Freitag, 17. November 2017

undefiniert unterrichtet

Wenn Sie irgendetwas dachten, von dem Sie dachten, dass Sie es wüssten, könnten Sie eventuell ziemlich falsch gedacht haben. So einiges ist nämlich vor allem eine Definitionsfrage. Und da muss man sich schon einmal – wenn nicht eines besseren – mindestens eines anderen belehren lassen, um anschließend noch dümmer dazustehen als vorher.

Wir kennen das seit Jahrzehnten etwa von der Arbeitslosenstatistik. Wer nun genau in welchem Fall tatsächlich als „arbeitslos“ gilt oder nicht, hat längst nur noch in Ausnahmefällen damit zu tun, ob derjenige arbeitslos ist. Die Definition wurde permanent so weichgespült, dass inzwischen fast Vollbeschäftigung herrscht.

Dasselbe u.v.a. auch in der Kriminalitätsstatistik. Wie viele Straftäter in Deutschland ihr Unwesen treiben und wie viele Straftaten begangen werden, hängt vor allem davon ab, wie man das jeweils überhaupt definiert. So lässt sich äußerst flexibel zählen, ganz nach Wunsch, wie man es am besten gebrauchen kann.

Ganz aktuell findet das jetzt gerade im Bildungsbereich statt. Und zwar in Nordrhein-Westfalen. Da hatte vor kurzem die FDP im Wahlkampf nichts Geringeres als „die beste Bildung der Welt“ für NRW versprochen. Also: nicht Deutschlands, nicht Europas, sondern „die beste Bildung der Welt“. Das war mal eine Ansage. Doch Sie ahnen es… auch das ist natürlich eine Definitionsfrage. Das fängt schon bei Detailfragen an…

So meinte kürzlich die neue NRW-Schul- und Bildungsministerin, Yvonne Gebauer, von der FDP, zum Problem des Lehrermangels und Unterrichtsausfalls: „Ja, wir müssen natürlich schauen: Was definieren wir unter Unterrichtsausfall? Also, ähm, ist es Unterrichtsausfall nur dann, wenn wir die Schülerinnen und Schüler tatsächlich sich selbst überlassen, wenn da fachfremd unterrichtet wird, ähm, oder dann nur, wenn entsprechend die Kinder nach Hause geschickt werden, all das, ähm, ist jetzt in der Bearbeitung, tatsächlich wie definieren wir den Unterrichtsausfall, um dann nachher auch gezielt und, ähm, konkret dagegen vorgehen zu können.

Tja. Da wird einem von der Politik demonstriert, wie dumm und naiv man selbst eigentlich ist. Da dachte man doch tatsächlich, ein Unterrichtsausfall ist, wenn Unterricht ausfällt. Und das dachte man einfach so – seit Wilhelm von Humboldt und seinem „Königsberger Schulpan“, seit 1810. Doch Gott sei Dank hat die FDP das Problem endlich erkannt und ist laut Frau Gebauer nun „in Bearbeitung“.

Das lässt einiges erwarten. Schon in wenigen Monaten wird es in NRW kaum noch Unterrichtsausfälle geben. Schlicht und einfach: wegdefiniert. Das ist zumindest eines: zeitgemäß. Probleme müssen heute nicht mehr aufwändig gelöst werden, man kann sie einfach wegdefinieren.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

öffentlich gegängelt

Der mündige Bürger wird zuweilen – sprichwörtlich – behandelt wie ein kleines Schulkind, das man an der Hand über den Zebrastreifen geleiten müsste. Und das auch noch: öffentlich. Doch das natürlich mit den besten Absichten.

Da nutzt man in München stressmindernd und umweltfreundlich ein öffentliches Verkehrsmittel, einfach so, grob fahrlässig, ohne zu ahnen, wie man sich als ausgesprochen „lieber Fahrgast“ gefälligst korrekt zu verhalten hat.

Doch das: nicht lange. Denn bereits wenige Sekunden nach dem Einstieg erteiltt eine weibliche Stimme klare Anweisungen durch die Lautsprecher, freundlich, aber bestimmt an die Allgemeinheit gerichtet: „Liebe Fahrgäste. Bitte treten Sie von den Türen zurück und halten Sie die Lichtschranken frei“.

