert, wie dumm und naiv man selbst eigentlich ist. Da dachte man doch tatsächlich, ein Unterrichtsausfall ist, wenn Unterricht ausfällt. Und das dachte man einfach so. Seit Wilhelm von Humboldt und seinem „Königsberger Schulpan“, seit 1810. Doch Gott sei Dank hat die FDP das Problem endlich erkannt und ist laut Frau Gebauer nun „in Bearbeitung“.

Das lässt einiges erwarten. Schon in wenigen Monaten wird es in NRW kaum noch Unterrichtsausfälle geben. Schlicht und einfach: wegdefiniert. Das ist zumindest eines: zeitgemäß. Probleme müssen heute nicht mehr aufwändig gelöst werden, man kann sie einfach wegdefinieren.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

öffentlich gegängelt

Der mündige Bürger wird zuweilen – sprichwörtlich – behandelt wie ein kleines Schulkind, das man an der Hand über den Zebrastreifen geleiten müsste. Und das auch noch: öffentlich. Doch das natürlich mit den besten Absichten.

Da nutzt man in München stressmindernd und umweltfreundlich ein öffentliches Verkehrsmittel, einfach so, grob fahrlässig, ohne zu ahnen, wie man sich als ausgesprochen „lieber Fahrgast“ gefälligst korrekt zu verhalten hat.

Doch das: nicht lange. Denn bereits wenige Sekunden nach dem Einstieg erteiltt eine weibliche Stimme klare Anweisungen durch die Lautsprecher, freundlich, aber bestimmt an die Allgemeinheit gerichtet: „Liebe Fahrgäste. Bitte treten Sie von den Türen zurück und halten Sie die Lichtschranken frei“.

Eine typische Ingenieursleistung: Einfach einmal voraussetzend, dass jeder weiß, was eine Lichtschranke ist, wie sie funktioniert und wie man sie frei hält – aber gleichzeitig zu dumm, um sich sitzend oder stehend passiv befördern zu lassen.

Es kann schließlich nicht schaden, die „lieben Fahrgäste“ zurechtzuweisen, nicht wahr. Wenige Sekunden später etwa mit der Durchsage „Liebe Fahrgäste. Bitte nutzen Sie für Kinderwagen und Sperrgut die dafür vorgesehenen Stellplätze“.

Auch im Münchener Hauptbahnhof darf man sich über Lautsprecher zurechtweisen lassen, dass „aus Gründen der Sauberkeit und Rücksichtnahme“ Raucher bitte nur in den markierten Raucherzonen rauchen mögen – offenbar zu dumm, um die etlichen Hinweisschilder lesen zu können.

Der mündige Bürger wird damit zunehmend für potenziell unmündig erklärt. Ungefähr so, wie er als potenzieller Terrorist an jeder Ecke per Kameras zwangsbeobachtet wird. Sowohl das eine wie auch das andere wird von der Allgemeinheit bedenklich klag- und sorglos hingenommen.

Wir alle müssen offenbar rein sicherheitshalber beobachtet und sicherheitshalber zurechtgewiesen werden. Konsequenterweise sollte man dieser potenziell verbrecherischen und potenziell verdummten Allgemeinheit auch das Wahlrecht entziehen. Rein sicherheitshalber, versteht sich.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

tendenziell gespalten

„Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“. Eine rosa Liebhab-Welt voller Marshmallows wird uns alljährlich auf den Bildschirmen präsentiert, wenn der „Eurovision Song Contest“ stattfindet. Doch offenbar ist das nur reine Showkulisse.

Wie war das noch vor ein paar Jahren, als eine Reihe von Terroranschlägen die Welt erschütterte: „Je suis Paris“, „We are London“, „Wir sind Brüssel“ tönte es voller Empathie durch die sozialen Medien: „Wir stehen zusammen, wir fühlen mit“.

Mag sein. Aber doch lieber jeder für sich. Erst waren es die Briten, die sich aus der EU volksabstimmten, prompt wollte sich Schottland aus dem Vereinigten Königreich abmelden, und aktuell eskaliert der Streit in Spanien um Katalonien.

Außerdem will Korsika nicht mehr zu Frankreich gehören, Flamen und Wallonen wollen keine Belgier mehr sein, und sogar Grönland und Färöer mit gerade je 50.000 noch-Dänen wollen lieber eigene Briefmarken haben und eigene Fähnchen hissen.

Im Zeitalter zwanghafter Political Correctness muss man auch mit Ironie und Satire vorsichtig sein, aber nun doch mal bitte… die Lombardei!!! Grönland!!! Färöer!!! Was soll das? Und das, wo der französische Präsident Macron kürzlich noch „Europa neu gründen“ wollte.

Womöglich war und ist es genau das Problem, dass den Menschen eine Europäische Union mitsamt gemeinsamer Währung aufgezwungen wurde, und zwar aus rein wirtschaftlichen Gründen - ebenso, wie die Zwangsglobalisierung die Menschen zu einer glatten Gegenbewegung treibt.

Als ob die Menschheit, inklusive der Europäer, keine anderen Probleme hätte. Der Planet überhitzt, die Polkappen schmelzen weg, doch jeder will rechtzeitig zum Weltuntergang sein eigenes Fähnchen schwenken können.