Eine typische Ingenieursleistung: Einfach einmal voraussetzend, dass jeder weiß, was eine Lichtschranke ist, wie sie funktioniert und wie man sie frei hält – aber gleichzeitig zu dumm, um sich sitzend oder stehend passiv befördern zu lassen.

Es kann schließlich nicht schaden, die „lieben Fahrgäste“ zurechtzuweisen, nicht wahr. Wenige Sekunden später etwa mit der Durchsage „Liebe Fahrgäste. Bitte nutzen Sie für Kinderwagen und Sperrgut die dafür vorgesehenen Stellplätze“.

Auch im Münchener Hauptbahnhof darf man sich über Lautsprecher zurechtweisen lassen, dass „aus Gründen der Sauberkeit und Rücksichtnahme“ Raucher bitte nur in den markierten Raucherzonen rauchen mögen – offenbar zu dumm, um die etlichen Hinweisschilder lesen zu können.

Der mündige Bürger wird damit zunehmend für potenziell unmündig erklärt. Ungefähr so, wie er als potenzieller Terrorist an jeder Ecke per Kameras zwangsbeobachtet wird. Sowohl das eine wie auch das andere wird von der Allgemeinheit bedenklich klag- und sorglos hingenommen.

Wir alle müssen offenbar rein sicherheitshalber beobachtet und sicherheitshalber zurechtgewiesen werden. Konsequenterweise sollte man dieser potenziell verbrecherischen und potenziell verdummten Allgemeinheit auch das Wahlrecht entziehen. Rein sicherheitshalber, versteht sich.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

tendenziell gespalten

„Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“. Eine rosa Liebhab-Welt voller Marshmallows wird uns alljährlich auf den Bildschirmen präsentiert, wenn der „Eurovision Song Contest“ stattfindet. Doch offenbar ist das nur reine Showkulisse.

Wie war das noch vor ein paar Jahren, als eine Reihe von Terroranschlägen die Welt erschütterte: „Je suis Paris“, „We are London“, „Wir sind Brüssel“ tönte es voller Empathie durch die sozialen Medien: „Wir stehen zusammen, wir fühlen mit“.

Mag sein. Aber doch lieber jeder für sich. Erst waren es die Briten, die sich aus der EU volksabstimmten, prompt wollte sich Schottland aus dem Vereinigten Königreich abmelden, und aktuell eskaliert der Streit in Spanien um Katalonien.

Außerdem will Korsika nicht mehr zu Frankreich gehören, Flamen und Wallonen wollen keine Belgier mehr sein, und sogar Grönland und Färöer mit gerade je 50.000 noch-Dänen wollen lieber eigene Briefmarken haben und eigene Fähnchen hissen.

Im Zeitalter zwanghafter Political Correctness muss man auch mit Ironie und Satire vorsichtig sein, aber nun doch mal bitte… die Lombardei!!! Grönland!!! Färöer!!! Was soll das? Und das, wo der französische Präsident Macron kürzlich noch „Europa neu gründen“ wollte.

Womöglich war und ist es genau das Problem, dass den Menschen eine Europäische Union mitsamt gemeinsamer Währung aufgezwungen wurde, und zwar aus rein wirtschaftlichen Gründen - ebenso, wie die Zwangsglobalisierung die Menschen zu einer glatten Gegenbewegung treibt.

Als ob die Menschheit, inklusive der Europäer, keine anderen Probleme hätte. Der Planet überhitzt, die Polkappen schmelzen weg, doch jeder will rechtzeitig zum Weltuntergang sein eigenes Fähnchen schwenken können.

Dienstag, 26. September 2017

mächtig erschüttert

„Alle Macht geht vom Volke aus“ heißt es in unserem Grundgesetz. Mit dem kleinen politischen Beben nach der Bundestagswahl könnte man das fast wieder glauben. Die Frage ist allerdings wie immer: Was fängt man damit an?

Der politische Seismograph zeigte am Wahlabend verschiedene Formen von Erschütterung: Das Wahlergebnis wurde als „politisches Beben“ bezeichnet, in den sozialen Medien wiederum waren Menschen unter anderem „erschüttert“ und „bestürzt“. Na, vielleicht ist das ein klein wenig zu hoch aufgehangen.

Hauptsächlicher Grund dafür sind amtliche 12,6% Wählerstimmen für die „AfD“ und damit deren Einzug in den Bundestag. Im Ausland wurde das als „Normalisierung der politischen Verhältnisse“ bezeichnet, schließlich war das deutsche Parlament bislang das einzige weit und breit ohne Rechtspartei.

Hierzulande nimmt man diesen „Rechtsruck“ deutlich ernster. Als wären „die Deutschen“ plötzlich massenhaft rechtsradikal geworden. Dabei sind die meisten Wähler von CDU und SPD zur „AfD“ übergelaufen. Wenn alle diese Rechtsradikalen in vier Jahren wieder CDU und SPD wählen, ist alles wieder in Ordnung(?).

Man sollte vielleicht nicht vergessen, dass die „AfD“ vor ein paar Jahren aus reinen Protestbewegungen entstanden ist, parallel u.a. zu einer gewissen „PEgIdA“. Was damals noch gegen „den Islam“ gerichtet war und sich aus akuter Terrorangst speiste, drehte die „AfD“ in nationalistische Windrichtung zum Protest gegen die Flüchtlingspolitik.

Dem entsprechend ist der Tenor der meisten „AfD“-Wähler: „Damit die da oben mal anfangen nachzudenken“. Angesichts des aktuellen Getöses um das Wahlergebnis hat man das offenbar tatsächlich geschafft. Was lernen wir daraus für die Zukunft: Protestwählen ist mindestens so erfolgreich wie es angeprangert wird. So gesehen geht doch tatsächlich „alle Macht vom Volke aus“.

Dienstag, 12. September 2017

pädagogisch sabotiert

Wer meinen Blog bis hierhin verfolgt hat, dem ist auch mein Sohn als Grundschüler bekannt. Damit ist es jetzt allerdings vorbei. Mit dem heutigen ersten Schultag (in Bayern) ist er Gymnasiast. Und das hat unter anderem auch für Sie als geneigtem Leser dieses Blogs Konsequenzen, nämlich thematische.

Der erste Schultag an einer so genannt weiterführenden Schule findet natürlich mit dem dazugehörigen Tammtamm statt. Eine Vollversammlung aufgeregter Fünftklässler in elterlicher Begleitung, begrüßt vom Schulleiter nebst ausgewähltem Lehrpersonal, Eine spannende Angelegenheit für alle Beteiligten.

Nachdem die Kinder ihren Klassenlehrern zugewiesen wurden, wird mitsamt Eltern zum ersten Mal das Klassenzimmer gestürmt und besichtigt. Und der leitende Pädagoge hält eine zehnminütige Begrüßungsrede, die sich gewaschen hat und die man im Grunde kaum glauben möchte:

„Ihr seid Meister geworden und seid jetzt hier in der Champions League“, erklärt der Klassenlehrer. Und weiter sinngemäß: „Und worum geht es da? Man will den Pokal gewinnen. Das ist hier am Gymnasium das Abitur. Aber bis dahin müsst ihr in jedem Jahr immer wieder Meister werden! Okay, der zweite Platz reicht auch“.

Na, das ist mal eine Einstimmung. Natürlich könnte so ein Lehrer auch erzählen, was es so alles Spannendes in den nächsten Jahren zu lernen gibt, und wieviel Freude das machen kann und wird. Aber nein. Bei freier Wahl der Mittel baut die leitende Lehrkraft offenbar lieber einen Anfangsdruck auf und sabotiert damit sämtliche elterliche Maßnahmen, dem Kind statt solchem Druck die Lernfreude zu erhalten.

Damit geht diese künstliche Druckausübung auf die Kinder also fröhlich weiter. Es begann bereits im Kindergarten („Was auf der Schule alles verlangt wird!“, hieß es) und setzte sich auf der Grundschule fort („Wenn ihr auf’s Gymnasium wollt, dann müsst ihr…“). Setzt man einmal wohlwollend voraus, dass Erzieherinnen und Lehrer das nicht aus Spaß machen, fragt man sich: warum dann?

Und so entpuppt sich das allgemeine Gerede über „Bildung“, das Lästern über so genannte „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder bedingungslos auf’s Gymnasium peitschen, während es doch viel(-)mehr um die Freude am Lernen gehen würde, als bloßes Geschwafel. Die knallharte Praxis bekommen die Kinder zu spüren, unter anderem doch tatsächlich durch ihre Lehrer.